Vor genau einem Jahr hat Claudio Corrarati die Stichwahl um das Bürgermeisteramt gegen den Mitte-links-Kandidaten Juri Andriolli gewonnen und ist Bozens erster Mitte-rechts-Bürgermeister. In einem Interview zieht er eine Zwischenbilanz und spricht darüber, was der Unternehmer Corrarati vom Politiker Corrarati gelernt hat, worauf er stolz ist, aber auch darüber, was nicht wie erwartet gelaufen ist.<BR /><BR /><BR /><BR /><b>Herr Bürgermeister, Beobachter sagen, Sie sind als Unternehmer mit großem Schwung in Ihr Amt gestartet, mussten dann aber feststellen, dass die öffentliche Verwaltung anderen Rhythmen folgt.</b><BR /><BR />Claudio Corrarati: Diese Beschreibung trifft zu. Ich neige jedoch dazu, weiterhin wie ein Unternehmer zu denken. Wenn ich mir etwas in den Kopf gesetzt habe, will ich es auch erreichen. Ein Beispiel: Heute Nachmittag (Donnerstag; Anm.d.Red.) findet in der Gemeinde die erste Sitzung aller Ämter mit dem Ziel statt, die bürokratischen Abläufe zu vereinfachen. Ich bin auch für Veranstaltungen zuständig und möchte die Bearbeitungszeit für Genehmigungen von 30 auf höchstens zehn Tage verkürzen. Erreichen wollen wir das durch mehr Digitalisierung – auch dank der guten Arbeit von Stadträtin Ramoser mit Stadtrat Myftiu – und durch bessere interne Abläufe. Ein Unternehmer kann seine Ideen meist schnell umsetzen. Als Bürgermeister muss man einen längeren Atem haben.<BR /><BR /><BR /><b>Was hat der Unternehmer Corrarati vom Bürgermeister Corrarati gelernt?</b><BR /><BR /><BR />Corrarati: Dass man manchmal auch an die öffentliche Verwaltung glauben und auf deren Fristen warten muss, die nicht unproduktiv sind, sondern mittelfristig sogar produktiv sein können. Als Unternehmer sage ich dem Bürgermeister Corrarati jedoch, dass diese Fristen nicht zu lang sein dürfen, denn unsere Unternehmen, unsere Familien und unsere Jugend brauchen viel schnellere Antworten. Die Welt verändert sich so schnell, dass vieles innerhalb weniger Monate überholt sein kann. Kurz gesagt: Dr. Jekyll und Mr. Hyde, also der Bürgermeister und der Unternehmer, müssen sich ab und zu treffen und verstehen, dass beide Dinge langsam Hand in Hand gehen müssen. Das ist die größte Herausforderung.<BR /><BR /><BR /><b>Wie bewerten Sie die ersten zwölf Monate Ihrer Amtszeit?</b><BR /><BR /><BR />Corrarati: Wir haben versucht, sofort das umzusetzen, was wir im Wahlkampf in den Bereichen Verkehr, Sicherheit und Stadtbild versprochen hatten. Wir haben mehrere Fahrverbote aufgehoben und Straßen geöffnet. Jetzt fließt der Verkehr besser, die Menschen verlieren weniger Zeit im Stau, und weder zu Weihnachten noch zu Ostern kam es – wie sonst früher – zu einem völligen Verkehrschaos. Zudem führen wir bald den Rufbus für die Abendstunden ein. Aber natürlich warten wir auf endgültige Entscheidungen oder erste Baustellen bei den großen Infrastrukturprojekten der „Agenda Bozen“, also dem Hörtenberg-Tunnel, auf Fortschritte bei der SS12, auf die Unterführung an der Rombrücke und auf den Virgl-Eisenbahntunnel.<BR /><BR /><BR /><b>Ist Bozen sicher geworden?