Miller hinterfragt auch den hohen Schutzstatus des Wolfs: „Aus wissenschaftlicher Sicht braucht es den nicht mehr. Ihn zu behalten, ist eine rein politische Entscheidung“, sagt sie im Interview.<b><BR /><BR />Herdenschutz auf den Almen statt Wolfsentnahme: Ist das eine Lösung?</b><BR />Christine Miller: Alle Almen wolfssicher abzuzäunen, ist eine Schnapsidee. Das geht nicht. Punkt. <BR /><BR /><BR /><b>Aber könnte es zumindest eine Lösung für einige Almen darstellen?</b><BR />Miller: Nicht aus der Sicht einer Wildtier-Biologin. Jeder Zaun ist eine Gefahr für Wildtiere. Sogenannte Power-Zäune beispielsweise, die speziell als Herdenschutzzäune gegen den Wolf eingesetzt werden, haben eine Spannung von 3000 bis 5000 Volt und sind zwischen 1,20 und 1,60 Meter hoch. Die unterste Litze darf dabei nicht weiter als 15 Zentimeter vom Boden entfernt sein. Laut Pro-Wolf-NGOs ist das für Wildtiere kein Problem. Tatsächlich bleiben Igel und Hasen darin hängen, Amphibien verbrutzeln darin regelrecht. Ein erwachsener Hirsch nimmt die 1,60 Meter locker, aber Jungtiere kommen nicht drüber. Sie verheddern sich, verletzen sich und verenden qualvoll. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1089000_image" /></div> <BR /><BR /><BR /><b>Ist das das einzige Problem, das solche Zäune für Wildtiere darstellen?</b><BR />Miller: Nein, durchaus nicht. Zäune, die weite Flächen umfassen, zerschneiden Lebensräume und Wanderkorridore. Damit besteht die Gefahr von Inselpopulationen ohne genetischen Austausch. In Deutschland sehen wir beim Rotwild, das dort nicht überall vorkommen darf und so in eben solche Inseln gedrängt wurde, drastische Inzuchterscheinungen. Die Tiere verkümmern genetisch dermaßen, dass sie kaum noch lebensfähig sind. <BR /><BR /><BR /><b>Welche Lösung gäbe es dann?</b><BR />Miller: Nun aus wildtierbiologischer Sicht wäre ein Schutz durch Hirten und Hunde mit kleinen Nachtpferchstellen für die Herde sinnvoll. Aber das ist sehr aufwendig, denn es braucht ja zusätzlich zu gut ausgebildeten Hunden, ausreichend geeigneten Pferchen und ausreichend Berufshirten, die mit der Herde mitgehen, auch noch Unterkünfte für die Hirten. Mit unseren landwirtschaftlichen Strukturen ist das kaum mehr zu bewältigen. In der Schweiz gibt es solche Strukturen noch, und dort schöpft man – mit guten Gehältern – auch einen Großteil der Menschen in Europa ab, die bereit sind einen solchen Job zu übernehmen. Dass wir in Bayern, Österreich oder auch Südtirol zurückkommen, zu einer weit verbreiteten Hirtenkultur, sehe ich nicht. <BR /><BR /><BR /><b>Also wieder keine Lösung?</b><BR />Miller: In Frankreich geht man einen anderen Weg: Ausgehend von der Überzeugung, dass eine Annäherung an eine Herde für einen Wolf so riskant wie möglich sein muss, sind Verteidigungsschüsse erlaubt. Das heißt: Nähert sich ein Wolf einer Herde, darf geschossen werden. Dazu muss man sagen, dass man in Frankreich schon seit langem wieder Wölfe hat. Man hat zum Schutz der Herden einiges ausprobiert, nichts hat funktioniert. Nun macht man es so – und die EU hält still. <BR /><BR /><embed id="dtext86-67119891_quote" /><BR /><BR /><BR /><b>Würden Warnschüsse oder das sogenannte Vergrämen reichen, um Wölfe abzuschrecken?</b><BR />Miller: Wölfe sind sehr intelligente Tiere. Die wissen genau, wann ihnen echte Gefahr droht. <BR /><BR /><BR /><b>Es führt also an Entnahmen kein Weg vorbei, wenn man die Almwirtschaft nicht aufgeben will?</b><BR />Miller: Tatsache ist, dass es diesen strikten Schutzstatus für den Wolf gibt. Obwohl es ihn aus wissenschaftlicher Sicht nicht mehr bräuchte. Ihn aufrecht zu erhalten, ist eine rein politische Entscheidung. <BR /><BR /><BR /><b>Ihr Wunsch?</b><BR />Miller: Eine Diskussion, in der sachlich abgewogen wird, wie viel Schäden Wölfe und Herdenschutzmaßnahmen wie Zäune anderen Tieren und Wildtieren zufügen. Ist es wirklich gerechtfertigt, für diese eine Art alle anderen Nachteile in Kauf zu nehmen? <BR /><BR /><BR /><b>Und wieso passiert das nicht?</b><BR />Miller: Derzeit konzentriert sich die Diskussion auf die Positionen der Landwirtschaft und der Wolfsschützer. Die Landwirte haben dabei ihre Argumente und das ist auch richtig so. Es ist ja nicht ihre Aufgabe, sich für Wildtiere einzusetzen. Und so kommen diese in der Diskussion eben zu kurz. <BR /><BR /><BR /><b>Warum konzentrieren sich so viele „Tierschutzorganisationen“ auf den Wolf und lassen den Schutz anderer Tiere außer Acht?</b><BR />Miller: Für viele NGOs ist der Wolf gerade die Cashcow, mit der sie Spenden generieren. Und auch für wissenschaftliche Forschungsprojekte gibt es derzeit leichter Geld, wenn es um den Wolf geht.<BR /><BR /><BR /><i>Christine Miller leitet die Büros für Wildbiologie Österreich und Bayern. Die diplomierte Biologin ist zertifizierte Sachverständige für mehrere Fachgebiete, darunter Wildtierschutz.</i>