Der Vertrag von Lissabon (2007) legt fest, dass die Zusammensetzung der neuen Kommission „dem Ergebnis der Wahl zum EU-Parlament Rechnung tragen muss“. Bisher konnten die Abgeordneten lediglich den vom Europäischen Rat (Gruppe der Staats- und Regierungschefs) nominierten Kandidaten ablehnen oder annehmen. Zweite Neuerung: Die im EU-Verband zusammengeschlossenen Parteien haben je einen EU-weiten Spitzenkandidaten nominiert. Nach Absprachen wollen die Regierungschefs jenen Spitzenkandidaten zum Kommissionspräsidenten nominieren, dessen Fraktion nach der Wahl die meisten Abgeordneten stellt. Höchstens die beiden großen Parteienfamilien dürften eine reelle Chance haben, den Nachfolger von Jose Manuel Barroso zu stellen. Es wird also eine Art Richtungswahl zwischen den konservativen Parteien um Jean-Claude Juncker und den sozialdemokratischen Gruppen um Martin Schulz geben. Juncker steht als langjähriger Chef der Euro-Gruppe dafür, zwischen den Mitgliedsstaaten im Norden und Süden Konsens zu finden. Schulz kritisiert immer öfter den Europa-Kurs von Angela Merkel und die Reformforderungen, die Brüssel an schwächelnde Staaten wie Griechenland stellt.Am Ende braucht aber jede Kommission eine Mehrheit im Parlament und egal welche der beiden Fraktionen die größere sein wird: Auch diesmal wird es vermutlich wieder darauf hinaus laufen, dass Konservative und Sozialdemokraten eine Koalition eingehen. Nur wer diese anführen wird, ist offen: Demoskopen sagen ein knappes Rennen voraus. Seit der Wahl 1999 dominiert die konservative Fraktion das EU-Parlament. Dass es diesmal knapp wird, hat vor allem zwei Gründe: In Großbritannien schwächelt die Regierung von David Cameron. Laut Umfragen, kann die oppositionelle Labour-Partei von den 73 britischen EU-Mandaten 27 erobern. Bisher hatte sie 13. Und von noch einem großen EU-Land erhofft sich Schulz einen Vorteil: In Italien ist das Mitte-rechts-Lager um Silvio Berlusconi zersplittert. Außerdem ist Matteo Renzis PD erstmals zur Gänze in der sozialdemokratischen Fraktion verankert. Umfragen zufolge wird der PD 29 von 73 italienischen EU-Abgeordneten stellen, die Parteien der EVP-Familie nur mehr 20 oder 21 (2009 waren es 35 gewesen). Fazit: Martin Schulz, der sich 2003 im EU-Parlament ein legendäres Wortgefecht mit dem damaligen Premier Silvio Berlusconi geliefert hatte und seither einen Bekanntheitsgrad wie kaum ein anderer EU-Parlamentarier hat, macht das Rennen wieder spannend. Am Ende könnte er sogar durch die Schwäche des Cavaliere den Höhepunkt der Karriere erreichen.Moritz Windegger