Südtirol Online: Haben Sie mit einem so eindeutigen Referendum-Ergebnis gerechnet? Karl Zeller: In Südtirol schon. Nicht aber, dass das Ergebnis auf Staatsebene so eindeutig ausfällt. Ich hätte mir nicht gedacht, dass in jeder Region das Quorum – mit so einer Deutlichkeit – überschritten wird. Das Ergebnis ist eine Riesen-Ohrfeige für die Regierung. Vor allem, weil Berlusconis eigene Wähler an die Urnen gegangen sind und sich nicht an die Vorgaben von Mitte-Rechts gehalten haben. Da ist etwas zu Bruch gegangen. Ich bezweifle sehr, dass Berlusconi sich noch einmal aufrappeln kann – und das, obwohl er ein Stehaufmännchen ist. STOL: Zunächst die Kommunalwahlen, dann das Referendum: Berlusconi hat innerhalb kürzester Zeit zwei herbe Niederlagen hinnehmen müssen. Welche Auswirkungen wird dies auf die Regierungskoalition haben, zumal die Lega Nord bereits angekündigt hat, dass sie genug habe. Zeller: Die Wahrscheinlichkeit von Neuwahlen im nächsten Jahr ist gestiegen. Es wird nicht sofort zu Neuwahlen kommen, aber dass die Wahlen eher im nächsten Jahr, als im übernächsten Jahr stattfinden, ist groß. STOL: Der Konsequenz wegen müsste Berlusconi den Hut nehmen. Sie glauben nicht, dass er das tut? Zeller: Nein. Berlusconi sieht sich weiterhin als das Zentrum Italiens, wenn nicht der ganzen Welt. Er scheint auch relativ unbeeindruckt vom Ergebnis dieses Referendums zu sein und zieht es vor, weiterhin seine Scherzchen zu machen. Ich glaube nicht, dass sich Berlusconi ändern wird und deshalb wird es in den kommenden Monaten für Mitte-Rechts und die Lega sehr schwer. STOL: Berlusconi bleibt also nur die Flucht nach vorne. Was wird er unternehmen? Zeller: Die Regierung wird nun sicherlich versuchen, die Steuerreform durchzupeitschen. Allerdings: Die Budget-Situation Italiens ist dermaßen eng, dass nicht viel Spielraum bleibt. Berlusconi müsste jetzt einen Schritt zurück machen und einen neuen Ministerpräsidenten ans Ruder lassen. Dann hätte Mitte-Rechts vielleicht noch eine Chance bis 2013 durchzuhalten. Mit dieser Regierungsmannschaft wird das aber sehr, sehr schwer. Und, wie bereits gesagt, Berlusconi wird diesen Schritt nicht machen. STOL: Am 22. Juni steht eine weitere Vertrauensabstimmung an. Wird sie Berlusconi überstehen? Zeller: Das kann ich mir durchaus vorstellen, es bringt ihn aber nicht weiter. Denn: Die Stimmen erhält er von jenen Parlamentariern, die nicht Reformfreudigkeit auszeichnet, sondern die Berlusconi das Vertrauen aussprechen, weil sie Neuwahlen abwenden wollen. Diese Parlamentarier sind sich nämlich sehr wohl bewusst, dass sie bei den nächsten Wahlen nicht mehr im Parlament sitzen werden. STOL: Wie nehmen Sie derzeit die Stimmung im Parlament wahr? Zeller: Sehr nervös, sehr konfus. Ich mache ein Beispiel: Gestern (Pfingstmontag, A. d. R.) wurde über das Maßnahmenpaket zur Verwaltungsvereinfachung abgestimmt. Die Mehrheit ist nicht erschienen, weshalb die erste Abstimmung danebengegangen und eine Patt-Situation in der Haushaltskommission entstanden ist. Das zeigt sehr deutlich auf, wie nervös die Stimmung ist. STOL: Die Opposition befindet sich derzeit in Jubel- und Siegerstimmung. Allerdings, die Oppositionsparteien vereint momentan nur eines: ihre Anti-Berlusconi-Haltung. Zeller: Die Aufgabe der Opposition, allen voran für PD-Chef Bersani, ist es, an einer glaubwürdigen Alternative zu Mitte-Rechts zu arbeiten. Das ist bisher nicht erfolgt. Die Wähler haben dieser Regierung zwar einen Denkzettel verpasst und ihren Missmut zum Ausdruck gebracht. Das heißt aber noch lange nicht, dass sie deshalb bei der nächsten Wahl, auch den Partito Democratico wählen. Interview: Johanna Gasser Was sagen Sie? Stimmen Sie im STOL-TED ab.