<b>Von Martin Tinkhauser</b><BR /><BR />Wieder hat Gietl eine neue Linie über einen Eisfall eröffnet, die „Aura“ (1200 Meter, M6 AI5). Es ist die x-te in diesem Winter, denn den Luttacher Salewa-Athleten hat das Eisfall-Kletterfieber gepackt. <BR /><BR />Ein einzigartiger Kletterspaß, „weil kein Winter gleich ist wie der vorige und schon ein paar Tage entscheiden können, ob du das, was dir ins Auge sticht, auch wirklich klettern kannst“. Es muss halt einen Sinn haben, dass man genau diese Tour mitten im Winter klettert, gibt Simon als Regel für seine Entscheidung aus.<BR /><BR />Zurück zum Langkofel: Das Herzstück der „Aura“ besteht aus dem 350 Meter hohen Eisfall, der „Legrima“ (A. Holzknecht, H. Moroder 07.-09.02.2013), nach unten bis zum Wandfuß verlängert. „Den ganzen Winter schon beobachteten wir diesen perfekten Streifen über die Webcam und rätselten, wie die Konsistenz wohl wäre? Eis oder Pulverschnee?“, erzählt Gietl.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1006601_image" /></div> <BR /><BR />Zu Beginn ging es 2 Seillängen (80 Meter) der Sommerroute „Prinzessin im Herzen“ (I. Rabanser) entlang und weitere 7 Seillängen (350 Meter) über den Eispanzer bis zum Beginn der „Legrima“. „Die Hauptschwierigkeiten bestanden im Anbringen von Sicherungen oder im Akzeptieren, dass es halt keine gibt“, meint Simon mit leichter Ironie. Nach 4 weiteren Seillängen (200 Meter) auf der „Nordkante“ (E. Pichl, W. Waizer, August 1918) erreichten die beiden Freunde eine unscheinbare Biwakhöhle, wo sie die Nacht verbrachten. <BR /><BR />Am nächsten Tag ging es bei teilweise stürmischem Wind über die Nordkante zum 3181 Meter hohen Gipfel des Langkofels. Abgestiegen sind die beiden Alpinisten nach St. Christina, von wo sie in alter Trampermanier zurück zu ihrem Auto am Sellajoch kamen. Die Zweitagestour der beiden Alpinisten wird in Fachkreisen als Eröffnung einer „kühnen Linie“ gefeiert. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1006604_image" /></div> <BR /><BR />Es ist immer wieder das gleiche Spiel, erläutert Simon. Wenn die Temperaturen sinken und über Felswände abfließendes Wasser eindrucksvolle Eisgebilde formt, suchen seine Augen unerlässlich nach neuen Linien. Nicht selten begibt er sich zum Einstieg einer solchen Eisformation und studiert die Beschaffenheit, und immer wieder muss er erkennen, dass das, was optisch perfekt aussieht, an diesem Tag nüchtern und objektiv gesehen noch ein unkalkulierbares Risiko birgt.<BR /><BR />Es ist das kurze Zeitfenster, an dem diese Eiszapfen kletterbar sind, das Spontane, das Simon reizt: „Eine Route im Fels hat heute und in 5 Jahren immer den gleichen Schwierigkeitsgrad. Ein Eisfall kann seine Konsistenz und damit den Schwierigkeitsgrad im Laufe eines Winters mehrmals ändern oder er entsteht gleich gar nicht, und das über Jahre.“<h3> Nur kurze Zeitfenster</h3>„Eisklettern ist“, wie Simon findet, „wenn man so will auch nachhaltig, denn es bleibt nichts zurück – kein Haken, kein Seil, nur ein Loch im Eis, dort, wo ein Eishaken eingedreht war.“ Und genau diese kurzen Zeitfenster haben es in sich, wie Gietl erklärt: „Es ist schon fast so wie bei den berühmten Landschafts-Hotspots.“ Berichte über gelungene Eiskletter-Touren im Internet verlocken zahlreiche Fans des Eiskletterns dazu, sich ebenfalls an diesen Touren zu versuchen, solang es eben möglich ist.<BR /><BR />„Da kann dann schon sein, dass plötzlich 10 Seilschaften am Fuß stehen.“ Dabei bestehe beim Eisklettern noch viel mehr als beim Felsklettern die Gefahr, dass schon eine einzige Seilschaft über dir ungewollt Eisbrocken losbrechen lässt. Diese Brocken mit ihren zum Teil messerscharfen Kanten könnten sehr gefährlich werden.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1006607_image" /></div> <BR /><BR />Und wie lange ist ein Eisfall mit kalkulierbarem Risiko kletterbar? „Das ist schwierig zu sagen“, meint Simon und ergänzt lachend: „Wenn dir das Wasser beim Ärmel hinein und bei der Hose herausläuft, ist es wohl definitiv zu warm.“ Solche Warmwetterperioden gab es besonders in diesem Winter immer wieder, aber beendet ist die Saison, wie sich gerade erst bei der Tour auf den Langkofel gezeigt hat, heuer noch nicht.<BR /><BR />Die erste wirklich besondere Tour hat Simon im aktuellen Winter schon im November in der Pordoj-Westwand geklettert. Zwei der Touren, die er im alten Jahr noch eröffnet hat, waren schon wenige Wochen später nicht mehr existent. „Wenn dann eine Tour in Alpinistenkreisen so einschlägt wie die Mont-Agner-Linie, die zu den wichtigsten Winterbegehungen der Dolomiten zählt, ist das die größte Ehre, die einem Alpinisten zuteil wird“, meint Simon und wendet seinen Blick nach oben, in den blauen Himmel, so als möchte er sagen, dass es mit dem Frühling-werden noch ein bisschen dauern darf, denn ein paar Ideen für seine vergängliche Leidenschaft wären noch da.