Sonntag, 17. Juli 2016

Zwei Südtiroler in Nizza: „Er hatte die Waffe auf mich gerichtet“

Es ist etwa 23 Uhr am 14. Juli, die Promenade des Anglais in Nizza ist gefüllt mit Menschen, die den französischen Nationalfeiertag zelebrieren. Plötzlich fährt ein Lkw in die Menschenmenge, der Fahrer schießt um sich. 84 Menschen sterben. Nur kurz darauf treffen auch 2 Südtiroler in der Hafenstadt an der Côte d’Azur ein.

Trauer und Blumen in Nizza - Abseits der Promenade geht das normale Leben weiter.
Trauer und Blumen in Nizza - Abseits der Promenade geht das normale Leben weiter. - Foto: © APA/AFP

„Es war eine spontane Entscheidung, nach Nizza zu fahren“, erzählt Michael Plattner. Er sitzt zum Zeitpunkt des Interviews mit seiner Freundin im Auto, auf dem Weg von Saint-Tropez zurück nach Nizza. Nur wenige Tage zuvor hatten die beiden nach einem Besuch in Caorle beschlossen, nicht nach Cinque Terre, sondern ins nähere Nizza zu fahren – ein Spontantrip.

„Wir kamen am Donnerstag zwischen 23.30 Uhr und Mitternacht in Nizza an. Auf der Suche nach einem Hotel oder wenigstens einem Ort, wo wir was trinken konnten, fuhren wir direkt an der Promenade des Anglais vorbei.“ Sie hätten sich noch gewundert, erinnert sich der Bozner. Überall Menschen, Familien, die eilig in verschiedene Richtungen laufen. Überall Feuerwehren, Polizeiautos, Ambulanzen.

„Wussten zunächst nicht, was los war“

„Zunächst haben wir noch gelacht. ‚Hier ist wenigstens was los‘, haben wir gesagt.“ Dann fuhren immer mehr Polizeiautos an den beiden vorbei, links, rechts. Bald gab es kein Weiterkommen mehr, die Straßen waren gesperrt, überall nur Polizei. „Den Laster selbst haben wir nicht gesehen. Aber wir haben auch nicht danach gesucht: Immerhin wussten wir zu dem Zeitpunkt noch nicht, was passiert war. Sonst wäre er uns bestimmt aufgefallen“, berichtet Michael Plattner.

Mit dem Vorhaben, nach dem Weg oder nach einem Hotel zu fragen, fuhr Plattner näher an einen Polizisten heran. „Als ich 3 oder 4 Meter entfernt war, winkte der Polizist mich weiter. Beim Wegfahren sah ich, dass er seine Pistole auf mich gerichtet hatte.“

Ein erster Schockmoment für den Bozner Kellner. Plötzlich begriffen die beiden, dass mehr passiert sein musste. „Ich sagte zu meiner Freundin: ‚Das ist nicht mehr lustig. Schau nach, was passiert ist‘. “ Erst dann wurde den beiden bewusst, wie knapp sie einem Terroranschlag entgangen waren. „Ich war in dem Moment völlig geschockt. Mir wurde ganz anders und ich wusste nicht mehr, was ich tun sollte“, schildert Michael Plattner. Seine Freundin hingegen behielt einen kühlen Kopf: Sie forderte den Bozner auf, etwas außerhalb der Stadt nach einem Hotel zu suchen, sich auszuruhen. Im Hotel angekommen schalteten die beiden als erstes die TV-Nachrichten ein.

Der Tag danach: Erstaunlich normal

„Als wir am nächsten Tag aufwachten, war das ungute Gefühl noch da. Das Wissen, dass wir in der Stadt waren, in der ein furchtbarer Anschlag passiert war. Und gleichzeitig waren wir wahnsinnig froh: Wir lebten noch. Uns war nichts passiert.“

Das Südtiroler Paar beschloss, noch einmal nach Nizza zurückzukehren. An der Promenade angekommen, bot sich ein überraschend normales Bild: „Klar, der Teil der Promenade, wo der Anschlag passiert war, war weiterhin abgesperrt. Aber sonst hätte man wenig von der Tragödie in der Nacht zuvor gemerkt. Die Leute spazierten die Straßen entlang und lachten, viele lagen bereits wieder am Strand. Die Bars, die Restaurants, alles war normal geöffnet“, erzählt Plattner.

Die Stadt habe das gleiche Gefühl widergespiegelt, das auch das Paar am Morgen danach hatte: Der Schock war da, aber vor allem auch das Wissen: „Ich bin hier. Ich habe überlebt.“ Die Menschen haben sich vom Terror nicht einschüchtern lassen, ist sich Michael Plattner sicher.

„Wir werden weiterhin reisen, wohin wir wollen“

Nach einem Tag in Nizza fuhren die beiden weiter nach Saint-Tropez, kehrten aber am Samstag wieder nach Nizza zurück: „Es gibt da ein Restaurant, wo wir nochmal vorbeischauen wollen“, erklärt Plattner. Was die beiden am Tag danach besonders beeindruckt hätte, seien die Kellner gewesen. „Sie verstanden es super, den Leuten die Angst und die Gedanken an den Terror zu nehmen. Da wir beide auch Kellner sind, wissen wir, wie schwierig sowas sein kann.“  

Auf das Reisen werden die beiden trotz dieser Erfahrung nicht verzichten. „Wir werden weiterhin, reisen wohin wir wollen. Das muss man, sonst hat der Terror die Oberhand. Was ich jedoch künftig meiden werde, sind allzu große Menschenansammlungen in größeren Städten. Herausfordern muss man es nicht.“

stol/liz

stol