Der Tourismus steht gerade bei der einheimischen Bevölkerung immer wieder auch in der Kritik. Werner Zanotti, Geschäftsführer der Tourismus-Genossenschaft-Brixen, über Overtourism, Bettenstopp und steigende Preise. <BR /><BR /><b>Herr Zanotti, auf den Straßen und Plätzen sind derzeit viele Touristen unterwegs. Wie sieht die Buchungslage aus?</b><BR />Werner Zanotti: Ab Mitte Juni haben die Menschen sehr kurzfristig und zurückhaltend gebucht. Danach ist die Nachfrage angestiegen. Wir haben die Buchungszahlen von 2018/2019 erreicht. Die Buchungslage in den Rekordjahren 2021/2022 war eine Ausnahme nach Corona. Inzwischen hat der Gast aus Deutschland und Italien wieder den touristischen Weltmarkt entdeckt, und wir haben uns auf der natürliche Nachfrage eingependelt.<BR /><BR /><b>Die Klagen über die Preissteigerungen sind laut. Das Eisacktal versucht seit Jahren die Preise zu erhöhen. Ist das mit der derzeitigen Krise vereinbar?</b><BR />Zanotti: Die allgemeine Belastung ist hoch. Doch die Betriebe – sei es im Beherbergungs- wie im Gastronomiebereich – brauchen einen gewissen Umsatz, um arbeiten zu können. Diesen können sie bei weniger Frequenz und weniger Auslastung mit höheren Preisen erreichen. Dies ist auch mit dem vorhandenen Personal möglich. Im Tourismus werden wir die Preissteigerung erst zeitversetzt spüren. Da die Leute erst zu einem späteren Zeitpunkt die Ausgaben für Urlaub und Freizeit einschränken. Doch wir müssen weiter den Mut haben, den richtigen Preis für unsere Arbeit festzulegen.<BR /><BR /><b>Wird sich der Gast Südtirol noch leisten können?</b><BR />Zanotti: Der Gast wird die Preise akzeptieren. Er wird sich Südtirol vielleicht nicht mehr 2 Mal, sondern nur mehr ein Mal im Jahr oder gar nur mehr alle 2 Jahre leisten können. Es wird sich verändern wie vieles.<BR /><BR /><b>Zum Beispiel?</b><BR />Zanotti: Wir müssen den Tourismus in Brixen internationalisieren. Wir haben bisher mit Deutschland, Österreich, der Schweiz und Italien gut gearbeitet und den Benelux, UK- und US-amerikanischen Raum vernachlässigt. Die Strategie, von wenigen Ländern abhängig zu sein, ist gefährlich. Deshalb sollten wir uns internationalisieren.<BR /><BR /><b>Wie stehen Sie zum Bettenstopp?</b><BR />Zanotti: Es steht mir nicht zu, die politische Arbeit zu kommentieren. Die Entscheidung treffen Politiker. Doch ich glaube in der Wirtschaft wie im Tourismus darf es keinen Stillstand geben. Es muss möglich sein, mittel- und langfristig ohne Deckelung zu wachsen. Betriebe – und auch die nächste Generation – brauchen eine Perspektive, neue Ideen umzusetzen. Veränderungen bedeuten auch Wachstum. Es ist eine Katastrophe, wenn wir Unternehmen nicht arbeiten lassen.<BR /><BR /><b>Die Bevölkerung steht dem ständigen Wachstum zum Teil auch durchaus kritisch gegenüber...</b><BR /> Zanotti: Wir Touristiker haben hier einen großen Fehler gemacht. Wir sind zu gewissen Themen mit Bevölkerungsteilen, die mit dem Tourismus nichts zu tun haben, nicht in Dialog getreten und haben anderen das reden überlassen. Dadurch wird mit Begriffen wie Overtourism oft sehr populistisch umgegangen. <BR /><b><BR />Gibt es Overtourism also nicht?</b><BR />Es gibt hier sehr große Unterschiede. Es gibt natürlich Gebiete, in denen die Grenze erreicht ist. Es gibt aber auch geografische Gebiete und Zeiträume, in denen nicht viel los ist. Hier muss man offen sein und mit der Bevölkerung in Dialog treten. Der Tourismus muss sich in den kommenden 10 Jahren einer neuen Herausforderung stellen. Er muss den Einheimischen in den Mittelpunkt stellen und den Gast als jemanden sehen, der in die Lebenswelt des Einheimischen hinzukommt. Der Tourismus muss dem Einheimischen zum Vorteil gereichen. <BR /><BR /><b>Was heißt das für Sie konkret?</b><BR />Zanotti: Zum Beispiel haben wir mit der Bevölkerung von Gereuth und am Pfeffersberg in den letzten Jahren einen regen Austausch. Dort wurde gemeinsam mit der Gemeinde Brixen der Gereuther Höfeweg geschaffen. Hier ist eine ganz andere Entwicklung notwendig als im Plosegebiet, das bereits mit Betrieben touristisch viel erschlossener ist. Wir müssen aber auch bei diesen Betrieben für die notwendige Frequenz sorgen. Zum Beispiel braucht ein Wirt, der ganzjährig auf der Ackerbodenalm ist, Gäste, um eine solche Infrastruktur führen zu können. <BR /><BR /><b>Wie sehen die Buchungen für Herbst und Winter aus?</b><BR />Zanotti: Für den Winter liegen keine Zahlen vor. Das ist zu früh. Im Herbst ist Brixen sehr stark. Die Buchungen sind derzeit sehr zufriedenstellend. Wir dürfen optimistisch sein.<BR />