Wurden 2014 in Bozen 1.005 Neugeborene meldeamtlich registriert, waren es 2024 nur mehr 764 (-24 Prozent). Die Hundezahlen entwickelten sich spiegelbildlich: 2014 gab es 5.889 Hunde in der Stadt, zehn Jahre später bereits 7.386 (+ 25,4 Prozent). Im Durchschnitt stieg die Zahl der Hunde jedes Jahr um 2,3 Prozent, während die Geburtenrate um 2,7 Prozent sank.<h3> „Eine interessante Übereinstimmung, aber...“</h3>Die Übereinstimmung sei interessant – mehr aber auch nicht, betont der Soziologe Roland Benedikter. „Es ist aus wissenschaftlicher Sicht nicht möglich, einen direkten kausalen Zusammenhang herzustellen. Es gibt trotz der vorliegenden Daten keine Studien, die belegen, dass die Menschen wegen eines Hundes auf ein Kind verzichten – oder umgekehrt“, betont er.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1279575_image" /></div> <BR /><BR />Benedikter verweist auch darauf, „dass die Zahl der Hunde in Bozen zuletzt eine Sättigungsphase erreicht hat, sich der Geburtenrückgang aber fortsetzt“ und warnt davor, das Thema der steigenden Kinderlosigkeit „zu moralisieren.“ <h3> „Menschen suchen Ersatzbindungen“</h3>Beim Thema Kinder sei jeder einzelne Fall speziell und für sich zu betrachten. Trotzdem zeigten die Daten aus gesellschaftlicher Sicht einen interessanten Zusammenhang. „Das Stichwort lautet: demographische Schrumpfung bei Überalterung und ihre – oft unbewusste – Kompensation durch Ersatzbindungen“, erklärt der Soziologe.<BR /><BR /> „Eine Studie der Uni Wien zeigt: Je stärker Menschen technologisch vernetzt sind, desto weniger sind sie tatsächlich miteinander verbunden. Das führt dazu, dass wir zwar ständig in Echtzeit mit anderen im Austausch sind, uns aber umso weniger wirklich an jemanden binden, weil immer neue Möglichkeiten entstehen. Da man sich eigentlich nicht entscheiden kann, entstehen Ersatzbindungen.“<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1279578_image" /></div> <BR /><BR />Benedikter: „Menschen wenden sich zum Beispiel mit ihren psychologischen Problemen mittlerweile vermehrt an virtuelle Assistenten. Sie suchen nach realistischen Spielen im Internet, wo bestimmte Verhaltensweisen quasi zum täglichen Ritual werden.“ Das schaffe Identität und eine Art „Heimat“. „Auch die starke Zunahme an Hunden und Haustieren, die man streicheln kann und die eine gewisse Liebe zurückgeben, könnte man soziologisch als einen Teil dieser allgemeinen Entwicklung zu Ersatzbindungen und Ersatzzugehörigkeiten deuten. Als einen Teil der 'Heimatfindung'“, betont Benedikter. Ein Hund könne auch eine Alternative oder Kompensation für allgemein fehlende Zuneigung und Bindung sein. <h3> „Mehrere Gründe für kinderlose Gesellschaft“</h3>Denn „Bindung wird von vielen in der Generation Z, aber auch von heute 40- bis 50-Jährigen, oft als zu große Verantwortung, zu unübersichtlich, schwer planbar oder unsicher erlebt“, so Benedikter. Das grundsätzliche Problem in der Fähigkeit sich zu binden sei nicht die Verweigerung von Verantwortung, sondern das Gefühl, mit Verantwortung überfordert zu sein. Es sei „Selbstüberforderung mit Verantwortung“, aus der Orientierungslosigkeit entstehe. „Ich kann mich eigentlich für nichts entscheiden. Das ist eine Wahrnehmung von Überforderung.“ Gründe für Kinderlosigkeit gebe es mehrere, unterstreicht der Soziologe. <BR /><BR />Abgesehen von der steigenden Unfruchtbarkeit bei Frauen und bei Männern weltweit, einer „stillen, schleichenden Seuche“, sei die Partnersuche komplizierter geworden. Durch das Internet habe man viel mehr Auswahl, man entscheide sich immer weniger. Zugleich sei niemand gut genug, auch weil soziale Medien Vorbilder für ein perfektes Leben präsentierten, dem niemand gleichkommen könne. <BR /><BR />Ein weiterer Punkt „ist die öffentliche Dauerrhetorik von einfach nicht aufhörenden Problemen, Katastrophen, Skandalen und Untergang. (…) Viele Menschen stellen sich deshalb die Frage, ob sie in dieser Zeit überhaupt Menschen in eine Welt setzen sollen, die zu unsicher ist, in der offenbar jederzeit eine Katastrophe passieren kann. Manche sagen dann: Nein, ich will keine Kinder. Dabei leben wir, historisch besehen, in der besten aller Zeiten“, sagt Benedikter, der auch zu niedrige Gehälter für zu teuren Wohnraum in Bozen, ungleiche Bezahlung von Frauen und eine verfehlte Zeitpolitik, u.a. wenig familienfreundliche Zeitmodelle, als weitere Gründe nennt: „Wir haben zu lange Ausbildungswege. Junge Erwachsene haben im fruchtbarsten Alter gar keine Zeit, Kinder zu kriegen“, unterstreicht der Soziologe.