<b>Von Miriam Roschatt</b><BR /><BR />Die Bar „Engelberger“ übersieht man nicht so leicht. Sie liegt direkt an der Pustertaler Hauptstraße, gegenüber der Raiffeisenbank. Hinter der Bar ragt der rote Kirchturm in den Himmel. Und mittendrin: Ida Gatterer – die fast jeder im Dorf kennt, wenn nicht unter ihrem bürgerlichen Namen, dann als die „Engelberger Ida“. <BR /><BR />Die Bar, die früher mal ein Gasthof war, ist ihre Heimat, ihre Welt seit mehr als 70 Jahren. Hier hat Ida Gatterer, die 1942 geboren wurde, ihre Kindheit verbracht, das Ende des Zweiten Weltkriegs miterlebt, drei Kinder großgezogen und vor allem: viele Menschen kennengelernt. Heute ist sie 82 Jahre alt und blickt auf ein arbeitsreiches Leben zurück. Ein Leben, das sie so immer wieder führen würde, wie sie heute sagt.<h3> „Ein Viertele Wein kannst du dem Luis wohl bringen“</h3>Früher war das „Engelberger“ das einzige Gasthaus in Percha. Bis 1955 vermietete die Familie von Ida Gatterer auch Zimmer. <BR /><BR />Im „Engelberger“ ist die rüstige 82-Jährige aufgewachsen, und das bedeutete, von klein auf mitzuarbeiten. „Ein Viertele Wein kannst du dem Luis wohl bringen, und bring dem Herrn da vorne ein Bier.“ So hat es angefangen, erzählt sie: „Ich war einfach da und habe geholfen, das ging alles von alleine und war selbstverständlich.“<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1009889_image" /></div> <BR /><BR />Anfangs half die junge Ida Gatterer vor allem in der Küche mit, sie wusch den Salat, spülte das Besteck ab und deckte die Tische. Ihre Mutter kochte einheimische Hausmannskost: „Besonders beliebt waren klassische Gerichte wie Gulasch mit Knödeln, Wiener Schnitzel, süße Omeletts oder auch pikante mit Spinat.“ <BR /><BR />Typische Getränke, die das Gasthaus in den 1950er- und 1960er-Jahren anbot, waren Bier und Wein. „Besonders gerne tranken die Kartenspieler beim Watten zu sechst einen Doppelliter Wein. Den haben sie dann ‚ausgekartet‘, also darum gespielt. Die Verlierer mussten bezahlen“, blickt die Wirtin auf eine Zeit zurück, in der ihr Gasthaus täglich gut besucht war – vor allem von Männern. Frauen als Gäste waren nur sehr selten anzutreffen. Apropos selten: Kaffee gab es im „Engelberger“ auch kaum mal einen. „Bis 1960, da haben wir dann unsere erste Kaffeemaschine erworben“, dokumentiert Ida Gatterer eine Zeit, in der das „schwarze Gold“ noch sehr teuer war. <BR /><BR />Mit 16 besuchte sie dann einen Winter lang die Hauswirtschaftsschule in Dietenheim. Dort lernte sie alles, was eine gute Gastwirtin können muss: Betten machen und alles sauber halten, die Wä<?TrVer> sche waschen, das schöne Eindecken eines Tisches. <BR /><BR />Ende der 1960er Jahre übernahm Ida Gatterer den Betrieb. Mit vier kleinen Kindern. <BR /><BR /><h3> 14 Jahre lang arbeiten – und das ohne Ruhetag</h3>Die „Engelberger Ida“ stemmte daheim das meiste selbst. Ihr Mann arbeitete als Maurer, war viel unterwegs. Unterstützt wurde sie von ihren Eltern, Geschwistern und einer Freundin, die im Gasthaus ab und an aushalf. <BR /><BR />„Neben den Kindern zu arbeiten, war gewiss nicht einfach“, sagt sie heute, „aber sie kannten es nicht anders. Und es ist gut gegangen. Außerdem war ich von früh bis spätabends daheim, die Kinder also nie alleine.“ Die kecke Gastwirtin kannte keinen Ruhetag. Arbeiten, und das von früh bis spät, von Sonntag bis Samstag, war die Devise. Dann, 1968, 14 Jahre nach ihrem ersten Arbeitstag, der Paukenschlag: Erstmals führte Ida Gatterer einen Ruhetag ein. Es sollte der Dienstag sein.<h3> Die Bar „Engelberger“ heute: ein kleines Dorf im Dorf</h3>2005 wurde das Restaurant aufgelassen, die Bar ist geblieben. Der Dienstag ist nach wie vor der offizielle Ruhetag im „Engelberger“. Hinzugekommen ist vor Kurzem auch der Mittwoch. „Die Entscheidung, zwei Tage die Woche zuzusperren, ist mir nicht leicht gefallen, aber meine Kräfte schwinden langsam“, gesteht Ida Gatterer, die den Betrieb vor einigen Jahren ihrer Tochter übergeben hat. <BR /><BR />In den Ruhestand verabschiedet sich die 82-Jährige aber noch lange nicht: Täglich (außer an den beiden freien Tagen) steht sie um halb sieben Uhr morgens in der Bar und putzt. Um neun Uhr sperrt sie auf und bringt die Kaffeemaschine zum Mahlen, Zischen und Gluckern. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1009892_image" /></div> <BR /><BR />Anzutreffen ist die gute Seele des Hauses in ihrem geliebten „Engelberger“ nach der ersten Morgenschicht dann erst wieder ab 14.30 Uhr, ab und an auch abends, wenn die Kartenspieler kommen oder Vereine wie die Jäger, die Feuerwehr, die Kegler, der Chor oder der FC Percha im „Engelberger“ einkehren. <BR /><BR />Die Bar sieht heute übrigens fast genauso aus wie früher: klassischer Tresen, hölzerne Tische und Stühle, mehrere Eckbänke und lange, mit Blumen und Blättern bemalte Vorhänge. <BR /><BR />Ida Gatterers „Engelberger“ ist ein bescheidener Ort des geselligen Beisammenseins, ein Ort voller Geschichte und ein Ort, von dem man nicht weiß, wie lange es ihn in dieser Unberührtheit noch geben wird. Eines hat die 82-Jährige in all den Jahren jedenfalls gelernt: „Man muss die Menschen nehmen, so wie sie sind.“ Vielleicht ist das ja das Erfolgsrezept der selbstbewussten Wirtin, die mit ihrem Feingefühl und Unternehmergeist in ihrem Betrieb an der Pustertaler Hauptstraße ein kleines Dorf im Dorf geschaffen hat.