Sorokin, der zu den bedeutendsten Gegenwartsliteraten Russlands zählt, stellt seinen Roman Sugar Kremlin (Der Zuckerkreml) vor. Die Lesung findet in deutscher Sprache statt. Darauf folgt die musikalische Vertonung des Stummfilmklassiker Aelita (UdssR, 1924) von Kourliandski, aufgeführt vom Ensemble „2e2m“ unter der Leitung von Pierre Roullier. 1924, noch vor Fritz Langs Metropolis, hat „Aelita“ des Regisseurs Aleksandrovi? Protazanov nach dem gleichnamigen Roman von Aleksej Nikolaevic Tolstoj dem Moskauer Publikum den Atem stocken lassen. Der Film erzählt die Geschichte einer Reise in einen Traum in dem Realität und Fantasie alsbald verschwimmen. Der Titel bezieht sich auf die Protagonistin Aelita, Königin eines fernen Planeten, die mit einem starken Teleskop danach Ausschau hält, was auf der Erde passiert. Sie beobachtet dabei im Besonderen den Ingenieur Los und seine Kollegin Spiridinov. Der Komponist Dmitri Kourliandski, schon immer vom Film fasziniert, beschreibt es folgendermaßen: „Ich kenne diesen Film seit meiner Kindheit und mag ihn sehr. Aelita ist ein Film, der mich heutzutage immer noch fasziniert, weil er verschiedene Prinzipien russischer Kunst jener Epoche widerspiegelt. Er ist ein Dokument des Konstruktivismus und des Futurismus aufgrund der Kostüme und der Dekoration einerseits und andererseits ein Dokument über die Realität der zwanziger Jahre. Voll von ironischer Kritik, die erbarmungslos die Sitten und Gebräuche jener Zeit im Gewand einer melodramatischen Komödie à la Hollywood zeichnet.“ Schläuche, Gläser, Harmonika oder ein WaterphoneUm den Zeitgeist der Industrialisierung einzufangen, hat der Komponist unkonventionell Instrumente verwendet, wie Schläuche, Gläser, Harmonika sowie ein Waterphone, ein atonales Geräuschinstrument – eine Art Wassertrommel, um den Wind in einem leerstehenden Fabrikgebäude darzustellen, aber ohne die Wahrnehmung des Publikums zu stören. In der Art der Organisation der zeitlichen Abläufe gibt es eine vorgegebene Struktur. Die Klänge verwandeln sich. Eine Vielzahl an Alltagsgegenständen dient der Geräuscherzeugung – Flaschen, Eimer, Spielzeug. Die Instrumentalstimmen folgen einer strengen Kanonstruktur. Ein Symbol der Fließbandproduktion oder der unendlichen Vervielfachung. Die Vertonung von Kourliandski öffnet neue Perspektiven und bietet eine zeitgenössische Lesart des Films: der Soundtrack folgt nicht unbedingt der Entwicklung der Geschichte, sondern kreiert eine allgemeine akustische Atmosphäre. Kourliandski erklärt seinen Ansatz folgendermaßen: „Die Musik ist Klangwolken gleich, die auf die Handlung des Films so natürlich zu reagieren scheinen wie Wolken auf den Wind. Denn selbst wenn der Wind schneidend und heftig ist, verändern sich die Wolken nur langsam.“ Der Autor Vladimir Sorokin Vladimir Sorokin zählt zu den interessantesten und ketzerischsten Stimmen der russischen Gegenwartsliteratur. Vor rund zwanzig Jahren erschien sein Roman „Die Schlange“, den er noch vor Glasnost und Perestroika geschrieben hat und der durchweg in wörtlicher Rede geschrieben auf Dialoge der Schlangestehenden aufgebaut ist. In seinen Erzählungen ist die Sprache der Straße der wahre Protagonist, in seiner Poliphonie von Stimmen aus verschiedenen Blickwinkeln. In Sugar Kremlin (Der Zuckerkreml) versüßt die Wut und die Gewalt mit der die Menschen Tag für Tag konfrontiert werden in einer Gesellschaft in der die Kultur aus freien Stücken tot erscheint. Der Komponist Dmitri KourliandskiDmitri Kourliandski wurde 1976 in Moskau geboren. Seine Kompositionen wurden in Russland, Frankreich und England mehrfach ausgezeichnet und seine Musik wird bei internationalen Festivals und durch namhafte Ensembles aufgeführt. Derzeit ist er Composer in Residence beim Ensemble 2e2m in Paris. Dmitri Kourliandski ist Gründer und Herausgeber der russischen Zeitschrift Tribuna Sovremennoi Muzyki (Tribüne der zeitgenössischen Musik) und Mitbegründer der Structural Resistance Group (StRes). Die Veranstaltung in der Gärtnerei Galanthus in Lana (Erzherzog Eugen Str. 3) beginnt um 20.30 Uhr.