<BR />Beide – Unterkühlung und Erfrierungen – treten gehäuft im Winter auf, können aber in Südtirol, wenn sich jemand bei kühlen Außentemperaturen zu lange im Freien aufhält, nicht warm genug angezogen ist und/oder sich nicht ausreichend bewegt, zu jeder Jahreszeit auftreten. „Eine Unterkühlung liegt vor, wenn die Körperkerntemperatur unter 35 Grad Celsius sinkt“, erklärt Dr. Rosmarie Oberhammer, Fachärztin für Anästhesie und Intensivmedizin am Krankenhaus Bruneck. Kritisch wird es ab 30 Grad, bei Menschen mit Vorerkrankungen bereits bei 31 Grad Celsius. Unterhalb dieser Körperkerntemperatur kann bereits ein Herz-Kreislauf-Stillstand durch Herzrhythmusstörungen auftreten“, erklärt die Fachärztin. Je kälter es ist, desto schneller kann der Körper abkühlen und eine Unterkühlung lebensbedrohlich werden.<BR />Erfrierungen, d. h. lokale Kälteschäden, sind von Unterkühlungen abzugrenzen. Schwere Erfrierungen können zum Verlust der betroffenen Finger, einer oder beider Hände oder Füße führen. Auch wiederholte leichte Kälteschäden können hartnäckige Spätfolgen verursachen, weiß Dr. Oberhammer.<h3> Wie sich der Körper vor der Kälte schützt</h3>Was macht unser Organismus, um sich vor Kälte zu schützen? Bei kalten Umgebungstemperaturen startet der Körper ein Selbstschutzprogramm: Er aktiviert den Sympathikus und versucht zunächst über eine gesteigerte Atmung, die Aktivierung des Kreislaufes mit Blutdruck- und Herzfrequenzanstieg und über Muskelzittern Wärme zu produzieren und damit den Wärmeverlust auszugleichen. Gelingt dies bei anhaltender Kälteeinwirkung nicht mehr, wird die Blutzufuhr zu Armen und Beinen, aber auch zu Nase, Wangen und Ohren gedrosselt, und zu den lebenswichtigen Organe umgeleitet. <BR /><BR /><embed id="dtext86-67500048_quote" /><BR /><BR />„Unterkühlte Menschen müssen rasch wiedererwärmt werden“, betont Dr. Oberhammer. Dies erfolge unter anderem von außen über Decken, chemische Wärmeelemente und Warmluftgebläse, die bis zu 40 Grad warme Luft über die Körperoberfläche verteilen. „Einen schwer unterkühlten Patienten behandeln wir wie ein rohes Ei“, sagt die Ärztin. „Wird er ruckartig bewegt, kann das kalte Schalenblut aus der Peripherie zum Herzen gelangen und dort über gefährliche Rhythmusstörungen einen Herzstillstand auslösen.“ Bei sehr schweren Unterkühlungen kann der Patient im Herzkreislaufstillstand unter laufender Wiederbelebung über eine mobile Herz-Lungenmaschine an der Intensivabteilung am Krankenhaus Bozen wiedererwärmt werden. Das gilt auch für Patienten mit einem sehr instabilen Kreislauf. Seit es diese Möglichkeit in Südtirol gibt, wurden bereits mehrere Patienten erfolgreich, d. h. ohne bleibende Schäden, wiedererwärmt.<h3> Erfrierungen behandeln: Je schneller desto besser</h3>Erfrierungen bzw. lokale Kälteschäden hingegen entstehen, wenn die Gewebetemperatur unter den Gefrierpunkt des Gewebes absinkt. Die Haut in den peripheren Körperteilen wird kalt, blass und taub. Es werden 4 Schweregrade der Erfrierungen unterschieden (siehe Text unten).<BR /> „Wir stellen immer wieder fest, dass wiederholte auch leichte Kälteschäden oft viel hartnäckigere Folgen nach sich ziehen können als schwere Erfrierungen“, erklärt die Fachärztin für Anästhesie und Intensivmedizin. Die Betroffenen können unter chronischen Schmerzen, lokalen Missempfindungen, Durchblutungsstörungen und einer extremen Kälteempfindlichkeit leiden, die bereits bei plus 16 Grad Celsius beginnen kann, sagt Dr. Oberhammer. <BR />Bei der Behandlung von Erfrierungen gilt: Zeit ist Gewebe. Je schneller eine Behandlung beginnt und die Durchblutung in den erfrorenen Körperteilen wieder in Gang gesetzt wird, umso eher kann ein Gewebeverlust vermieden werden. An erster Stelle steht auch bei den Erfrierungen die möglichst rasche Wiedererwärmung des betroffenen Areales – im Warmwasserbad. Weiters werden Medikamente zur Gefäßerweiterung, zur Förderung der Durchblutung sowie zur Hemmung der Blutgerinnung, in speziellen Fällen zur Auflösung von Blutgerinnseln, begleitet von einer Schmerztherapie eingesetzt.<h3> Der Extremfall: 23 Stunden unter der Lawine überlebt</h3>Noch wenig erforscht ist die Behandlung von Erfrierungen bei schwer unterkühlten Patienten. Die Behandlung des 53-jährigen Skitourengehers, der im vergangenen Jahr am Setsass im Gadertal 23 Stunden lang unter einer Lawine begraben war und schwere Erfrierungen an jener Hand hatte, die aus dem Schnee ragte, ist deshalb beispielhaft. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1100421_image" /></div> <BR /><BR />Bereits wenige Stunden nach seiner Aufnahme im Krankenhaus Bozen und dem Erreichen einer „sicheren“ Körpertemperatur von 30 Grad Celsius wurde mit der medikamentösen Spezialbehandlung der Erfrierungen begonnen – der Patient verlor nicht einmal eine Fingerkuppe! „Die Kombination aus Unterkühlung und Erfrierung und die Wirkung von Medikamenten in schwer unterkühlten Körpern ist derzeit in der Forschungsliteratur noch kaum untersucht“, sagt Dr. Oberhammer, die in die Erfrierungstherapie des 53-Jährigen einbezogen war.