Mittwoch, 20. Mai 2015

„Wollen Sie einen Selbstmordanschlag verüben?“

Auf den ersten Blick wirkt das Formular wie ein üblicher Bewerbungsbogen: „Bitte tragen Sie die erforderlichen Informationen präzise und wahrheitsgetreu ein. Schreiben Sie deutlich und leserlich.“ Nach den Angaben zu Namen, Alter und Familienstand wird der Ton jedoch rauer. „Wollen Sie einen Selbstmordanschlag verüben?“ und „Wen sollen wir im Fall Ihres Todes als Märtyrer informieren?“

Hunderte Dokumente von Osama bin Laden wurden vier Jahre nach dessen Tötung freigegeben - Archivbild
Hunderte Dokumente von Osama bin Laden wurden vier Jahre nach dessen Tötung freigegeben - Archivbild - Foto: © LaPresse

So lauten die nächsten Punkte des Fragebogens, den das Dschihadisten-Netzwerk Al-Kaida zur Rekrutierung neuer Mitglieder einsetzte.

Das Formular gehört zu den mehr als hundert Dokumenten, die vor vier Jahren bei der Tötung des Al-Kaida-Gründers Osama bin Laden in dessen Versteck in Pakistan von den US Navy Seals sichergestellt worden waren.

Am Mittwoch wurden die Schriftstücke von den US-Geheimdiensten freigegeben. Die Dokumente, welche die Nachrichtenagentur AFP vorab einsehen konnte, geben auch einen Einblick in den Verwaltungsapparat des Terrornetzwerks, in dem Bin Laden offenbar auch als eine Art Personalchef fungierte.

Bin Laden legte offenbar großen Wert auf eine akkurate Verwaltungsarbeit. Diese dürfe keinesfalls vernachlässigt werden, mahnte er in einem längeren Memo, in dem er auch ein „professionelles Trainingsprogramm“ für neue Al-Kaida-Mitglieder forderte.

Geeignet für einen Job in dem Terrornetzwerk seien Bewerber mit „tiefen religiösen Überzeugungen“ und großer Motivation. Zum Anforderungsprofil gehörten den Unterlagen zufolge aber auch naturwissenschaftliche Kenntnisse, Ingenieurswissen und Organisationstalent.

Ausgewählte Kandidaten sollten nach dem Willen Bin Ladens in Verstecken in Pakistan eine monatelange Ausbildung durchlaufen, bevor sie mit Anschlägen gegen westliche Ziele beauftragt würden. „Man muss fromm und geduldig sein“, heißt es in einem Memo.

Als Vorbild werden die Attentäter von Nairobi genannt, die sich vor dem Anschlag auf die US-Botschaft 1998 neun Monate in einem Haus versteckt hielten. Menschen, die sich schnell langweilten „und Aufgaben nicht zu Ende bringen“, seien für solche „Außeneinsätze“ nicht geeignet.

In einem anderen Dokument, das nach Einschätzung der CIA von Bin Laden oder einem anderen ranghohen Al-Kaida-Mitglied verfasst wurde, wird davor gewarnt, Attentäter nicht voreilig zu entsenden. In einem Fall habe ein Freiwilliger aus einem westlichen Land nur zwei Monate ausgebildet werden können, weil dann seine Aufenthaltserlaubnis ausgelaufen sei.

„Wir haben ihm dem Umgang mit Sprengstoff beigebracht“, heißt es in dem Schriftstück. Der Mann sei dann in sein Heimatland zurückgekehrt. „Wir haben seitdem nichts mehr von ihm gehört.“

Auch der Einsatz erfahrener Dschihadisten war für Al-Kaida problematisch. Denn die Extremisten, die in Afghanistan Kampferfahrung gesammelt hatten, waren den ausländischen Geheimdiensten oftmals bekannt und konnten sich nicht frei bewegen.

Den jungen Rekruten, die in den Westen einreisen könnten, mangelte es hingegen häufig an Geduld. Bin Laden wollte dieses Problem mit modernen Management-Strategien angehen. „Wir brauchen eine Entwicklungs- und Planungsabteilung“, forderte der Al-Kaida-Chef. Vorgesehen war demnach unter anderem, eine Art „Leistungszentrum“ für Dschihadisten einzurichten.

Zudem sollten „einige herausragende Brüder“ zum Studium an die Universitäten geschickt werden, um eine Generation von Gotteskriegern mit Abschlüssen als Informatiker, Verwaltungsexperten und Politikwissenschaftler auszubilden.

Für den Bau von Bomben würden außerdem „dringend“ Chemiker benötigt. Auch an Medienexperten sah Al-Kaida einen großen Bedarf, denn Bin Laden plante eine PR-Kampagne zum zehnten Jahrestag der Anschläge in den USA vom 11. September 2001.

Doch dazu sollte es nicht mehr kommen, denn vier Monate vorher wurde der Chef des Terrornetzwerks von US-Spezialeinheiten getötet.

apa/afp

stol