Donnerstag, 15. Oktober 2015

Währungsunionen und Währungsräume

An der Fallstudie der in Verona entstandenen Bernerwährung – Bern ist die deutsche Übersetzung von Verona – werden in Schloss Runkelstein die Geschichte und die Entwicklung eines Währungsraumes aufgezeigt.

Zwanzigkreuzerstück (Testone) Kaiser Maximilians I.
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Zwanzigkreuzerstück (Testone) Kaiser Maximilians I.

Über den Kreuzer als Bernervielfaches blieb der Veroneser Währungsraum vom 899 bis zur Reichsmünzordnung von 1551 bestehen. Dabei handelte es sich nicht um eine Währungsunion, die von oben herab den Bürgern durch zwischenstaatliche Abkommen auferlegt wird – ein aktuelles Beispiel ist der Euroraum –, sondern um einen Währungsraum. Dieser beruht auf dem Vertrauen der Menschen in eine stabile Münze als Wertmesser, wie es seinerzeit der Berner war.

Von der einheitlichen Reichsmünze zur regionalen Vielfalt

Die römischen Denare, die bis zu ihrem Untergang im 3. Jahrhundert, als erste Welthandelsmünze im gesamten Mittelmeerraum und weit darüber hinaus Gültigkeit hatten, ließ erst Karl der Große 550 Jahre später als „novi denarii“ mit einheitlichem Gewicht (1,7 g) und Feingehalt aufleben. Europa hatte damit seine erste mittelalterliche Einheitswährung erhalten. Im oberitalienischen Raum prägten diesen karolingischen Denar – den „Euro des Mittelalters“ – die Münzstätten Mailand, Pavia, Venedig und Treviso.

Geldmäßig bedeutete die Reichsteilung von 849 eine allmähliche Entfernung von der Währungsunion des Karolingerdenars und eine Tendenz zur Vielfalt verschiedener Währungsräume. Kurzum, der Denar, deutsch: Pfennig, hatte nur in der Währungslandschaft, wo er geschlagen worden war, Geltung ohne dass er dabei auf Feinheit oder Gewicht geprüft worden wäre.

Neues zu den Anfängen der Veroneser Prägungen

Im Dezember 2006 wurde in Mailand bei einer Münzversteigerung ein bisher unbekannter Veroneser Denar Rudolfs II. von Burgund, der von 924 bis 926 König von Italien war, versteigert. Er stammt also aus einer Zeit, als das Regnum Italicum  Schauplatz rücksichtsloser Machtkämpfe geworden war.

Zumal kein aus dem genannten „Regnum“ stammender Feudaladeliger als König infrage kam, wurden immer wieder französische, provenzalische und deutsche Adelige für dieses Amt bestimmt, denen der Königstitel und der Reichtum des Landes ein großer Anreiz war. Außerdem waren seit 899 ungarische Reiterhorden in den östlichen oberitalienischen Raum eingefallen und hatten damit das Ende der Münzstätte Treviso bewirkt. Als Folge beginnt erstmals die  Prägetätigkeit in Verona.

Das zuvor genannte Veroneser Unikat steht am Anfang aller sich eindeutig auf die Stadt an der Etsch beziehenden Prägungen und trägt als solches die Inschrift VERONA CIVITAS R(egia). 

Befestigte Städte, wie das in spätromisch-ostgotischer Zeit stadtmauernverstärkte Verona – die Stadt Dietrichs von Bern (=Theoderich von Verona) – war für die mit Belagerungsmaschinen unerfahrenen ungarischen Reiter uneinnehmbar. Das sichere Verona stand somit am Ausgangspunkt einer wegen seiner leicht sperrbaren Klause und anderen Bollwerken von den Ungarn gemiedenen Brennerstrecke, die nun allmählich als Nord-Süd-Verbindung aufgewertet wurde: 901 Schenkung des Maierhofs Prichsna durch Ludwig IV. an Bischof Zacharias von Säben, Ausbau von Castelfeder, Formigar / Sigmundskron und Ampass sowie Kiechlberg (Thaur) nördlich des Brenners. Außerdem war Verona Auffangpunkt des aus dem Norden stammenden Bergsilbers.

Von der Gemeinschaftsregierung Hugos mit seinem Sohn Lothar (931-945) gibt es Denare, die mit ihrem in Kreuzform geschriebenen Stadtnamen VERO-N-A ein neues kennzeichnendes Charakteristikum der Prägestätte aufweisen.

Während in Italien von den Ungarnzügen außer zerstörter Kirchen kein archäologisches Fundgut erhalten blieb, zeigen eine Menge von Reitergräbern aus dem Karpatenbecken, dass vor allem gemünztes Edelmetall Ziel der ungarischen Begierde war. Verschiedene gelochte Hugo/Lothar-Denare aus Verona traten bei der Ausgrabung von Mensch-Pferdbeisetzungen als Zaumzeugschmuckstück zum Vorschein.

Entstehung des Veroneser Währungsraumes

Nach dem Sieg über Berengar II. im Jahr 962  – dessen Veroneser Münzen bereits ein verändertes Münzbild zeigen – reorganisierte Otto I. das oberitalienische Münzwesen. Alle Münzen, auch die von Verona, tragen fortan die Namen der deutschen Kaiser und Könige.

