Denn dort verkündete er unter stürmischem Beifall seiner Zuhörer seine berühmt-berüchtigten 32 „Provvedimenti per l’Alto Adige“.<BR /><BR />Ettore Tolomei, 1865 in Rovereto geboren, war ein fanatischer italienischer Nationalist – und dann Faschist. Er war von der Idee besessen, dass Italiens Nordgrenze am Brenner verlaufen müsse. Im Kampf um diese Grenze schreckte er auch vor grober Geschichtsfälschung nicht zurück: Was für ihn ursprünglich „italienisch“ gewesen war, musste seiner Meinung nach wieder italienisch, die „fremden Eindringlinge“ entweder assimiliert oder vertrieben werden. Er machte aus Südtirol „Alto Adige“ – das „Oberetsch“. Er hatte schon 1906 die Zeitschrift „Archivio per l'Alto Adige“ gegründet, die in zahlreichen pseudowissenschaftlichen Arbeiten das Recht Italiens auf das Alto Adige beweisen sollte. Im „Archivio“-Band 11 von 1916 veröffentlichte er dann sein erstes „Prontuario dei nomi locali dell’Alto Adige“ mit der Übersetzung von ca. 10.000 Orts- und Flurnamen. Es waren ganz oberflächliche Übersetzungen, oftmals ohne Kenntnis der etymologischen Bedeutung des deutschen Namens; manchmal war der deutschen Bezeichnung lediglich eine italienische Endung angehängt worden. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="919156_image" /></div> <BR /><BR />Am 19. März 1923 erhielt Tolomei den Auftrag, einen Maßnahmenkatalog zur Italianisierung Südtirols auszuarbeiten. Am 14. April hatte er den Auftrag erledigt, am 25. Mai wurden seine Vorschläge dem Ministerrat unterbreitet und am 1. Juli als „relazione Tolomei-Preziosi“ verabschiedet. <h3> 32 Punkte</h3>Es waren Tolomeis berühmt-berüchtigte 32 „Provvedimenti per l’Alto Adige“, die er nun unter stürmischem Beifall seiner Zuhörer im Bozner Stadttheater, das einen Monat vorher über die Köpfe der Bürger hinweg an eine italienische Gesellschaft verpachtet worden war, verkündete:<BR /><BR />1. Vereinigung des Alto Adige und des Trentino in einer einzigen Provinz mit Hauptstadt Trient.<BR />2. Ernennung italienischer Gemeindesekretäre.<BR />3. Revision der (Staatsbürgerschafts-)Optionen und Schließung der Brennergrenze für alle Personen, denen die italienische Staatsbürgerschaft nicht zuerkannt worden war.<BR />4. Einreise- und Aufenthaltserschwernisse für Deutsche und Österreicher.<BR />5. Verhinderung der Einwanderung Deutscher.<BR />6.Revision der Volkszählung von 1921.<BR />7. Einführung des Italienischen als Amtssprache.<BR />8. Entlassung der deutschen Beamten bzw. Versetzung in die alten Provinzen.<BR />9. Auflösung des „Deutschen Verbandes“.<BR />10. Auflösung aller Alpenvereine, die nicht dem italienischen Alpenverein unterstanden; Übergabe der Schutzhütten an den italienischen Alpenverein.<BR />11. Verbot der Namen „Südtirol“ und „Deutsch-Südtirol“.<BR />12. Einstellung der in Bozen erscheinenden Tageszeitung „Der Tiroler“.<BR />13. Italianisierung der deutschen Ortsnamen.<BR />14. Italianisierung der öffentlichen Aufschriften.<BR />15. Italianisierung der Straßen- und Wegbezeichnungen.<BR />16. Italianisierung der „verdeutschten“ Familiennamen. <BR />17. Entfernung des Denkmals Walthers von der Vogelweide vom Bozner Waltherplatz.<BR />18. Verstärkung der Carabinieritruppe unter Ausschluss deutscher Mannschaften.<BR />19. Begünstigung von Grunderwerb und Einwanderung von Italienern.<BR />20. Forderung des Desinteresses des Auslandes an Südtirol.<BR />21. Beseitigung deutscher Banken, Errichtung einer italienischen Bodencreditbank.