Somit steht die 50-Jährige an der Spitze der ungeliebten Liste aus Trient - und im Kreuzfeuer der Kritik.„Ich bin die Prügelfrau“, sagt die Ex-Landesrätin, die vor vielen Jahren als neuer Stern der Südtiroler Volkspartei in den Landtag eingezogen war, am Tag nach der Veröffentlichung der Liste im Interview mit Stol. Nach 20 Jahren im Hohen Haus – mal als Landtagspräsidentin, meistens als Landesrätin – haben die Bürger derzeit nur noch wenig gute Worte für Kasslatter-Mur übrig. „Bitte fragen Sie mich nicht, wie ich mich fühle.“Südtirol Online: Frau Kasslatter-Mur, viele Politiker geben an, nichts von Ihrer Pension in Millionenhöhe gewusst zu haben. Wann und wie haben Sie von Ihrer hohen Rente erfahren?Sabina Kasslatter-Mur: Als ich aus dem Landtag ausgeschieden bin, war ich mir der großen Summe nicht bewusst. Anfang des Jahres wurden mir aufgrund der Neuregelung dann 285.143,34 Euro ausbezahlt. Zudem musste ich meine Zustimmung dazu geben, dass 1.140.000 Euro bis 2021 im Family Fonds zwischengelagert werden.Stol: Rechnet man die beiden Beträge zusammen, kommen Sie auf eine Pension von über 1,4 Millionen Euro. Was war Ihr erster Gedanke, als Sie die Summe so vor sich sahen?Kasslatter-Mur: Ich war sehr erstaunt. Dann habe ich nachgerechnet – und es stimmt schon: Ich habe Anspruch auf 1,4 Millionen Euro Pension. Dabei möchte ich allerdings eines betonen: Über den Großteil meiner Pension kann ich definitiv 2021 verfügen. Die 1.140.000 Euro vom Family Fonds kann ich ab 2018 in Raten beantragen. Derweil stehen sie der heimischen Wirtschaft für Kredite zur Verfügung.Stol: Wussten Sie, dass sie die Liste der Polit-Pensionen anführen?Kasslatter-Mur: Dass ich die Nummer 1 auf der Liste bin, habe ich erst gestern Mittag zeitgleich mit der Pressekonferenz erfahren. Ich wusste allerdings, dass meine Rente sehr hoch sein wird. Das ergibt sich daraus, dass ich lange Zeit – nämlich 20 Jahre – im Landtag war, jetzt noch verhältnismäßig jung bin und als Frau eine höhere Lebenserwartung habe. Dass ich sowohl Landesrätin als auch Landtagspräsidentin war, spielt für die Pension keine Rolle, weil jeder Landtags- bzw. Regionalratsabgeordnete unabhängig von seiner Zusatzfunktion denselben Rentenanspruch hat. Vor der jetzigen Neuregelung waren dies über 10.000 Euro brutto – also 6.300 bis 6800 Euro netto – und somit mehr als die Abgeordneten heute verdienen. Das musste geändert werden. Stol: Sie finden Rosa Zelger Thalers Neuregelung gut?Kasslatter-Mur: Mir tut Rosa Zelger Thaler leid. Sie hat sich bemüht, endlich einen Schlussstrich unter das Kapitel „hohe Polit-Renten“ zu ziehen. Nun muss sie Prügel dafür einstecken. Dabei wird vergessen: Mit der Neuregelung sind 50 Millionen Euro für das Familienpaket abgezwackt worden, der Family Fonds mit 32 Millionen Euro für Kredite der heimischen Wirtschaft eingerichtet sowie bereits im heurigen Haushalt der beiden Länder Bozen und Trient 37,5 Millionen Euro an Steuern (aus der Fondssumme und den ausbezahlten Beiträgen) zur Verfügung gestellt. Aber gestern, am Tag als die Liste veröffentlicht wurde, war dafür kaum Platz: Es ging nur um Zahlen und Schlagzeilen. Daher verstehe ich die Empörung der Menschen, muss aber unterstreichen, dass die alte Regelung mit Renten von mehr als 6000 Euro monatlich teurer gewesen ist. Stol: Wegen Ihrer günstigen Voraussetzungen – viele Jahre im Landtag dazu noch ein recht junges Alter – führen Sie bekanntermaßen die ungeliebte Moltrer-Liste an. Die Bürger hegen Groll. Müssen Sie als Prügelknabe für das Bild des „Schmarotzer-Politikers“ herhalten?Kasslatter-Mur: Ich bin die Prügelfrau. Natürlich wäre es einfacher für mich, wenn ich nun nicht auf Platz eins, sondern weiter unten gereiht werden würde. Der Erste wird nun mal rangenommen. Aber dem muss ich mich stellen. Mein Mann hat mir heute schon eine Reihe von Medienanfragen notiert, die werde ich nun alle abarbeiten. Ich muss Rede und Antwort stehen. Klarerweise ist das nicht angenehm. Stol: Wenn nun 1,4 Millionen an Rente in Aussicht stehen, man dabei aber weiß, dass es für manche Bürger schwierig ist, mit der eigenen Rente über die Runden zu kommen, überkommt Sie dann das schlechte Gewissen?Kasslatter-Mur: Auf der einen Seite stehen da Rentenbeträge, die ich über Jahre eingezahlt habe. Und mit der Neuregelung habe ich einer Kürzung zugestimmt. Auf der anderen Seite… ich bin hin- und hergerissen. Bitte fragen Sie mich nicht, wie ich mich fühle. Ich habe gestern Mittag erfahren, dass ich bis 2021 den höchsten Pensionsbeitrag erhalten werde. Deshalb habe ich entschieden, nach erfolgter Auszahlung jeweils eine angemessene Summe zu spenden.Interview: Petra Gasslitter