„Der schoss mehr Tore als er Chancen hatte“, sagte Fritz Walter, Kapitän der deutschen Weltmeistermannschaft, über den Stürmer aus Schlesien. <BR /><BR /><BR />Am 21. November beginnt die Fußball-Weltmeisterschaft in Katar. Deutschland ist bereits qualifiziert, Polen nicht – die Mannschaft um den Weltfußballer Robert Lewandowski muss in den Ausscheidungsspielen ab dem 24. März versuchen, einen der 3 letzten in Europa noch zu vergebenden Plätze zu ergattern. <BR /><BR />Lewandowski ist ein begnadeter Stürmer, auf dem besten Weg zur Legende. Eine solche hätte auch ein anderer sein können, der einst ebenfalls für Polen stürmte und später in Deutschland spielte – und von dem der Kapitän der deutschen Weltmeistermannschaft von 1954, Fritz Walter, einst sagte: „Der schoss mehr Tore als er Chancen hatte“ – hätte er in einer anderen Zeit gelebt. Die Rede ist von Ernst „Ezi“ Willimowski. <BR /><BR />Willimowski wurde 1916 in Kattowitz/Katowice geboren, das damals wie fast ganz Schlesien zum Deutschen Reich gehörte. Sein Vater fiel im selben Jahr im Ersten Weltkrieg. In Oberschlesien sprachen viele Polen Deutsch, mancher Deutsche Polnisch, daneben gab es den deutschen Dialekt und auch einen polnischen (das sogenannte Wasserpolnisch oder Schlonsakisch). <BR /><BR />Willimowskis Mutter war laut Bekannten „deutsch eingestellt“; sie sprach mit ihrem Sohn deutsch. Als ihr Sohn 9 Jahre alt war, heiratete sie erneut; der Stiefvater wird als polnischer Patriot geschildert. Schon als Kind muss Willimowski gut Polnisch gesprochen haben. <BR /><BR /><Fett>Wasserpolnisch und Schlonsakisch</Fett><BR /><BR />Der „Ezi“ gerufene Willimowski jagte seit frühester Jugend unermüdlich mit seinen Freunden dem Ball nach. Gespielt wurde auf der Straße. Kattowitz gehörte zum 1919 neu erstandenen Staat Polen. Hat „Ezi“ auf Deutsch oder auf Polnisch den Ball gefordert? Er wird jene gebraucht haben, die ihm gerade in den Sinn kam – oder auch den polnischen Dialekt. <BR /><BR />Dieser ist heute höchst aktuell. Bei den letzten Volkszählungen haben sich in Oberschlesien viele Bürger zu einer „schlesischen Minderheit“ bekannt, obwohl dies keine ethnische, sondern eine regionale Kategorie ist. <BR /><BR />So mancher Schlesier will mit seiner Erklärung vermeiden, eine ethnische Zugehörigkeit anzugeben. Gründe dafür sind kollektiv tief eingegrabene Erfahrungen, nicht zuletzt aus der Kriegs- bzw. der Nachkriegszeit: Unter deutscher Herrschaft wurde alles Polnische unterdrückt, mit entfesselter, unfassbarer und bis heute nachwirkender Gewalt während des Naziregimes, nach 1945 traf es alles Deutsche. Bis heute ist es kein Zuckerschlecken, als Deutschsprachiger in Polen zu leben.<BR /><BR /><Fett>Deutscher oder Pole? Er wollte nur Fußball spielen</Fett><BR /><BR />Ernst Willimowski wollte von solchen Fragen nichts wissen: „Er hat sich nie viel aus Nationalitäten gemacht. Er war mal der Pole, mal Deutscher, so wie er am besten durchkam“, wird seine Tochter Sylvia in einem Buch zitiert – offenbar war Willimowski ein Vorläufer all jener, die als Schlesier eine Ersatzidentität suchen. „Er war kein politischer Mensch, er wollte nur Fußball spielen“, sagt seine Tochter.<BR /><BR />Das tat Willimowski mit überragendem Erfolg – wie viele Jahre später seine ebenfalls aus Schlesien stammenden fußballerischen „Enkel“ Lukas Podolski (1985 in Gleiwitz/Gliwice geboren) und Miroslaw Klose (geboren 1978 in Oppeln/Opole). 