Prof. Jansen bringt nach Brixen auch ein spannendes Forschungsprojekt zu Bionik mit: „Uns interessiert nun, wie genau funktioniert das Abschauen von der Natur, wie funktionieren bionische Entwicklungsprozesse?“<BR /><BR /><BR /><BR /><b>Ihr Curriculum weist jede Menge Stationen an deutschen Universitäten auf. Wie kam es zum Wechsel nach Südtirol?</b><BR />Ludger Jansen: Trotz meines Alters hatte ich bisher noch keine unbefristete Stelle. Nun hat sich diese Möglichkeit aufgetan, die Stelle passte – thematisch wie landschaftlich. <BR /><BR /><b>Der Standort Südtirol hat also eine Rolle gespielt?</b><BR />Jansen: Ich hatte vor einigen Jahren schon einmal eine Gastprofessur in Bozen, kenne Südtirol also ein wenig. Und ich kann mir gut vorstellen, dauerhaft hierzubleiben. <BR /><BR /><b>Was werden Sie an der PTH Brixen lehren?</b><BR />Jansen: Wo man mich braucht: Metaphysik, Wissenschafts- und Erkenntnistheorie, Sprachphilosophie, philosophische Anthropologie, Philosophie der Neuzeit... Und natürlich werde ich, da ich auch Theologen ausbilde, einen Fokus auf die Religionsphilosophie legen. Ich möchte aber auch eine Verbindung zu anderen Fächern schlagen.<BR /><BR /><b>Ihr derzeitiges Forschungsprojekt schafft solche Verbindungen. Sie gehen dabei der Frage nach, was und wie der Mensch von der Natur lernen kann?</b><BR />Jansen: Richtig, in einem Projekt, das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanziert wird. Wir werfen einen philosophischen Blick auf die Bionik. Seit jeher haben sich Menschen Dinge von der Natur abgeschaut. Uns interessiert nun, wie genau funktioniert dieses Abschauen, wie funktionieren bionische Entwicklungsprozesse? Welche Folgerungsstrukturen verwenden die beteiligten Biologen und Ingenieure? Was sind die Erfolgskriterien? Und wo könnte der Computer dabei helfen?<BR /><BR /><embed id="dtext86-56108600_quote" /><BR /><BR /><b>Sie nehmen also Beispiele aus der Bionik unter die Lupe?</b><BR />Jansen: So 2 Handvoll werden wir uns genauer ansehen und die Entwicklungsprozesse nachvollziehen. Im Mittelpunkt der Bioniker steht eine gewünschte technische Funktion. Dann wird versucht, die gleiche Funktion in der Natur zu finden. Aber Lebewesen leben in komplexen Situationen, in denen sie sich bewähren müssen. Anders als Maschinen, die auf diese eine Funktion reduziert sind. Es lässt sich also nicht alles einfach so 1:1 abkupfern. Vielleicht kann uns der Computer helfen, das Wissen um Wirkprinzipien, das uns die Natur gibt, sinnvoll zu strukturieren und zu verknüpfen, so dass sie uns dann als Datenbank zur Verfügung stehen.<BR /><BR /><b>Wer ist da „wir“?</b><BR />Jansen: Mein Mitforscher ist Dr. Manfred Drack von der Universität Tübingen. Er ist Biologe und Ingenieur, ich Philosoph. Damit bringen wir zu zweit alle für das Projekt relevanten Fächer zusammen.<BR /><BR /><b>Spielt Philosophie in der Gesellschaft heute noch eine Rolle? Es klingt etwas verstaubt...</b><BR />Jansen: Wenn ich mir die Explosion der Weltbevölkerung ansehe, dann lebt wohl die Mehrzahl der Philosophen, die es jemals gegeben hat, heute. Heute gibt es also mehr Philosophie als je zuvor. Und sie stößt auch in der Bevölkerung auf großes Interesse. Das sehen wir an Vorträgen, aber auch an philosophischen Fernsehsendungen. Und aus meiner Erfahrung aus der Gastprofessur muss ich sagen, dass meine damaligen Südtiroler Studierenden in Sachen Philosophie sehr gute Vorkenntnisse aus der Schule hatten.<BR /><BR /><b>Wie sind Sie persönlich zur Philosophie gekommen?</b><BR />Jansen: Eher zufällig, aber schon sehr früh. Ich bin als Schüler auf ein Sachbuch in unserer Stadtbibliothek gestoßen: „Deutschland deine Denker“. Der erste Denker, der in diesem Buch vorgestellt wurde, war übrigens Nikolaus von Kues, nach dem jetzt meine Professur in Brixen benannt ist. Das fand ich wahnsinnig spannend – und schlussendlich war ich waghalsig genug, es zu studieren und auch zu promovieren.<BR /><BR /><b>Jobgarantie hat man damit vermutlich nicht...</b><BR />Jansen: Das stimmt, aber trotzdem kenne ich keinen Geisteswissenschaftler, der nicht in den Beruf gefunden hätte. Es gibt allerdings keinen vorgezeichneten Pfad; man muss sich seinen Weg selbst suchen. <BR /><BR /><b>Werden wir zum Schluss ein wenig theologie-philosophisch: „Macht euch die Erde unteran“ heißt es in der Genesis. Angesichts der Klimakrise – haben wir da etwas falsch verstanden?</b><BR />Jansen: Das ist tatsächlich eine gerne missverstandene Aufforderung. Denn so wie ein König mit seinen Untertanen umgehen soll, nämlich verantwortungsbewusst und ohne sie kaputt zu machen, so ist auch das Bibelzitat keine Aufforderung zur Ausbeutung der Natur. Denn es geht ja bei dem, was wir tun, nicht nur um uns, sondern auch um nächste Generationen. Wir dürfen, was die Natur uns zur Verfügung stellt, nutzen, aber verantwortungsbewusst. Denn wir haben nicht Anderes. Die Leidtragenden unserer Zerstörung werden unsere Kinder und Enkel sein, Generationen, die wir bereits sehen können. Wir haben es verbockt, jetzt müssen wir schauen, das Problem zu lösen.