<BR />22. Errichtung von Grenzzollämtern in Sterzing und Toblach.<BR />23. Großzügige Förderung der italienischen Sprache und Kultur.<BR />24. Errichtung italienischer Kindergärten und Volksschulen.<BR />25. Errichtung italienischer Mittelschulen.<BR />26. Strenge Kontrolle von Auslands- Hochschuldiplomen.<BR />27. Ausbau des Istituto di Storia per l’Alto Adige.<BR />28. Änderung des Gebietsumfangs des Bistums Brixen und strenge Kontrolle der Aktivität des Klerus.<BR />29. Verwendung des Italienischen bei Prozessen und vor Gericht.<BR />30. Staatliche Kontrolle der Handelskammer Bozen und der landwirtschaftlichen Körperschaften (Corporazioni).<BR />31. Umfangreiche Programme für neue Eisenbahnknoten, um die Italianisierung des Alto Adige zu erleichtern (Bahnprojekte Mailand-Mals, Veltlin- Brenner, Agordo-Brixen).<BR />32. Steigerung des Truppenbestandes im Alto Adige.<BR /><BR /> „Der Tiroler“ bezeichnete sie am nächsten Tag als „Maßnahmen für die Austilgung des Südtiroler Deutschtums“. Das von Tolomei verkündete Programm wurde in den folgenden Jahren Schritt für Schritt verwirklicht. Dabei gab es taktische Varianten, Verzögerungen, aber an der Gesamtstrategie änderte sich nichts. Da man aus Südtirolern aber nicht so einfach Italiener machen konnte, folgte schon bald eine zweite Phase der Italianisierung Südtirols: die Majorisierung, d. h. Zerstörung der Identität durch massive Einwanderung von Italienern, insbesondere aus dem Süden. Das Leben der Südtiroler wurde damit mehr und mehr „unwirtlich“.<h3>Reaktionen</h3>Als die Faschisten im Sommer 1923 mit ihrer Entnationalisierungspolitik begannen, gab es aus Wien nur eine „Message“ an Mussolini. Bundeskanzler Ignaz Seipel wies darauf hin, dass „ein wirklich freundschaftliches und ungestörtes Zusammenwirken zwischen Österreich und Italien erst nach Herstellung eines modus vivendi im Alto Adige möglich sei“.<BR /><BR />Dass Seipel auch öffentlich von „Alto Adige“ statt von „Südtirol“ sprach, war bezeichnend. Und als dann die italienischen Ortsnamen in Südtirol eingeführt und österreichische Staatsbürger ausgewiesen wurden, zeigte sich die ganze Schwäche der österreichischen Regierung: Der Aufforderung des Tiroler Landtages und der Landesregierung, das Tiroler Verlangen nach Wahrung der „völkischen Rechte Tirols“ an den Völkerbund weiterzuleiten, entgegnete die Bundesregierung mit dem Hinweis, dass man „über Ausweisungen österreichischer Staatsbürger aus Südtirol keine Kenntnis habe“. Und was die neuen italienischen Ortsnamen betraf, so wies man offen auf die politische und rechtliche Situation hin, dass Italien sich völkerrechtlich nicht zum Minderheitenschutz verpflichtet habe, diesbezüglich auch an keinen Vertrag gebunden sei. Einer österreichischen Beschwerde beim Völkerbund würde deshalb jede rechtliche Basis fehlen; ein solcher Schritt wäre erfolglos und würde Italien nur schwer verstimmen. (Genau das war der entscheidende Punkt, bei dem Abkommen, das Außenminister Gruber 1946 mit De Gasperi unterschrieb: Es wurde Völkerrecht, und nur deshalb konnte Österreich 1960 überhaupt die Südtirolfrage auf die Tagesordnung der UNO Vollversammlung bringen.)<BR /><BR />Aus Wien kam keine Unterstützung. 1923 wurden dann aus Solidarität zu Südtirol einige Straßen in Innsbruck umbenannt und ihnen Südtiroler Städtenamen gegeben, als, wie es hieß, „ein Gebot der Treue gegenüber Südtirol. Innsbruck will […] in seinen Straßen und auf seinen Plätzen das Weltgewissen wach erhalten.