</b><BR /><BR /><BR />Corrarati: In den vergangenen Monaten sind weniger Menschen aus anderen Regionen für die Winterquartiere nach Bozen gekommen, auch aufgrund der eingeführten Ausweiskontrollen. In den Aufnahmezentren blieben zudem, anders als in früheren Jahren, größere Sicherheitsprobleme oder Schlägereien aus. Das ist vor allem der Arbeit des Sicherheitsausschusses beim Präfekten und der Arbeit des Quästors zu verdanken, denen ich danke. Und mit dem Projekt „Nachtwirtschaft“ das wir gestartet haben und bei dem wir mit unserer Universität zusammenarbeiten, wollen wir dafür sorgen, dass unsere Bürger abends den öffentlichen Raum nutzen, der dadurch sicherer sein wird. Das ist die richtige Antwort für jene, die befürchten, dass es in der Stadt nur Polizei und Carabinieri gibt. <BR /><BR /><BR /><b>Stichwort Stadtbild: Wie geht es mit der angekündigten Umstellung des Abfallsammelsystems weiter?</b><BR /><BR /><BR />Corrarati: Wir haben schon damit begonnen, das Stadtbild zu verbessern. Die Kartonsammlung in der Altstadt wurde bereits neu organisiert. Bald werden die Ergebnisse einer Studie für eine neue Abfallsammlung in der ganzen Stadt vorliegen. In der Zwischenzeit haben wir die Bußgelder erhöht und kontrollieren mehr. Wir arbeiten daran, jene ausfindig zu machen, die gar nicht oder zu wenig zahlen. Denn bevor wir die Gebühren für die Bürger erhöhen, ist es gut, zuerst diejenigen in die Pflicht zu nehmen, die bislang nicht zahlen. Dann gibt es noch die kleinen Dinge: Wir entfernen periodisch verlassene Fahrräder und Autos. <BR /><BR /><BR /><b>Die ersten Monate der Legislatur waren turbulent. Was lief aus Ihrer Sicht gut – und was weniger?</b><BR /><BR /><BR />Corrarati: Ich habe versucht, meinem Amtseid gerecht zu werden und die Grundwerte der Verfassung zu verteidigen. Das habe ich immer dann getan, wenn es um die Themen Einwanderung oder Bürgerrechte ging, aber auch, als Bezüge auf den Nationalsozialismus und den Faschismus aufkamen. Ich war vielleicht selbst ein wenig über meine Entschlossenheit erstaunt, aber ich habe als Bürgermeister einen Eid auf die Verfassung geschworen und zu diesen Werten stehe ich. Ich muss stets der Garant für alle Bürger sein und hoffe, dass sich die Stadt mit einem Bürgermeister identifiziert, der für diese Werte einsteht. Davon abgesehen erinnere ich daran, dass Bozen beim Thema Migration erstmals konkret entlastet wird. Ab dem Sommer werden Familien, die jahrelang auf Kosten der Gemeinde untergebracht waren, auf Gemeinden in ganz Südtirol verteilt. Damit kann auch die Integration besser gelingen. Was den zweiten Teil Ihrer Frage betrifft: Wir müssen beim Thema Wohnen noch mehr tun, wobei ich Vizebürgermeister Konder für seine große Arbeit danke, mit der er versucht, Verfahren zu beschleunigen und Bauvorhaben voranzubringen. <BR /><BR /><BR /><b>Mangelnder Wohnraum ist immer noch eines der größten Probleme. Was plant die Stadtregierung in den kommenden Monaten?</b><BR /><BR /><BR />Corrarati: Für die nächsten zwei Jahre sind mehrere hundert Wohnungen in Planung. Daran arbeiten wir intensiv, denn Bozen hat ein sehr großes Entwicklungspotenzial in bereits bebauten Zonen. Positiv ist, dass Mitte Juni am Hadrianplatz das Uni-Studentenheim mit 200 Plätzen eröffnet wird. Mit dem Land haben wir vereinbart, dass es ein weiteres Heim mit 250 bis 300 Zimmern im Bereich des NOI Techparks geben wird, womit möglicherweise der Bettenbedarf der Uni gedeckt