Dienstag, 14. April 2020

Berufliche Chancengleichheit in Pandemiezeiten

Gleichstellungsrätin Morandini: „Dem Klatschen müssen konkrete Aufwertung systemrelevanter Berufe und nachhaltige Maßnahmen zur Vereinbarkeit Familie und Beruf folgen, ansonsten droht ein Rückschritt.“

„Eine Pandemie vergrößert sozusagen alle bestehenden Ungleichheiten,“ erklärt Gleichstellungsrätin Morandini.
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„Eine Pandemie vergrößert sozusagen alle bestehenden Ungleichheiten,“ erklärt Gleichstellungsrätin Morandini. - Foto: © shutterstock
In den letzten Wochen hat die Corona-Pandemie unseren Alltag bestimmt. Das gesellschaftliche Leben wurde heruntergefahren und nur noch die notwendigsten Dienstleistungen wurden aufrechterhalten. Dieser Notzustand hat unsere Wahrnehmung verändert, wie nachhaltig, wird sich zeigen.

In der aktuellen Diskussion wird viel von systemrelevanten Berufen gesprochen. Als systemrelevant gelten jene Berufe, die für die Aufrechterhaltung von gesellschaftlichen Grundbedürfnissen unerlässlich sind. Dazu zählen beispielsweise Berufe im Gesundheitswesen, in der Sozialbetreuung, in der Lebensmittelversorgung, in der Verkehrs- und IT-Infrastruktur.

„Die Gesellschaft hat erkannt: Ohne sie geht gar nichts! Und sie hat es zum Ausdruck gebracht, z. B. durch Klatschen am Balkon, Plakate mit Dankessätzen und öffentliche Anerkennung vonseiten politischer Entscheidungsträgern,“ erklärt Morandini.

„Öffentliche Anerkennung reicht nicht“

Diese öffentliche Anerkennung sei gut und nötig, für jene die in dieser Ausnahmesituation an „vorderster Front“ stehen und zudem einem erhöhten Risiko ausgesetzt sind. Allerdings reiche es nicht. Dieser Anerkennung in der Notsituation müssten in einer weiteren Phase konkrete „Anpassungen“ und Maßnahmen folgen, denn die große Mehrheit systemrelevanter Berufe weise außerhalb von Krisenzeiten eine unterdurchschnittliche Bezahlung und geringes gesellschaftliches Ansehen auf.

„75 Prozent systemrelevanter Berufe, die häufig Fürsorgearbeit sind, werden von Frauen ausgeübt. Wissenschaftliche Studien haben nachweisen können, dass sich Ungleichheiten in Ausnahmen- und Krisensituationen verschärfen. Eine Pandemie vergrößert sozusagen alle bestehenden Ungleichheiten. Bei der aktuellen Diskussion um die Maßnahmenpakete hat man das Gefühl, dass der Großteil der Maßnahmen der Wirtschaft dienlich sein wird“, so Morandini.

„Wenn man Wirtschaft als Teil des gesellschaftlichen Systems und nicht als das System versteht, muss auch auffallen, dass wirtschaftliches Treiben erst möglich wird, wenn alle Teile des Systems gleich hohen Wert haben. Vielleicht liegt es daran, dass systemrelevante Berufe, die mehrheitlich von Frauen ausgeübt werden, als selbstverständliche Serviceleistungen wahrgenommen werden und einige dieser Berufsgruppen keine starke Lobby haben, die für ihre Rechte kämpfen,“ Morandini weiter.

Und genau darin liege nun eine der großen Herausforderungen: Bei all den Maßnahmen die in nächster Zeit geschnürt werden, müssten die Auswirkungen auf alle gesellschaftliche Bereiche bedacht werden. Maßnahmen zur Effizienz der Wirtschaft könnten sich nachteilig auf die Geschlechtergerechtigkeit auswirken. Dies gelte auch für das Thema der Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

„Frauen sind vermehrt von prekären Arbeitsverhältnissen betroffen“

„Nach der 1. Phase werden viele Paare in den nächsten Monaten grundlegende Entscheidungen treffen müssen, um die Versorgung der Kinder und andrer Familienangehöriger sicherzustellen. Angesichts der Tatsache, dass auch in Südtirol vermehrt Frauen von prekären Arbeitsverhältnissen betroffen sind, weniger in Entscheidungs- und Führungspersonen anzutreffen sind und im Durchschnitt in Südtirol immer noch 16,9 Prozent weniger verdienen, liegt die Annahme nahe, dass vor allem Mütter bzw. Töchter zu Hause bleiben, um die Versorgung und Assistenz von Kindern und zu pflegenden Angehörigen zu gewährleisten,“ erklärt die Gleichstellungsräting.

Ohne effiziente Maßnahmen der Kinderbetreuung würden viele Frauen zu Hause bleiben müssen. „Was dies für ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt bedeutet, braucht nicht näher erläutert werden – das Familienmodell der 50er Jahre lässt grüßen.“

Die Verantwortung liege für die politischen Entscheidungsträger nun darin, Maßnahmenpakete zu schnüren, die die Auswirkungen auf breiter Ebene und für alle Personengruppen berücksichtige. Dies gelinge jedoch nur, wenn die verschiedenen Experten auch an der Ausarbeitung dieser Maßnahmenpakete und in Entscheidungsprozesse eingebunden werden.

stol

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