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1100424_image" /></div> <BR /><BR /><b>Im schlimmsten Fall droht die Amputation</b><BR /><BR /> Bei Erfrierungen werden je nach betroffener Gewebeschicht 4 Schweregrade unterschieden. Die Fachärztin für Anästhesie und Intensivmedizin am Krankenhaus Bruneck, Dr. Rosmarie Oberhammer, erläutert die 4 Stufen. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1100427_image" /></div> Eine erstgradige Erfrierung kennen die meisten (siehe Grafik). „Die Finger werden blass, es beginnt einen ,zu nägeln‘, aber man hat immer noch ein Gefühl in den Finger- und Zehenspitzen“, erklärt Dr. Rosmarie Oberhammer. Eine erstgradige Erfrierung bedarf keiner ärztlichen Hilfe, sie kann durch Wärmezufuhr selbst behandelt werden. <BR /><BR />Bei Grad 2 geht das Gefühl in den Extremitäten verloren. „Der Schmerz lässt nach und man denkt sich, dass man grad noch einmal Glück gehabt hat“, erläutert die Fachärztin. Dabei beginne es genau jetzt gefährlich zu werden, sofern die Kälteexposition nicht unterbrochen werde. Neben dem fehlenden Gefühl sei auch die Blasenbildung ein Alarmzeichen. Blasen treten klassischerweise in den ersten Stunden einer Erfrierung auf, bei höhergradigen Erfrierungen können auch bis zu 72 Stunden vergehen. Als Folgeschäden bei Grad 2 sind oft Nägelwachstumsstörungen und eine extreme Kälteempfindlichkeit – bereits bei Temperaturen um die plus 16 Grad – zu beobachten.<BR /><BR />Hält die Kälteexposition weiter an, betrifft die Erfrierung tiefere Schichten und größere Gewebeareale. Gewebe- und Knochenverlust inklusiv Amputationen sowie Gelenksveränderungen sind häufig bleibende Folgen von schweren Erfrierungen (Grad 3 und 4). Diese Patienten müssen v. a. in der ersten Phase in einer Krankenhausabteilung mit Erfahrung in der Behandlung von schweren Erfrierungen versorgt werden. Das Krankenhaus Bruneck ist seit vielen Jahren eine Anlaufstelle für Erfrierungspatienten. Öfters werden Patienten im Netzwerk auch nur vorgestellt und das weitere wohnortnahe Vorgehen besprochen.<BR /><BR /><BR /><b>Interview mit Dr. Rosmarie Oberhammer</b><BR /><BR /><b>Woran erkennt man eine Unterkühlung, die ein Notfall ist?</b><BR />Dr. Rosmarie Oberhammer: Solange jemand wach und kontaktfähig ist und vor Kälte zittert, reichen Aufwärmen am Ofen und warme gezuckerte Getränke. Dadurch erhält der Körper Energie, um selbst Wärme zu produzieren, z. B. durch Muskelkontraktionen, die wir als Kältezittern wahrnehmen. Wenn jemand nicht mehr zittert, ist es kritisch. Antwortet der Patient zudem nicht mehr richtig und reagiert verzögert, sollte sofort die 112 gewählt werden. <BR /><BR /><b>Wer ist von Kälteschäden besonders betroffen?</b><BR />Oberhammer: Frauen haben häufig einen niedrigen Blutdruck und eine schlechtere periphere Durchblutung. Das erhöht das Risiko. Bestimmte Berufe, wie Handwerker, die im Freien arbeiten, und Heeresangehörige sind gefährdet, Erfrierungen zu erleiden, ebenso Sportler, v. a. wenn sie in extremen Höhen unterwegs sind, und Obdachlose. Alkohol und Drogen erhöhen durch die Bewusstseinsveränderung das Risiko für Erfrierungen und Unterkühlung. Auch Kinder verlieren schneller Körperwärme als Erwachsene. Durch den höheren Anteil an Männern in bestimmten Berufen sowie dem unterschiedlichen Freizeitverhalten, Alkohol- und Nikotinkonsum sind Frauen zahlenmäßig seltener von Kälteschäden betroffen.<BR /><BR /><b>Wie häufig sind Erfrierungen?</b><BR />Oberhammer: Häufiger treten Erfrierungen als Unterkühlungen auf. Es gibt einige Situationen, bei denen man nicht zwangsläufig an Erfrierungen denkt. So kann es bei unsachgemäßem Verwenden etwa der Partydroge Lachgas bei direktem Kontakt mit dem Auslassventil, wo tiefste Temperaturen auftreten können, zu Erfrierungen an Händen, Lippen, Mund und Lungen kommen. Das passiert auch bei unsachgemäßem Hantieren mit Gasen im Berufsalltag oder wenn man bei Prellungen Eiswürfel direkt auf die Haut auflegt. Gefährdet sind hier Personen mit Gefühlsstörungen, wie sie bei Diabetikern häufiger sind. <BR /><BR /><b>Ihr Tipp: Was gehört im Winter in den Rucksack?</b><BR />Oberhammer: Mütze, Fäustlinge und Silberfolie, weil sie vielseitig einsetzbar ist: Sie ist ein wirksamer Schutz gegen Kälte; sie ist reißfest und man kann im Notfall daraus eine Trage machen oder einen Oberarm schienen. Sie ist auch ein Sonnenschutz, wenn man auf dem Gletscher seine Sonnenbrille verloren hat und die Augen schützen muss.