Angesichts des wachsenden Handelsvolumens und der damit verbundenen Geldwirtschaft wurde das zum Münzen notwendige Silber immer knapper und wertvoller. Auch die Stadt Verona, die als Endpunkt der Brennerroute über das vom Norden kommende Silber verfügte, musste sich dem allgemeinen Trend der oberitalienischen Prägestätten anpassen und ging bereits unter den Ottonen dazu über, Feingehalt und Größe der Münzen zu verringern.

Als Beleg für die unaufhaltsame Ausbreitung des Veroneser Geldes sei der 1885 in Pfatten, südlich von Bozen, entdeckte Hort von ca. 5200 Bernern, der vor 1177 verborgen wurde, erwähnt.

Ungefähr 12 Jahre nach der Verbergung des Schatzfundes wird in Schloss Ulten (Eschenlohe) zwischen Graf Arnold von Eppan und Bischof Konrad von Trient ein sehr wichtiger Vertrag abgeschlossen, in dem alte Veroneser erwähnt werden, wie sie im Schatzfund von Pfatten enthalten waren sowie neue Veroneser Kreuzmünzen. Diese geschüsselten, nur mehr hemdknopfgroßen Pfennige mit schriftteilendem Kreuz auf beiden Seiten verbreiteten sich in der Folge weit über den Brenner hinaus.

Der Sieg des Adlers über das Kreuz. Große Pfennige (Grossi) in der Münzstätte Verona und in den Prägestätten an der Brennerstrecke.

Gegen Ende des 12. und zu Beginn des 13. Jahrhunderts entstanden in der Lombardei und in der Toskana als Ausdruck von Wirtschaftsaufschwung und Handelsüberschüssen die ersten großen Pfennigvielfachen, auch Grossi genannt. Durch deren Prägungen war nun auch der Bargeldtransfer größerer Summen möglich.

In Verona schlug man Mehrpfennigmünzen zu 20 Bernern ab ca. 1230/40, fast gleichzeitig mit den bischöflichen Grossi von Trient. Um mit Verona konkurrenzfähig zu bleiben stellte die Bischofsstadt 1255 neue Grossi zu 20 Bernern her.

Die größte Konkurrenz für Verona sollte jedoch eine neue, wegen ihrer günstigen Silberzufuhr überaus gefährliche Münzstätte am oberen Etschlauf, nämlich Meran, werden. Hier wurden ab 1259 ebenfalls Zwanzigbernerstücke geschlagen.

Über die „Silberstange“, eine raffinierte Erfindung Meinhards II. (gest. 1295), war die Silberzufuhr in die Münzstätte Meran gesichert worden. Weinausfuhr nach Norden war nur gegen Zwangseinwechslung deutscher Silberbarren gegen gutes Meraner Geld erlaubt.

In Verona, wo die Silberzufuhr durch die Tiroler Konkurrenz nur mehr stockend verlief, war man nun gezwungen, von der typischen Schriftmünze auf eine Adlerdarstellung und ein Doppelkreuz wie auf den Meraner Münzen umzusteigen.

Somit erschwindelte man das den Tiroler Grossi entgegengebrachte Vertrauen mit leicht verwechselbaren Veroneser Prägungen.

Die Porträtmünzen Kaiser Maximilians I. und die endgültige Schließung der Münzstätte

Im Krieg Kaiser Maximilians I. mit Venedig kam die Stadt Verona am Alpenrand als Einfallstor nach Italien von 1509 bis 1516 in kaiserlichen Besitz. Der humanistisch ausgerichtete Kaiser, der Verona mit Stolz sein „Dietrich-Bern“ nannte, ließ dort besonders schöne „Testoni“ prägen; ein Ausdruck der italienischen Porträtkunst der Rennaissance. Kaiser Maximilian, der letzte Prägeherr von Verona, bezeichnete sich auf den Haller Münzen erstmals als Herrscher vieler Provinzen Europas.

Es steht zu hoffen, dass über ein gemeinsames europäisches Geldwesen der europäische Gedanken keine leere Worthülse bleibt.

Fünfhundert Jahre nach diesem großen europäischen Münzherren sind wir einem wirtschaftlich, sozial und kulturell sowie nicht zuletzt politisch gemeinsamen Europa einerseits nähergekommen, andererseits sieht sich dieser Zusammenschluss gerade in der Eurokrise heute großen Schwierigkeiten ausgesetzt. Gewiss ist, dass Europa nie ein Schmelztiegel unterschiedlicher Kulturen und regionaler Eigenheiten war. Und dies sollte sich auch in Zukunft nicht ändern.

Helmut Rizzolli

Auf Schloss Runkelstein in Bozen wurde am Donnerstag die Ausstellung „Der Veroneser Währungsraum“ eröffnet; sie ist eine Zusatzausstellung zur seit März gezeigten Ausstellung  „Verona – Tirol. Handel und Kultur am Brennerweg bis 1516“. Die Zusatzausstellung bleibt bis Februar geöffnet. 

 

 

stol