“ (Ähnliche Aktionen gab es auch in deutschen Städten, wo hochrangige Politiker öffentlich Südtirol und nicht etwa Alto Adige sagten.) 1925/26 wurde zum Boykott italienischer Waren aufgerufen. Letztlich blieb alles erfolglos. Die Faschisten machten, was sie wollten. <BR /><BR />Nach der Machtergreifung Hitlers gab man sich in Südtirol der Illusion hin, dass vom Dritten Reich Hilfe kommen würde – und bedachte nicht, dass Hitler überhaupt kein Interesse an Südtirol hatte. Für ihn hatte das Bündnis mit Mussolini Vorrang. <BR /><BR />Am Ende stand 1939 die „Option“, die Tolomei an die Vollendung seines Lebenswerkes glauben ließ. Er begrüßte das Abkommen und deutete es als „ewige Garantie“ der Brennergrenze als Staats- und Nationengrenze. Im Zuge der deutschen Besetzung Südtirols Anfang September 1943 wurde Tolomei von den Deutschen verhaftet und 2 Jahre in Thüringen interniert. Nach seiner Befreiung verbrachte er den größten Teil seiner letzten Lebensjahre dann auf seinem Landsitz in Glen. Er starb 1952 im Alter von 86 Jahren, überzeugt davon, durch sein Wirken die Italianität in Südtirol auf Dauer gesichert zu haben. Laut seinem Testament wollte Tolomei mit dem Gesicht nach Norden bestattet werden, angeblich um zu sehen, wie der letzte Südtiroler über den Brenner gejagt würde.<h3> Welche seiner 32 Punkte sind umgesetzt worden und wirken noch heute nach?</h3>Daraus ist zwar nichts geworden, aber wie steht es mit der Italianität? In jedem meiner zahlreichen Südtirol-Seminare an der Universität gab es eine Prüfungsfrage: wieviel Faschismus und wieviel „Tolomei“ gibt es noch in Südtirol? Welche seiner 32 Punkte sind umgesetzt worden und wirken noch heute nach? <BR /><BR />Dass diese 32 Punkte sich tief in das Gedächtnis der Südtiroler eingegraben hatten, beweist folgender Vorgang: Die UNO-Generalversammlung hatte bekanntlich Italien und Österreich im Oktober 1960 aufgefordert, das Südtirolproblem auf der Basis des Gruber-de Gasperi-Abkommens zu lösen. In Mailand war für Anfang 1961 das erste italienisch-österreichische Ministertreffen vorgesehen. In der Vorbesprechung mit den Österreichern forderten die Südtiroler Gesetzgebungs- und Verwaltungsbefugnisse, um das von den Faschisten angetane Unrecht wiedergutzumachen: und zwar auf genau 32 Sachgebieten. <BR /><BR />Deutlicher konnte man auf dieses Unrecht zwar nicht verweisen, aber in Tirol verstanden es nicht alle, allen voran ÖVP-Landesrat Oberhammer. Der wollte keine Landesautonomie, sondern die Rückgliederung Südtirols, notfalls mit Gewalt. Er war über die Südtiroler Forderungen „gelinde gesagt, entsetzt“, wie er in einer Sitzung in Innsbruck betonte, wo die Tiroler unter sich waren. Und er stellte die Frage: „Wenn wir das, was wir jetzt gehört haben, Wirklichkeit werden lassen, wo kommen wir da hin?“ An anderer Stelle gab Landeshauptmann Magnago die Antwort: „Wenn morgen noch eine Region bestünde, die nur eine Kompetenz hat, und wir aber alles Wesentliche haben, dann kommt es mir nicht auf den Namen an.“ Am Ende stand 1969 das „Paket“ mit 137 Maßnahmen.<h3> Zum Autor</h3>Rolf Steininger war langjähriger Leiter des Instituts für Zeitgeschichte der Universität Innsbruck. Literaturhinweis: Rolf Steininger, Südtirol. Vom Ersten Weltkrieg zur Gegenwart, Haymon Taschenbuch, Innsbruck-Wien 2020, 319 Seiten – Bestellen: www.athesiabuch.it<BR />