1934 – mit 18 Jahren – wurde Willimowski mit Ruch Wielkie Hajduki (heute Ruch Chorzow) polnischer Meister, es folgten 3 weitere Meistertitel. <BR /><BR /><Fett>Willimowski schoss als erster 4 Tore in einem WM-Spiel</Fett><BR /><BR />Im gleichen Jahr debütierte er in der polnischen Nationalmannschaft. In 22 Länderspielen schoss er 21 Tore für Polen; allein 4 im denkwürdigen Achtelfinale bei der WM 1938 in Frankreich gegen Brasilien, das die Südamerikaner mit größter Mühe 6:5 gewannen. Willimowski war der erste, dem das in einem WM-Spiel gelang.<BR /><BR /><Fett>Die Deutschen blieben verdächtig im Polen-Team</Fett><BR /><BR />Unumstritten waren Willimowski und seine oberschlesischen Kameraden im polnischen Team nicht, obwohl sie unverzichtbare Stützen waren. In Polen war alles Deutsche verdächtig: Willimowski war daher immer wieder Ziel nationalistischer Angriffe. <BR />Dabei tat er auch im polnischen Nationalteam das, was er am besten konnte: Tore schießen. Am 9. September 1934 erzielte er in Warschau den zwischenzeitlichen 1:1-Ausgleich im Spiel gegen Deutschland (Endstand 2:5), und auch 4 Jahre später war er in Chemnitz von den deutschen Verteidigern kaum zu bändigen. <BR /><BR />Knapp ein Jahr später brach der Zweite Weltkrieg aus; deutsche Truppen marschierten in Polen ein. Der Fußballbetrieb kam praktisch zum Erliegen. Willimowski landete in Deutschland. Mit dem TSV 1860 München gelang ihm 1942 der Pokalsieg – gegen das als schier unbezwingbar geltende Schalke 04 von Kuzorra, Szcepan & Co. Willimowski schoss das erste Tor beim 2:0-Sieg der „Löwen“. <BR /><BR /><Fett>13 Tore in 8 Spielen für das deutsche Team</Fett><BR /><BR />1941 debütierte Willimowski in der deutschen Nationalmannschaft (heute verbietet der Weltverband FIFA solche Wechsel). Zum 4:1 gegen Rumänien steuerte „Ezi“ 2 Tore bei. In 8 Spielen für das deutsche Team schoss er 13 Tore – eine noch heute unfassbare Quote. Zwar waren die meisten Gegner zweit- oder gar drittklassig, weil Deutschland wegen des Krieges isoliert war. Doch Willimowski erzielte im Oktober 1942 wieder 4 Tore beim 5:3 über die hoch angesehene Schweizer Mannschaft, mit keinem geringeren Gegenspieler als dem als Weltklasseverteidiger eingestuften Severino Minelli.<BR /><BR />Mit Kriegsende war Willimowskis internationale Karriere beendet. In Polen durfte er sich nicht mehr blicken lassen, und in Deutschland wurde längere Zeit nicht mehr international Fußball gespielt. Deutschland nahm erst 1954 wieder an einer WM teil – da war „Ezi“ bereits 38. <BR />Sein Alter hinderte ihn aber nicht daran, sich 1955 noch einmal die Torjägerkrone in der Oberliga Südwest zu sichern, in der höchsten deutschen Spielklasse also. Übrigens vor einem gewissen Fritz Walter… <BR /><BR /><Fett>In Polen erinnert man sich wieder an Willimowski</Fett><BR /><BR />Seine Karriere ließ Willimowski 43-jährig als Spielertrainer ausklingen. 1175 Tore soll er in seiner Karriere erzielt haben; Statistiker setzen ihn an die dritte Stelle der weltweiten Torjägerliste aller Zeiten, hinter Artur Friedenreich und Pelé, aber vor Franz „Bimbo“ Binder aus Wien, Ferenc Puskas und Alfredo di Stefano.<BR /><BR />In Zeiten des Kommunismus war Willimowskis Name in Polen tabu. Seit einigen Jahren erinnert man sich aber wieder an den Oberschlesier: Immer wieder liegen Blumen und Fan-Schals von Ruch Chorzow auf Willimowskis Grab in Karlsruhe, wo dieser Fußballer, der viel mehr Aufmerksamkeit verdient hätte, vor fast 25 Jahren starb, am 30. August 1997.<BR /><BR />Literaturhinweise:<BR />Karl-Heinz Haarke/Georg Kachel, „Die Lebensgeschichte des Fußball-Altnationalspielers Ernst Willimowski“, Verlag Laumann 1996<BR />Thomas Urban, „Schwarze Adler – Weiße Adler“, Verlag Die Werkstatt 2011<BR />