Alles begann am 19. Mai 1580 in der Einöde des Karsts. An diesem Tag erwarb Erzherzog Karl II. von Innerösterreich vom Bischof von Triest das Dorf Lipica samt dazugehörigem Land im heutigen Slowenien. Der Habsburger Hof in Wien benötigte für Repräsentation, Parade und die damals aufblühende Kunst der klassischen Reitkunst ein ganz bestimmtes Pferd: elegant, athletisch, charakterstark und unerschütterlich im Gemüt.<BR /><BR />Die Wahl des Ortes war kein Zufall. Die karge, steinige Landschaft des Karsts an der slowenisch-italienischen Grenze verlangte den Tieren alles ab: Scharfkantige Felsen formten harte, splitterfreie Hufe; die weiten Strecken auf der Suche nach Kräutern und kalkhaltigem Wasser stählten Sehnen, Muskeln und Lungen. Es entstand ein extrem spätreifes, aber langlebiges, robustes und hochintelligentes Pferd: der Lipizzaner.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1318029_image" /></div> <BR /><BR />Die genetische Basis bildeten die einheimischen, ausdauernden Karstpferde. Um ihnen barocken Prunk und Elastizität zu verleihen, importierten die Habsburger über Jahrhunderte die wertvollsten Rassen der damaligen Welt. Allen voran spanische Pferde, die als Könige der Reitkunst galten. Es folgten schwere neapolitanische Prunkpferde sowie temperamentvolle arabische Vollblüter.<h3> Acht klassische Hengstlinien</h3>Aus diesem Schmelztiegel kristallisierten sich im 18. und 19. Jahrhundert jene acht klassischen Hengstlinien heraus, auf die sich heute jeder reinrassige Lipizzaner weltweit lückenlos zurückführen lassen muss. Da ist die dänische Linie Pluto, die barocken Prunk einbrachte, und die neapolitanische Linie Conversano, die das italienische Erbe bewahrte.<BR /><BR /> Die Linie Maestoso brachte Masse und Kraft, während die Linie Favory für die typische Rammsnase (eine nach außen gewölbte Form des Nasenrückens) bekannt wurde. Dynamik kam über Neapolitano in die Zucht, während der Araberhengst Siglavy Edelmut und Trockenheit beisteuerte. Vervollständigt wird das Fundament der heutigen Lipizzaner durch die wendige ungarische Linie Incitato und die ausdauernde kroatische Linie Tulipan.<BR /><BR />Obwohl Lipizzaner heute im kollektiven Gedächtnis als schneeweiße Pferde verankert sind, war das nicht immer so. Bis ins 18. Jahrhundert hinein schätzte der Wiener Hof die Farbenvielfalt: Schecken, Rappen, Braune, Falben und Füchse zogen die kaiserlichen Karossen. Erst ein gezielter Modewechsel hin zum Schimmel – als Symbol für Reinheit und göttliches Königtum – drängte die anderen Farben zurück. <BR /><BR />Die weiße Farbe ist zudem das Ergebnis eines faszinierenden Reifeprozesses. Lipizzaner werden tiefschwarz, braun oder mausgrau geboren. Erst im Alter zwischen sechs und zehn Jahren verlieren sie durch einen genetischen Prozess, die Ausschimmelung, Pigment für Pigment, bis sie ihr strahlendes Weiß erreichen.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1318032_image" /></div> <BR />Diese physische Reife harmoniert perfekt mit ihrer geistigen Entwicklung. Erst im Alter von vier Jahren beginnt die Ausbildung an der Spanischen Hofreitschule in Wien. Die Hengste lernen über Jahre die Bewegungsabläufe der „Hohen Schule“ – von der Piaffe auf der Stelle über die Passage bis hin zu den spektakulären Schulen über der Erde: Levade, Courbette und Capriole. <BR /><BR />Die geografische Lage von Lipica an der grünen Grenze zur italienischen Region Friaul-Julisch Venetien, nur wenige Kilometer von Triest entfernt, machte das Gestüt im Laufe der Jahrhunderte zur Zielscheibe kriegerischer Wirren. Mehrfach mussten die Pferde evakuiert werden. 1796 floh die gesamte Herde vor den Truppen Napoleons quer über den Balkan nach Ungarn. Kaum zurückgekehrt, erzwangen die Franzosen 1805 und 1809 erneute, monatelange Evakuierungsmärsche. Hunderte Tiere starben an Erschöpfung. <BR /><BR />1915, im Ersten Weltkrieg, besiegelte der Kriegseintritt Italiens das endgültige Ende des kaiserlichen Stammgestüts Lipica. Die Herde wurde zerrissen: Ein Teil kam nach Laxenburg bei Wien, der andere ins steirische Kladrub.<h3> Das „Wunder“ von Hostau</h3>Die dramatischste Stunde der Lipizzaner schlug allerdings im Frühjahr 1945. Die Nationalsozialisten hatten die Bestände aus ganz Europa im böhmischen Hostau (heute Tschechien) zusammengezogen. Als das Ende des Dritten Reiches nahte, drohte die Katastrophe: Die sowjetische Rote Armee rückte unaufhaltsam näher. Ausgehungerte Truppen und die Zivilbevölkerung hätten die unschätzbar wertvollen Zuchttiere im Chaos der Nachkriegstage als Fleischlieferanten geschlachtet.