<i>von „Dolomiten“-Leser Lukas Plattner</i><BR /><BR />Wäre es möglich, dass Südtirol ein eigenständiger Staat würde? Wäre das überhaupt erstrebenswert und von Vorteil für das Land und die Bevölkerung? Würde es angesichts der Eigenheiten des Landes und dem scheinbaren Erfolg der „Kleinstaaten“ in Europa Sinn machen, sich noch selbstständiger und gezielter zu verwalten? Würde es eine stärkere gemeinsame Identität und den Zusammenhalt der verschiedenen Sprachgruppen fördern? <BR /><BR />Ich hatte das Privileg im Rahmen meiner Arbeit und auch privat einiges von Italien sehen zu dürfen. Ich bewundere die Schönheit dieses Landes, schätze seine Kultur und die Menschen. Es kam jedoch nicht selten vor, dass mir – wie wahrscheinlich auch vielen anderen – die Frage gestellt wurde, ob wir Südtiroler uns überhaupt als Italiener fühlen, oder doch eher als Österreicher. <BR /><BR />Auch wenn diese Frage stets recht zügig mit „Italiener“ beantwortet wurde, fiel mir nach einiger Zeit auf, dass die Antwort für mich als Angehörigen der deutschen Sprachgruppe nicht so leicht und vor allem nicht klar ist. Genauso wenig wie die Meinung der Fragenden zu unserer Zugehörigkeit (nicht etwas die des Landes selbst, das ist für die meisten Fragenden ganz klar, sondern die der Bevölkerung). Nach reichlicher Überlegung, Beobachtung und Gesprächen mit verschiedenen Leuten, muss ich zugeben, dass ich mich nicht zu 100 Prozent italienisch fühle, auch nicht österreichisch. Ich fühle mich als Südtiroler.<h3> „Es scheint mir nur so, als wäre das Leben und die Kultur hier weder vollkommen italienisch noch österreichisch“</h3>Das soll auf keinen Fall eine Abneigung gegen Italien ausdrücken. Immerhin stammt mein Großvater aus dem Veneto. Es scheint mir nur so, als wäre das Leben und die Kultur hier weder vollkommen italienisch noch österreichisch. Ich maße mir nicht an, über die Nachkriegszeit, die Besetzung Südtirols und die daraus folgenden Missständen zu sprechen, da ich diese nur aus Erzählungen kenne. Nichtsdestotrotz finde ich es wichtig, darüber Bescheid zu wissen. Sicher ist die kulturelle Ähnlichkeit der deutschen Sprachgruppe in Südtirol zu den Nord- und Osttirolern noch heute unverkennbar, vielleicht sogar zu den Welschtirolern/Trentinern. <BR /><BR />Trotzdem bereichert die Mischung der 3 Sprachgruppen und der dazugehörigen Kulturen, meines Erachtens, unser Land ungemein. Leider folgen daraus auch manchmal Konflikte und Ausgrenzung. Selten vermischen sich Angehörige verschiedener Sprachgruppen wirklich, vielen ist es nicht möglich, sowohl Deutsch als auch Italienisch zu sprechen, von Ladinisch ganz zu schweigen. Viele wollen es auch schlicht und ergreifend nicht. Vielleicht resultiert dieser Zwist aus mangelndem gegenseitigem Respekt und Gemeinschaftsgefühl. <BR /><BR />Manchmal kann es einem so vorkommen, als würde sich in diesem Land jeder als Minderheit fühlen. Die deutschen Muttersprachler auf staatlicher Ebene und die italienischen Muttersprachler auf Landesebene.<BR /> Ich würde mich gern als Südtiroler identifizieren und mit mir jeden Bewohner dieses Landes, egal welcher Sprachgruppe er angehört. Nicht jenen als „Italiener“, den anderen als „Ladiner“ und den nächsten als „Deutschen“. <h3> „Es würde mir Freude bereiten, alle unter einem Hut oder einer Flagge vereint zu sehen“</h3>Es missfällt mir, dieser Sorge oder gar Angst mancher beizuwohnen, die italienische Sprache könne die deutsche aus Südtirol verdrängen und mit ihr auch die Tiroler Kultur, und genauso missfällt mir das Pochen einiger darauf, man solle hier nicht Deutsch sprechen, wir seien immerhin in Italien. Selbstverständlich bin ich mir bewusst, dass dies etwas überspitzt dargestellt ist und das Autonomiestatut alle Gruppen schützt, bewahrt und uns viel Freiheit zur Selbstbestimmung gewährt. Jedoch würde es mir Freude bereiten, alle unter einem Hut oder einer Flagge vereint zu sehen, sodass jeder versucht, alle 3 Amtssprachen zu erlernen, oder wenigstens zu respektieren und sich selbst und alle anderen Mitbürger als seinesgleichen anerkennt und mit Stolz einen Südtiroler nennen würde. <BR /><BR />Man könne aufhören, nebeneinander und beginnen wirklich miteinander zu leben. Gemeinsam am Erhalt und am Ausbau der Schönheit unseres Landes arbeiten. Südtirol könnte zunehmend zu einem friedlichen, erfolgreichen, sicheren und freundlichen Land werden, in welchem gegenwärtige und zukünftige Generationen gerne bleiben und in das sie heimkehren wollen. Die zunehmende Abwanderung von Südtirolern würde damit vielleicht gedämmt. <BR /><BR />Könnte unsere besondere Situation nicht das Fundament einer „Kultur“, einer „Gemeinschaft“ sein, welche weder die jeweiligen Vaterländer Österreich und Italien vergessen und aus seiner Geschichte und Gunst tilgen sollte, sich aber seine Eigenheit eingestehen und das Beste daraus machen sollte? Vielleicht könnte unsere Gemeinschaft zu einem positiven Vorbild oder einem „erstrebenswerten Zustand“ werden, eine Gesellschaft, der Gäste und Einwanderer angehören möchten, der sie sich mit Freude anschließen würden und welche sie auch aufnehmen kann, anstatt mit einem Beispiel von gesellschaftlicher Spaltung, Ungleichheit und Konflikt voranzugehen. <BR /><BR />Mir ist klar, dass dies auch im gegenwärtigen Zustand möglich ist und es sich hierbei vielleicht mehr um ein emotionales als um ein politisches Anliegen handeln könnte. Da dies eine subjektive Beobachtung ist, wäre es klarerweise auch möglich, dass diese Nachricht außerhalb meines Kopfes wenig, bis gar keinen Sinn macht. <h3> Sagen Sie Ihre Meinung – im STOL-Leserforum</h3><b>Wie denken Sie darüber?</b> Schreiben Sie uns! Leserbriefe zum Thema an <a href="mailto:redaktion@stol.it" target="_blank" class="external-link-new-window" title="">redaktion@stol.it</a>