werden kann. Das bedeutet dann auch, dass dadurch Wohnungen frei werden. Weiterer Wohnraum wird durch ein privates Unternehmen am Bozner Boden in der Zone der ehemaligen Gorio-Kaserne entstehen, die Gemeinde arbeitet derzeit am Durchführungsplan. Stärker vorantreiben müssen wir die Planung für das Areal der Huber-Kasernen in der Drususallee. Wenn es 2028 an die Gemeinde übergeht, müssen wir bereit sein, sofort bauen zu können. Ich erinnere aber auch daran, dass es in Bozen 400 freie WOBI-Wohnungen gibt, die so schnell wie möglich den Bürgern zur Verfügung gestellt werden müssen, und dass jetzt ein Sonderkommissar für das 40 Hektar große Bahnhofsareal ernannt worden ist. Aber es gibt auch ein anderes Thema, das wir sehr genau im Auge behalten müssen.<BR /><BR /><BR /><b>Welches?</b><BR /><BR /><BR />Corrarati: Wir müssen der Sozialpolitik mehr Aufmerksamkeit widmen. Deshalb sind Änderungen beim Sozialbetrieb der Stadt Bozen geplant, an denen Sozialstadträtin Brillo bereits arbeitet. Gleichzeitig müssen wir genauer verstehen, wo es in der Stadt Armut gibt, um dann gezielt einzugreifen. Deshalb habe ich die zuständigen Ämter beauftragt zu prüfen, inwieweit die Zahl der Fälle zunimmt, in denen die Bürger ihre Steuern nicht entrichten, um besser und gezielter reagieren zu können. Mehr tun müssen wir auch beim Thema Sport.<BR /><BR /><BR /><b>Inwiefern?</b><BR /><BR /><BR />Corrarati: Wir müssen den Sport noch stärker fördern, denn im Vergleich zur Kultur bekommt der Sport bislang noch zu wenig Geld und Hilfe. Die Familien sollten im Sport soziale Unterstützung finden, denn nicht alle Familien können auf Großeltern zurückgreifen. Deshalb müssen wir die Zusammenarbeit zwischen den Vereinen, der Stadt und den Familien weiter stärken. Sportvereine sollten Orte sein, an denen Familien ihre Kinder mehrere Stunden gut betreut wissen – nicht nur während des Trainings. Diese Zeit in den Sportvereinen könnte mit anderen sozialen Aktivitäten verbunden werden, sodass sie teilweise als schulische Leistung anerkannt wird, so wie es in anderen Teilen Südtirols bereits üblich ist. Hier besteht noch viel Handlungsbedarf. Familien brauchen ein starkes Netz aus Sportvereinen. <BR /><BR /><BR /><b>Wann startet Ihr „Projekt Nachbarschaftskontrolle“?</b><BR /><BR /><BR />Corrarati: Es läuft jetzt an. 90 Bürger haben sich gemeldet, derzeit werden die Koordinatoren für die drei Stadtviertel geschult, dann starten wir. <BR /><BR /><BR /><b>Wie beurteilen Sie die Zusammenarbeit in der Koalition mit der SVP?</b><BR /><BR /><BR />Corrarati: Es gibt große Synergie und Übereinstimmung, großen gegenseitigen Respekt und ein gegenseitiges Verständnis für die Bedürfnisse aller Gemeinschaften. Ich respektiere die Wirtschaft, besonders den landwirtschaftlichen Sektor, der die SVP mitprägt. Oft wurden in Bozen Beschäftigte in der Landwirtschaft und Beschäftigte anderer Bereiche der Wirtschaft gegeneinander ausgespielt, so als wäre die Entwicklung oder Nichtentwicklung der Stadt der einen oder der anderen Seite anzulasten. Je besser man sich kennt, umso besser respektiert man sich. Bislang besteht mit Vizebürgermeister Konder ein sehr gutes Einvernehmen. Wir sind auf dem Weg, dieser Legislaturperiode Stabilität und Kontinuität zu verleihen.