Samstag, 07. November 2020

Biden ruft zur Einheit auf und will am Samstag wieder reden

Joe Biden stimmt die Amerikaner auf seine Präsidentschaft ein und ruft zur Einheit auf. Es sei an der Zeit, als Nation zusammenzukommen und zu heilen, sagte Biden am Freitagabend (Ortszeit) in Wilmington im Bundesstaat Delaware.

Biden zeigt sich mit den Worten „Wir werden dieses Rennen gewinnen“ siegessicher. - Foto: © APA/afp / ANGELA WEISS
„Es wird nicht einfach, aber wir müssen es versuchen.“ Zorn und Dämonisierung müssten überwunden werden. Der Demokrat zeigte sich siegessicher. Wann ein Ergebnis der Wahl vom Dienstag feststeht, ist immer noch offen.

Wie berichtet, wird immer noch ausgezählt. Biden ist jedoch auf Kurs, die Wahl für sich zu entscheiden.

Biden: „Wir werden dieses Rennen gewinnen.“

Die bisher veröffentlichten Zahlen machten klar: „Wir werden dieses Rennen gewinnen“, so der Herausforderer. Bei der Auszählung in den Schlüsselstaaten machte Biden weiter Fortschritte. Seinen Vorsprung in der Republikaner-Hochburg Georgia baute er dem Datenanbieter Edison Research zufolge weiter aus. Auch im wohl entscheidenden Bundesstaat Pennsylvania liegt er vorne.

Amtsinhaber Donald Trump gab sich jedoch längst noch nicht geschlagen. In einer offiziellen Mitteilung des Weißen Hauses kündigte er am Freitag weitere Rechtsschritte an und unterstrich: „Ich werde niemals aufgeben, für euch und unsere Nation zu kämpfen.“ Zuvor stellte er erneut ohne Belege zu liefern die Behauptung auf, die Wahl werde ihm „gestohlen“.

4 Bundesstaaten im Fokus der Weltöffentlichkeit


Die Entscheidung über die Präsidentschaft steht 4 Tage nach der Abstimmung immer noch aus – und hängt von den Ergebnissen in 4 Schlüsselstaaten ab. In allen lag Herausforderer Joe Biden am Samstagfrüh (Ortszeit) vorn. Die Rennen sind jedoch so knapp, dass die US-Sender noch keinen Sieger ausgerufen haben.

Nach Angaben des Senders CNN liegt Biden im Kampf ums Weiße Haus derzeit mit 253 Wahlleuten vorn, Amtsinhaber Donald Trump kommt auf 213 Stimmen. Der Sieger braucht 270 Wahlleute.
Insgesamt stehen in 6 Bundesstaaten die Ergebnisse noch aus, darunter auch North Carolina und Alaska mit seinen 15 beziehungsweise 3 Wahlleuten – dort führt Trump. Entscheidend sind jedoch folgende 4 Schlüsselstaaten:

Pennsylvania (20 Wahlleute): Der Bundesstaat, der zu der als Rostgürtel bekannten Industrieregion im Norden der USA gehört, ist besonders umkämpft. 96 Prozent der Stimmzettel sind ausgezählt. Biden hatte den Staat am Freitag gedreht und Trump überholt: Der ehemalige Vizepräsident liegt derzeit mehr als 28.800 Stimmen in Führung. Mit einem Sieg in Pennsylvania würde Biden auch den Gesamtsieg erringen – ohne auf die Ergebnisse der noch ausstehenden Staaten warten zu müssen.

Nevada (6 Wahlleute): 93 Prozent der Stimmen in dem Wüstenstaat im Westen der USA waren am Samstagfrüh ausgezählt. Dort, wo Hillary Clinton 2016 gewann, liegt derzeit auch Biden mit 49,8 Prozent vor Trump mit 48,0 Prozent vorn, das sind etwa 22.600 Stimmen. Die Wahlbehörde des Bundesstaates kündigte an, dass die Auszählung über das Wochenende hinweg weitergeht.

Arizona (11 Wahlleute): Einige US-Medien, darunter Fox News und Associated Press, riefen bereits am Mittwoch den Demokraten Biden zum Wahlsieger in dem südwestlichen Bundesstaat aus, andere legten sich für Arizona noch nicht fest. Laut CNN schrumpfte Bidens Vorsprung vor Trump zuletzt, betrug aber immer noch knapp 30.000 Stimmen. Vorausgesetzt Biden gewinnt in Arizona, dann würde ihm bereits ein weiterer Sieg im Bundesstaat Nevada mit nur sechs Wahlleuten für den Gesamtsieg reichen.

