Vom Förster Stefan Sprenger erfährt unser Autor viel über Wildtiere im Winter, was im Nationalpark schief läuft und was sich Südtirol von den Nachbarn in der Schweiz abschauen könnte. <BR /><BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="712025_image" /></div> <BR /><BR /><BR /><BR />„Ich habe mir schon ein bisschen Sorgen gemacht. Wir sind hier in freier Wildbahn, da gibt es keine Garantie“, sagt Stefan Sprenger, und drückt mir mit stolzem Lächeln sein Fernglas in die Hand. Doch so einfach ist es für mich als Laie nicht, zu sehen, was der Förster dort oben auf einem windexponierten Grat hoch über Sulden entdeckt hat. Die 8,5-fach-Vergrößerung seines Glases reicht für mich nicht aus.<BR /><BR /> Ich erblicke nur einen Haufen grauschwarzer Steine, der vor meinen Augen hin und her wackelt. Erst als der Förster sein Spektiv mit 60-Fach-Vergrößerung auf einen Felsblock legt, erkenne auch ich die Gämsen. Zwei liegen friedlich nebeneinander in einer Grasmulde, etwas entfernt sehe ich noch eine und dann eine weitere mit gebeugtem Kopf über ein Geröllfeld stapfen. Die beiden Liegenden blicken ab und zu Richtung Tal, sodass man den schwarzen Streifen zwischen Maul und Ohren deutlich erkennt. Es seien Geißen, weibliche Tiere, sagt Sprenger. „Bei Böcken sind die Krucken – so nennt man die Hörner – dicker und stärker gekrümmt.“ <BR /><BR /><b>Winterfell gegen sibirische Kälte</b><BR /><BR />30 Zentimeter Schnee liegen an diesem Tag in Sulden. Die Lärchen ziert noch ihr rostfarbenes Herbstkleid. Ritschratsch tönen die Skier, klackklack die Bindungen, am Pistenrand unter der Rosimbahn marschiert eine Skitourengruppe bergauf. Über den buckligen Ortlergipfel wehen Schneefahnen - weiße Flatterbänder vor einem tiefblauen Winterhimmel.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="712028_image" /></div> <BR /><BR /> Die Gämsen tragen ihr Winterfell, lange Deckhaare und eine dichte Unterwolle, so trotzen sie dem sibirischen Winter auf 3.000 Metern Höhe. „Das Fell ist im Winter dunkler – fast schwarz, um die wärmende Sonne anzuziehen“, sagt Sprenger. Der Förster liebt die Natur, er weiß ziemlich viel über sie. Um halb neun Uhr war ich mit ihm beim Tourismusbüro in Gomagoi, das auch von der Parkverwaltung genützt wird, verabredet. <BR /><BR />In der einzigen geöffneten Bar im Ort trank ich vorher einen Kaffee. Ein Bärtiger mit verwittertem Gesicht schickte mich, als ich nach dem Parkbüro fragte, weiter hinauf nach Trafoi, er wusste es nicht besser. Der Mann trank seinen Kaffee bei minus fünf Grad draußen auf der Terrasse. „Wie verbohrt muss man sein, um sich das anzutun?“, fragte die Kellnerin mit einem Augenrollen an mich gewandt, bevor sie dem Kerl seinen Kaffee hinausbrachte. Von dieser Sorte, Impfverweigerern, gebe es hier einige, meinte die Kellnerin. „Je tiefer drinnen im Tal, desto sturer sind sie.“<BR /><BR /><b>Der Mythos Hermelin</b><BR /><BR />Seit gut 20 Jahren arbeitet Stefan Sprenger beim Nationalpark. Im oberen Stock des runden Gebäudes saßen wir unter einem Steinbockgeweih, am Boden hockte ein ausgestopfter Hase, neben uns auf dem Tisch bleckte ein Wiesel seine kleinen scharfen Zähne. Die schwarze Schwanzspitze deute auf das Große Wiesel hin, das Hermelin, sagte Sprenger. Dessen Fell färbt sich im Winter weiß – bis auf die Schwanzspitze, so kann man es vom Mauswiesel unterscheiden.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="712031_image" /></div> <BR /> Dem Hermelin haftet ein mythischer Ruf an. Seit dem Mittelalter symbolisiert sein weißes Fell Reinheit, Hermelinpelze waren Fürsten und hohen geistlichen Würdenträgern vorbehalten. Ich fände es spannend, mich an die Fersen des kleinen Räubers zu heften. „Da hätten wir kaum Chancen, es wäre reiner Zufall, dass uns das Hermelin über den Weg läuft“, winkte Sprenger ab. Wir einigten uns auf eine Gamspirsch. Auch nicht schlecht. <BR /><BR />Während wir in einem Fiat Panda mit dem Logo des Nationalparks an der Tür - ein Adler mit gespreizten Flügeln - am milchigen Suldenbach entlang in das gleichnamige Tal fuhren, erzählte Sprenger, dass sein Vater Jagdaufseher war. Mit ihm sei er schon als Kind viel draußen gewesen, vom Vater habe er das Interesse für die Natur geerbt. „Ich war ein Kind, als sie uns den Hund vergifteten, sie schossen auch durch die Haustür in die Wohnung herein“, erzählte Sprenger. Sie: die Wilderer.