Donnerstag, 12. Mai 2016

Wahl von Casapound "geschichtsvergessen"

Der Wahlerfolg der neofaschistischen Bewegung Casapound bei den Bozner Gemeinderatswahlen sorgt im ganzen Land für Entsetzen: Nun haben Orfeo Donatini, Präsident des Partinsanenverbands ANPI Bozen, und die Schriftstellerin Sabine Gruber dazu Stellung genommen. Sie drücken ihre tiefe Besorgnis aus.

Sichtbare Spuren der faschistischen Vergangenheit: das Duce-Relief am Gerichtsplatz.
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Sichtbare Spuren der faschistischen Vergangenheit: das Duce-Relief am Gerichtsplatz. - Foto: © D

Das Ergebnis lässt auf eine erschreckende Abwesenheit jeglichen historischen Bewusstseins schließen, und dies in einer Stadt, in der sich sowohl der italienische Faschismus als auch der Nationalsozialismus auf allen Ebenen austobten und heute noch gut sichtbare Spuren hinterließen, teilen Donatini und Gruber in einer Aussendung mit.

Eine der tragischsten Folgen dieser Zeit sei die Vernichtung der jüdischen Gemeinde in Meran, die nicht nur zum internationalen Ruf der Kurstadt Meran, sondern auch wesentlich zur wirtschaftlichen und infrastrukturellen Entwicklung der Stadt Bozen beitrugen.

Jüdische Pionierleistungen am Virgl

Die Standseilbahn auf den Virgl und ihr Restaurant wurden vom Bankier Siegmund Schwarz initiiert und gefördert, um einen der schönsten Aussichtspunkte der Stadt öffentlich zugänglich zu machen.

Siegmund Schwarz war der erste Präsident der 1907 gegründeten Virglbahngesellschaft. Aber schon vorher investierte er gemeinsam mit seinem Bruder Arnold Schwarz - beide Mitglieder der jüdischen Gemeinde in Meran - in die Überetscherbahn, die Mendelbahn oder in die Einsenbahnverbindung zwischen Mori, Arco und Riva. Ab September 1943 wurde der Raum um den Bozner Bahnhof bombardiert. Der 1940 eröffnete Virgltunnel wurde als Luftschutzraum genutzt, ab Juni 1944 als Zwangsarbeitsstätte der Häftlinge des Durchgangslagers in der Bozner Reschenstraße. Dessen mörderische und exzessive Gewalttätigkeiten wie zum Beispiel gegenüber Rechtsanwalt Wilhelm Alexander Loew-Cadonna sind bekannt.

Faschismus und Nationalsozialismus beenden Blütezeit

In den 1950er und 1960er Jahren gab es drei italienischsprachige Verwaltungsräte der Virglbahngesellschaft, die sich beim Erwerb von Häusern jüdischen Besitzes ab dem Jahr 1938, dem Jahr der italienischen Rassengesetze, zu billigsten Preisen bereichert hatten. Vorbesitzer, wie Jenny Vogel und ihre Tochter Ernestine, wurden deportiert.

Ein anderer Verwaltungsrat der Virglbahngesellschaft erpresste die aus Meran geflüchtete und dort versteckte, achtzehnjährige Dora Haber, damit sie ihr Haus verkaufe. Ihr kurz zuvor verstorbener Vater Samuel Haber hatte in den Meraner Berglauben viele Jahre lang eine Gemischtwarenhandlung geführt. Der Wirtschaftsfachmann täuschte Dora Haber vor, dass jüdischer Hausbesitz wie etwa das Hotel Bellaria bereits eingezogen worden sei und, wenn sie nicht rasch verkaufe, ihr bei einer Sequestrierung durch die Nazis nicht mehr genügend finanzielle Mittel fürs weiter Überleben blieben. Dora verkaufte.

Neofaschismus "in aller Schärfe ablehnen"

"Dies sind nur einige, aber typische Beispiele für die in Südtirol erfahrene Unmenschlichkeit, die nicht vergessen werden darf, um eine Zukunft der respektvollen Begegnung zu gewährleisten", schreiben Donatini und Gruber. Nicht zuletzt aufgrund der Erfahrungen aus der Geschichte könne es sich die durch kulturelle Vielfalt ausgezeichnete Südtiroler Gesellschaft erlauben, Neofaschismus genauso wie Neonazismus mit aller gebotenen Schärfe abzulehnen. Der österreichisch-jüdische Journalist und Buchautor Karl Pfeifer, der als Junge vor den Nationalsozialisten in Österreich flüchten musste, kennt Südtirol sehr gut. Zum Zuwachs von Casapound in Bozen bemerkt er: "Fortschritte konnten in Südtirol nur durch die Zusammenarbeit von Menschen verschiedener Muttersprachen erreicht werden. Rechtsextremisten aller Muttersprachen hingegen erzielen Erfolge durch Verbreitung von Hass und Mißgunst, die ihnen helfen im Trüben zu fischen."

stol