Georgia (16 Wahlleute): Nach Auszählung von 99 Prozent der Stimmen hat Biden in dem eigentlich konservativ geprägten Südstaat einen knappen Vorsprung von rund 7.200 Stimmen (0,1 Prozent). In Georgia sollen die Stimmen wegen des sich abzeichnenden äußerst knappen Ausgangs allerdings neu ausgezählt werden.

Sehr hohe Briefwahlbeteiligung

Bidens Ansprache war ursprünglich als Siegesrede geplant. Doch die Auszählung der Stimmen dauert nach wie vor an. Hintergrund ist eine außergewöhnlich hohe Briefwahlbeteiligung. Viele Amerikaner wollten sich wegen der Coronavirus-Pandemie am Wahltag selbst nicht in lange Schlangen stellen, um sich vor einer Ansteckung zu schützen.

Biden kündigte an, gleich am ersten Tag seiner Amtszeit mit der Umsetzung eines Plans zur Bewältigung der Coronavirus-Pandemie beginnen zu wollen. „Wir können in den kommenden Monaten viele Leben retten“, sagte er. Die USA sind weltweit am stärksten von dem Coronavirus betroffen. Zuletzt gab es über 129.000 Neuinfektionen binnen eines Tages. Die Zahl der Todesfälle nach einer Infektion erhöhte sich um mindestens 1219 auf 236.250. Trump steht auch wegen seines Umgangs mit der Pandemie in der Kritik.

Biden erwähnt Trump in seiner Ansprache nicht

Biden erwähnte in seiner Rede Amtsinhaber Trump nicht. Experten zufolge könnte auch der Republikaner noch die Wahl gewinnen. Als Schlüssel zum Wahlsieg gilt Pennsylvania. Biden liegt dort in Führung. Ein Sieg würde ihm 20 Wahlleute bringen. Damit käme er auf 273 Wahlleute. Für das Präsidentenamt nötig sind 270. Biden hat derzeit 253, Trump 214. Ohne Pennsylvania kann der Präsident die Wahl rein rechnerisch nicht mehr gewinnen.

Biden erklärte, er rechne am Ende mit mehr als 300 Wahlleuten für sich. Er bat angesichts der langwierigen Auszählung um Geduld. „Ihre Stimme wird gezählt“, versprach er. Er werde nicht zulassen, dass jemand dies zu verhindern versuche. Biden äußerte die Hoffnung, sich am Samstag erneut an die Wähler wenden zu können.

Kundgebungen von Trump-Anhängern geplant

Während Bidens Anhänger teilweise bereits feierten, folgten die Trump-Unterstützer der Behauptung, die Wahl werde gestohlen und forderten den Stopp der Auszählung. Unter dem Hashtag „Stoppt den Diebstahl“ sind für Samstag zahlreiche Kundgebungen in fast 60 Städten in 6 besonders umkämpften Bundesstaaten geplant, darunter auch Michigan und Wisconsin, die Biden bereits gewonnen hat.

Trumps Kritik richtet sich vor allem gegen die Briefwahl und die Möglichkeit, dass vielerorts bereits vor dem eigentlichen Wahltag abgestimmt wurde. Umfragen zufolge haben vor allem Anhänger der Demokraten dies genutzt. Das erklärt auch, warum Trump auf Basis der direkt am Wahltag abgegeben Stimmen etwa in Pennsylvania erst deutlich vor Biden lag, der Demokrat nun aber nach Auszählung der Briefwahlstimmen in Führung liegt. Trump und seine Anwälte werten dies als Wahlbetrug und haben deswegen eine Klagewelle losgetreten. Mehrere Gerichte folgten dem allerdings nicht.

Auch Rechtsexperten geben Trumps Strategie kaum Erfolgschancen. Dennoch will das Nationale Komitee der Republikaner zur Finanzierung Insidern zufolge mindestens 60 Millionen Dollar (50,55 Millionen Euro) aufbringen. Aus dem Kleingedruckten geht allerdings hervor, dass gut die Hälfte davon erst mal zur Abdeckung der Schulden aus dem Wahlkampf genutzt werden sollten. Auch die Demokraten sammeln seit Mittwoch Geld für juristische Kosten in einem „Biden Fight Fund“.

apa/reuters

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