<BR /><BR /> Zu den Aufgaben der Parkförster gehören Kontrollen – auch nächtliche, wenn Wilderer unterwegs sind. „Einmal erwischten wir zwei auf frischer Tat. Einer ist ein bekannter Hotelier, er veranstaltet häufig Wildwochen. Sie hatten Pfefferspray dabei.“ Was Stefan Sprenger nervt, ist bürokratisches Tohuwabohu, „Casino“ nennt er es. 2016, beim Übergang der Verwaltungskompetenzen an das Land, sei viel von einem neuen Berufsbild der Förster geredet worden. „Wir sollten Ranger werden, Touristen die hiesige Flora und Fauna erklären.“ Geschehen sei nicht viel. Allerdings gab es damals 15 Parkförster, heute sind es 10. „Einer wird bald in Pension gehen, nachrücken wird keiner“, sagt Sprenger.<BR /><BR /><b>Die Schweizer machen es besser</b><BR /><BR /> Er wünscht sich ein Reglement, wie etwa im nahen Schweizer Nationalpark, wo man die Wege nicht verlassen darf. Picknicken ist dort nur in ausgewiesenen Arealen erlaubt. „Das Wild bräuchte Ruhezonen. Vor allem im Winter, wenn immer mehr Tourenfahrer kreuz und quer die Hänge herunterfahren. Das ist Gift für geschwächte Tiere.“ Ein Kollege, erzählt Sprenger, habe ihm 2016 prophezeit, dass sich durch den Wechsel zum Land nichts ändern werde. „Bevor sich etwas tue, werde er in Rente sein, hat er gesagt. Er behielt recht, abgesehen davon, dass er inzwischen gestorben ist.“ <BR /><BR />Über geschwungene Kehren fahren wir von Sulden nach Trafoi, vorbei an Gustav Thönis Hotel Bellavista. An einem Forstweg unter der Passstraße parken wir das Auto. Mit Blick auf Dreitausenderriesen, links der Ortler, rechts die Tuckettspitze, gehen wir dann über verharschten Schnee Richtung Talschluss, wo auf einer Wiese das schindelholzgedeckte Wallfahrtskirchlein Drei Brunnen steht. Nicht einmal eine Maut habe man bisher eingeführt, sagt Stefan Sprenger, und deutet zur Stilfserjochstraße hinauf. „Dabei stellt der Verkehr für die Anrainer eine große Belastung dar. Im Sommer hört man die Motorräder bis zum Ortler hinauf.“ <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="712034_image" /></div> <BR />Unterwegs bleibt mein Begleiter öfter stehen. Er weist auf eine senkrechte Felswand, dort habe ein Bartgeierpaar seit Jahren seinen Horst. „Siehst du den weißen, dreieckigen Fleck auf der Wand? Das kommt vom Vogelkot.“ Das meiste Wild sterbe kurz vor Winterende, wenn die Reserven aufgebraucht sind. „Deshalb schlüpfen die Jungen des Bartgeiers schon im März – wenn viel Aas herumliegt. Die Natur regelt alles von selbst. Der Störfaktor sind wir“, sagt Sprenger. <BR /><BR />Nicht nur den Wolf und den Bär – von beiden kann der Parkförster einige Geschichten erzählen - habe man im Nationalparkgebiet ausgerottet, sondern beinahe auch den Steinbock und den Rothirsch. Von letzterem zeigt Sprenger Spuren im Schnee. Wie er es schafft, auf Geröllhängen an der gegenüberliegenden Talseite ein äsendes Gamsrudel auszumachen, bleibt mir ein Rätsel. „Man muss wissen, wo suchen“, grinst der Förster. <BR /><BR /><b>Der verflogene Zauber</b><BR /><BR />Ins Auge schauen kann ich den Wildtieren jedoch nur am Gehege hinter der Wallfahrtskirche, wo die Nationalparkförster einige Hirschböcke mit Heu füttern. Es sind Tiere mit mächtigen Geweihen, trotz ihrer Größe springen sie leichtfüßig herum. <BR /><BR />Aber seltsam: Eingesperrt hinter Maschendraht, finde ich die Hirsche wenig aufregend, der Zaun raubt ihnen den Nimbus. Man bräuchte nur die Hand auszustrecken, um über ihr dichtes Fell zu streichen. Es bedeutet hier kein Glück, einen Blick auf ein scheues, im Verborgenen lebendes Tier zu werfen. Da das Außergewöhnliche leicht verfügbar ist, verfliegt der Zauber. Es ist die Unwahrscheinlichkeit, die eine Sache kostbar macht. Gut also, dass ich den Gämsen heute nicht zu nahe kam. <BR /><BR />