Samstag, 17. Februar 2018

„Welt”-Journalist Deniz Yücel in Berlin eingetroffen

Der nach einem Jahr aus türkischer U-Haft entlassene „Welt”-Journalist Deniz Yücel ist am Freitagabend in Deutschland eingetroffen. Der 44-Jährige landete an Bord einer Maschine der Chartergesellschaft Aerowest auf dem Flughafen Berlin-Tegel. Das Flugzeug war wenige Stunden zuvor in Istanbul gestartet.

Deniz Yücel wurde nach einem Jahr aus der Haft entlassen. - Foto: APA (AFP)
Deniz Yücel wurde nach einem Jahr aus der Haft entlassen. - Foto: APA (AFP)

In einer per Twitter verbreiteten Videobotschaft freut sich Yücel nur eingeschränkt über seine Freilassung aus türkischer Haft. „Ich weiß immer noch nicht, warum ich vor einem Jahr verhaftet wurde, genauer, warum ich vor einem Jahr als Geisel genommen wurde - und ich weiß auch nicht, warum ich heute freigelassen wurde”.

„Eine Anklage hab' ich immer noch nicht. Natürlich freue ich mich, aber es bleibt etwas Bitteres zurück”, ließ Yücel wissen. „So wie meine Verhaftung nichts mit Recht und Gesetz und Rechtsstaatlichkeit zu tun hatte, hat auch meine Freilassung nichts mit alledem zu tun”, sagte der 44-Jährige sichtlich bewegt in dem Statement, das auf dem Twitter-Account „Freundeskreis #FreeDeniz” verbreitet wurde. Er danke allen, die in der ganzen Zeit an seiner Seite gestanden hätten.

Weitere Journalisten in Haft

Yücel erinnerte daran, dass immer noch viele Kollegen in der Türkei in Haft sitzen. Er habe seinen Zellennachbarn zurückgelassen, einen türkischen Journalisten, der nur wegen seiner journalistischen Tätigkeit in Haft sitzt - „und viele andere Journalisten, die nichts anderes getan haben, als ihren Beruf auszuüben.”

Der 44-Jährige hatte mehr als ein Jahr ohne Anklage in der Nähe von Istanbul in Untersuchungshaft gesessen. Am Freitag nahm ein Istanbuler Gericht die Anklage wegen „Propaganda für eine Terrororganisation” und „Aufstachelung des Volkes zu Hass und Feindseligkeit” an. Dafür drohen Yücel zwischen 4 und 18 Jahre Haft. Gleichzeitig verfügte das Gericht aber Yücels Entlassung aus der Haft, ohne eine Ausreisesperre zu verhängen.

Der sichtbar erschöpfte Journalist kehrte nach seiner Freilassung zunächst in seine Wohnung im Istanbuler Stadtteil Besiktas zurück. Begleitet wurde er von seiner Frau Dilek Mayatürk.

Angela Merkel erfreut über Freilassung

Deutschlands Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) äußerte sich erfreut: „Ich freue mich natürlich für ihn, ich freue mich für seine Frau und die Familie, die ja ein sehr sehr schwieriges Jahr der Trennung aushalten musste”, sagte sie in Berlin. Die Kanzlerin, die erst am Donnerstag den türkischen Ministerpräsidenten Binali Yildirim empfangen hatte, dankte dem deutschen Außenminister Sigmar Gabriel (SPD) und „allen, die sich dafür eingesetzt haben”, dass Yücel freigekommen sei.

Gabriel wiederum dankte der türkischen Regierung „für ihre Unterstützung bei der Verfahrensbeschleunigung”. Dazu habe er selbst viele direkte Gespräche geführt, in zwei Fällen auch mit Präsident Recep Tayyip Erdogan. Besonders dankte Gabriel dem türkischen Außenminister Mevlüt Cavusoglu.

Er bestätigte auch eine Vermittlermission von Altkanzler Gerhard Schröder (SPD). Schröder sei im Bemühen um eine Freilassung Yücels zwei Mal in die Türkei gereist. Der Altkanzler hatte sich bereits im Herbst bei Erdogan für den damals inhaftierten Menschenrechtler Peter Steudtner eingesetzt. Deutsche Medien sprachen von einem „geheimen politischen Tauziehen.”

Bundesregierung hatte auf Freilassung gepocht 

Ein Sprecher des Auswärtigen Amtes betonte indes, dass es keinen „Deal in irgendeiner Form gegeben hat”, um Yücels Freilassung zu erreichen. Die Bundesregierung hatte in den vergangenen Monaten mit Nachdruck auf die Freilassung gepocht. Die türkische Regierung wiederum berief sich auf die Unabhängigkeit der Justiz - dabei verurteilen Kritiker das Verfahren als politisch motiviert.

Die Freilassung Yücels dürfte zu einer Entspannung der deutsch-türkischen Beziehungen führen. Allerdings sitzen nach wie vor fünf Deutsche nach Einschätzung des Auswärtigen Amtes aus politischen Gründen in der Türkei in Haft. Gabriel äußerte die Hoffnung, dass auch sie freikommen könnten.

Meinungs- und Pressefreiheit in der Türkei weiter eingeschränkt

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International mahnte, auch die anderen inhaftierten Journalisten nicht zu vergessen; die Meinungs- und Pressefreiheit bleibe in der Türkei massiv eingeschränkt. Die im Dezember freigelassene deutsche Journalistin Mesale Tolu sagte im Hessischen Rundfunk, aus dem Slogan #FreeDeniz zur Freilassung Yücels müsse #FreeThemAll für alle inhaftierten Journalisten werden.

Während Yücel am Freitag das Gefängnis verlassen konnte, befand ein Istanbuler Gericht die renommierten Journalisten Mehmet und Ahmet Altan sowie Nazli Ilicak der Beteiligung am Putschversuch von Juli 2016 schuldig und verurteilte sie zu lebenslanger Haft.

„Diese Urteile verhöhnen rechtsstaatliche Prinzipien und die Europäische Menschenrechtskonvention“, kritisierte Amnesty International. Die Journalistenorganisation Reporter ohne Grenzen zeigte sich „entsetzt über das harte Urteil”. Auch 3 weitere Angeklagte wurden am Freitag verurteilt.

apa/ag.

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stol