Sonntag, 02. Januar 2022

Aus still wurde leise

„Die Branche war zwar nicht mehr ganz so still wie 2020, dafür aber umso leiser. Ich bin mir nicht sicher, was nun schlimmer ist.“ Ein Kommentar von Rainer Hilpold zur Kulturbranche.

„Die Kulturbranche durchlebt eine Leidensgeschichte ohne Gleichen.“
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„Die Kulturbranche durchlebt eine Leidensgeschichte ohne Gleichen.“ - Foto: © Shutterstock
Wir sind einen wichtigen Schritt weiter als vor einem Jahr“, meinte lvh-Präsident Martin Haller jüngst im Interview mit den „Dolomiten“. Die meisten von uns dürften diese Aussage unterschreiben, Künstler, Theater und Konzertveranstalter wohl weniger. Es war wieder ein sehr düsteres Jahr für die Kultur, die auch das zweite Pandemiejahr mit enormen Umsatzeinbußen abschließen wird.

Selbst wenn es nicht zielführend – und auch nicht sonderlich klug ist – von Gewinnern und Verlieren der Pandemie zu sprechen: Die Kulturbranche durchlebt eine Leidensgeschichte ohne Gleichen. Der Klang der Hoffnung, der 2021 ab und an ertönte, verhallte schnell wieder. Die Branche war zwar nicht mehr ganz so still wie 2020, dafür aber umso leiser. Ich bin mir nicht sicher, was nun schlimmer ist.





Dabei ist es keineswegs so, dass Kultur nicht stattfindet. Nur eben auf eine Weise, wie sie für die Vielfalt derselben auf längere Sicht alles andere als zuträglich ist – im virtuellen Raum. Streamingportale freuen sich über neue Abonnenten-Rekorde, während Künstler einen Bruchteil eines Cents je Aufruf erhalten. 99 Prozent der Südtiroler Künstler, die auf ihre Monatsabrechnung blicken, können ein Lied davon singen.

Das Dilemma, in dem viele Künstler stecken: Einerseits erschaffen sie neue Werke, investieren Zeit, Herzblut und Geld, sie machen das aber ohne eine baldige Aussicht auf Rückflüsse. Wer 2021 Konzerte organisieren wollte, nahm schon in der Planungsphase wieder Abstand davon oder zog es trotz fehlender Gewinnperspektiven durch – häufig allein deshalb, um die Branche – und die vielen Beschäftigten, die darin arbeiten – irgendwie bei Laune zu halten.





Nach fast 2 Jahren der Pandemie stellt man jedoch Ernüchterung, bisweilen gar Resignation fest. Es scheint als würde langsam ein gefährlicher Gewöhnungseffekt eintreten; und zwar auf beiden Seiten – in der Kreativwirtschaft ebenso wie bei den Musikliebhabern, Theatergängern usw. Es dauert lange, bis Menschen ihre Gewohnheiten und Muster verändern. Sind sie jedoch einmal verändert, weil der Ausnahmezustand – zumindest für die Kulturbranche - zum Normalzustand geworden ist, kann der Weg zurück beschwerlich sein.

Da tröstet es wenig, wenn immer wieder vom einzigartigen Live-Erlebnis schwadroniert wird, auf das niemand verzichten wolle. Es wird sicherlich nicht so sein, dass ein Schalter umgelegt wird und der Kulturbetrieb wieder läuft wie vor der Krise. Dafür müssen wir uns schon bewusst entscheiden, sobald es die Pandemielage zulässt.

Wie wäre es, wenn wir uns fürs neue Jahr vornehmen, mindestens gleich viele Kulturveranstaltungen zu besuchen wie 2019? Das wäre doch mal ein Neujahrsvorsatz, an dem es sich festzuhalten lohnt.

stol

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