<BR /><BR />Die Rettung der Pferde glich einem filmreifen Husarenstück und wurde als „Operation Cowboy“ bekannt. Der deutsche Gestütsleiter in Hostau, Oberstleutnant Hubert Rudofsky, und der deutsche Tierarzt Wolfgang Kroll setzten dabei ihr Leben aufs Spiel. <BR /><BR />Um die Pferde zu retten, nahmen sie heimlich Kontakt zu den vorrückenden Amerikanern auf. Sie trafen auf den US-Oberst Charles H. Reed, einen passionierten Pferdeliebhaber. Reed überzeugte den legendären US-General George S. Patton – selbst ein ehemaliger olympischer Reiter –, eine geheime Rettungsaktion hinter den feindlichen Linien zu autorisieren.<h3> Amerikaner retten die edlen Pferde</h3>Am 28. April 1945 stieß eine hochmotorisierte amerikanische Einheit nach Hostau vor. Innerhalb weniger Stunden riegelten sie das Gebiet ab. In den Folgetagen wurden Hunderte Lipizzaner – darunter hochträchtige Stuten und die wertvollsten Stammhengste – teils auf Lkw verladen, teils in nächtlichen Märschen getrieben und sicher hinter die amerikanischen Linien nach Bayern eskortiert. Patton rettete damit eine Pferderasse und ein jahrhundertealtes Weltkulturerbe vor der endgültigen Auslöschung. <BR /><BR />Nach den Wirren des Zweiten Weltkriegs ordnete sich die Lipizzaner-Welt neu. Österreich erhielt von den Amerikanern den Löwenanteil der Herde zurück. Insgesamt 215 Pferde kehrten zurück, um das österreichische Bundesgestüt Piber wiederzubeleben und die Spanische Hofreitschule abzusichern. Zudem erhielt Österreich die kaiserlichen Zweitschriften der Zuchtbücher. In Piber wachsen bis heute die Hengste auf, bevor die besten von ihnen nach Wien an die Spanische Hofreitschule berufen werden. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1318035_image" /></div> <BR /><BR />Da zwischen den beiden Weltkriegen das Stammgestüt Lipica zu Italien gehört hatte, übergab die US-Armee die originale, historische Stammbücher sowie 80 Lipizzaner direkt an die Italiener, die damit eine eigene Zucht in Monterotondo bei Rom aufbauten. <BR /><BR />Heute sichert das staatliche Forschungsinstitut CREA im benachbarten Montelibretti das Überleben dieser majestätischen Tiere. Das Besondere: Die Pferde leben in genetischer Isolation. So bleiben die klassischen Hengstlinien und Stutenfamilien völlig unverfälscht und rein erhalten.<BR /><BR />Das eigentliche Heimatgestüt Lipica fiel nach dem Weltkrieg an das sozialistische Jugoslawien und stand ohne Pferde und ohne Zuchtbücher da. Nach extrem zähen Verhandlungen gaben die Alliierten den Slowenen lediglich elf Pferde zurück: einen einzigen Hengst, drei Zuchtstuten und sieben Jungpferde. <BR /><BR />Der folgende Wiederaufbau war ein biologischer Kraftakt. Um Inzucht zu verhindern, holte Lipica Zuchttiere aus anderen jugoslawischen Gestüten wie Dakovo (heute Kroatien) und Vucijak (heute Bosnien). Schritt für Schritt wurden die klassischen Blutlinien rekonstruiert.<BR /><BR /> Gleichzeitig setzte das Gestüt auf strenge Leistungsprüfungen im Fahr- und Dressursport, um die Qualität der Rasse zu sichern. Ab den 1960er-Jahren förderte Staatschef Tito den Tourismus vor Ort. Lipica öffnete sich für internationale Gäste, baute Hotels und eine eigene Reitschule auf. Nunmehr bewohnen über 350 Lipizzaner durch die Karstlandschaft. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1318038_image" /></div> <BR /><BR />In den späten 1990er-Jahren – nach der Unabhängigkeit Sloweniens – preschte Slowenien vor und ließ den Namen „Lipizzaner“ bei der Welthandelsorganisation (WTO) als geschützte Ursprungsbezeichnung eintragen. In Wien schrillten die Alarmsirenen: Österreich sah die Existenz seiner traditionsreichen Hofreitschule bedroht. Es folgten Jahre des zähen juristischen Tauziehens.<h3> Wien und Lipica reichen sich die Hände</h3>Erst 2019 reichten sich Wien und Lipica die Hände. Das Happy End folgte im Dezember 2022: Die UNESCO nahm die „Tradition der Lipizzanerzucht“ offiziell in die Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit auf. Eingereicht wurde der Antrag als multinationales Projekt von acht Ländern – Slowenien und Österreich, Bosnien-Herzegowina, Italien, Kroatien, die Slowakei, Rumänien und Ungarn.<h3> Erster Tag der Lipizzaner in Slowenien</h3>Heuer hat Slowenien erstmals der „Tag des Lipizzaners“ gefeiert. Mit dem Ehrentag soll an die Gründung des Gestüts von Lipica (Lipizza) am 19. Mai 1580 erinnert werden. Für Slowenien seien die Lipizzaner „viel mehr als nur eine Pferderasse“, betonte die slowenische Landwirtschaftsministerin Mateja Calušic. „Sie sind ein Symbol des Nationalstolzes, der kulturellen Identität und des Kulturerbes, zutiefst verwurzelt im slowenischen historischen Bewusstsein und der kollektiven Erinnerung.“ Eine Darstellung von jungen Lipizzanern findet sich auch auf der slowenischen 20-Eurocent-Münze.