Donnerstag, 14. Februar 2019

Was eine Forscherin in alten Liebesbriefen entdeckt

Ob der Liebesbrief aus dem 19. Jahrhundert und Tinder irgendetwas gemeinsam haben? Jein, sagt Ingrid Bauer. Die österreichische Historikerin hat mit einem Team Paarkorrespondenzen aus 200 Jahren untersucht. „Diese Briefe verraten, wie sehr sich Liebesideale, Beziehungen, Sexualität, Bilder von Männlichkeit und Weiblichkeit kulturell gewandelt haben“, so Bauer im Interview mit dem Tagblatt „Dolomiten“.

 Manchmal sind zärtliche Botschaften unter der Briefmarke versteckt worden, um sie vor fremden Augen zu schützen.
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Manchmal sind zärtliche Botschaften unter der Briefmarke versteckt worden, um sie vor fremden Augen zu schützen. - Foto: © shutterstock

„Dolomiten“: Frau Bauer, wann haben Sie das letzte Mal einen Liebesbrief geschrieben?
Ingrid Bauer: Das ist gar nicht so lange her, aber ganz klassisch war er nicht, es war eine lange Email-Liebesbotschaft. In dem Medienmix, der in unseren digitalen Zeiten für die Liebeskommunikation zur Verfügung steht, hat aber durchaus auch der traditionelle Liebesbrief – handgeschrieben und auf Papier – noch seinen Platz. Dem klassischen Liebesbrief wird nach wie vor die Fähigkeit zugeschrieben, der Gefühlsbotschaft eine besondere Bedeutung zu verleihen.

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„D“: Mathilde Hübner schreibt im Mai 1918 ihrem Ehemann Otto Hanzel: „Mein geliebter Mann, mein Einziger!“ Ein besonderer Liebesbrief?
Bauer: Besonders wollen eigentlich alle Liebesbriefe sein. Das Spezielle an diesem Brief ist, dass er aus dem Ersten Weltkrieg stammt und damit aus einer Zeit, in der Liebespaare gezwungen waren, ihre Beziehung über Briefe, die noch dazu der Zensur unterlagen, aufzubauen oder fortzuführen. Der Krieg hat ja Frauen, Männer voneinander getrennt, Feldpostbriefe waren die einzige Möglichkeit, in Kommunikation zu bleiben und sind daher millionenfach als Lebens- und Liebeszeichen zwischen Front und Heimat hin- und hergegangen.

„D“: In Ihrem Projekt „Über Liebe schreiben“ analysieren Sie in Teamarbeit Paarkorrespondenzen des 19. und 20. Jahrhunderts. Was verraten uns die Briefe über die jeweilige Gesellschaft?
Bauer: Die Korrespondenzen stammen aus 2 Jahrhunderten, also einem langen Zeitraum, und verraten uns daher anschaulich, wie sehr sich Liebesideale, Beziehungen, Sexualität, Bilder von Männlichkeit und Weiblichkeit kulturell gewandelt haben. Auch wie darüber geschrieben werden darf/soll, unterliegt den jeweiligen Konventionen einer Zeit.

„D“: Inwiefern unterscheidet sich ein galantes Schreiben von 1840 von einer WhatsApp-Nachricht?
Bauer: Liebesbriefwechsel des 19. Jahrhunderts waren wegen der damaligen engen moralischen Normen oft die einzige Möglichkeit, vor der Ehe Intimes auszutauschen und sich kennenzulernen. Manchmal sind zärtliche Botschaften unter der Briefmarke versteckt worden, um sie vor fremden Augen zu schützen. Und: Es war ein Kommunizieren mit Wartezeit, allein schon wegen dem Postweg. Heute simsen, posten, twittern, chatten, telefonieren wir in Liebesdingen rund um die Uhr – zusätzlich zu den Real Life-Begegnungen. Und wo früher über viele Seiten schwärmerische, gefühlsbetonte, wohlformulierte Worte gesucht wurden, lassen wir heute für unsere Gefühle oft Emojis, Fotos, Videos sprechen und unsere schriftlichen Botschaften sind kaum länger als ein Satz und nicht selten ziemlich profan à la „hey, heute zu dir oder zu mir? und willst du vorher noch was trinken/essen gehen?“

„D“: Was wurde in den 1960-er-, 1970-er-Jahren in Paarkorrespondenzen ausverhandelt?
Bauer: Schon damals hat das Telefon dem Brief den Rang abgelaufen. Wenn noch geschrieben wurde, dann versprühen die Korrespondenzen voll den Aufbruchsgeist dieser Zeit, in der sich Liebe, Erotik und die Rollen von Frauen und Männern aus althergebrachten Normen und Regeln befreien. Da wird in den Briefen viel und lustvoll diskutiert, wie denn das Neue, Freiere in Liebesdingen ausschauen könnte, und auch die gemeinsame Zukunft. Das Entwerfen einer solchen wird von Paaren heute wohl nur mehr in ganz seltenen Fällen in schriftlicher Form vorgenommen werden.

„D“: Paare lernen sich immer häufiger online kennen, sind Facebook, Instagram oder Tinder die Liebesbriefe des 21. Jahrhunderts?
Bauer: Na ja, „die Liebesbriefe“ sind sie nicht, schreiben, posten, Fotos hochladen etc., muss man schon noch selbst, aber sie sind quasi die digitalen Boten, bzw. eine Stufe davor, die digitalen Treffpunkte zum Anbahnen von Beziehungen unterschiedlichster Art. Entsprechende Online-Plattformen haben das klassische Kennenlernen beim Fortgehen schon fast ersetzt. Aber ob die nur einen Klick entfernte Online-Bekanntschaft dann wirklich die „wahre“ Liebe ist, wird sich wohl erst bei den direkten Begegnungen – also offline – herausstellen; und es wird wie zu allen Zeiten mehr Gesten, Worte und Einsatz brauchen als Wischen, Matchen und Liken, wie das etwa bei Tinder, Facebook & Co. der Fall ist.

Interview: Andrej Werth

„Liebe schreiben – Paarkorrespondenzen im Kontext des 19. und 20. Jahrhunderts“ Ingrid Bauer, Christa Hämmerle (Hgg.). Vandenhoeck & Ruprecht, 359 Seiten.

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