Montag, 09. Mai 2016

Bozen: Rechenspiele und was die Bürgermeister-Kandidaten sagen - DIE VIDEOS

Die Südtiroler Volkspartei hat in Bozen die meisten Stimmen aller Parteien bekommen, aber bei der Sitzverteilung bekommt die Demokratische Partei (PD) einen Sitz mehr als die SVP, und zwar 9 statt 8. Wie kann das sein? STOL hat sich das Rätsel bzw. den Rechenvorgang vom Wahlamt der Region erklären lassen.

Viel Geduld und viele Rechnereien sind nötig, um festzustellen, welche Partei wie viele Sitze erhält.
Viel Geduld und viele Rechnereien sind nötig, um festzustellen, welche Partei wie viele Sitze erhält. - Foto: © shutterstock

1. Reine Bürgermeisterstimmen dazuzählen

Als erster Schritt müssen bei allen Listen jene Stimmen hinzugezählt werden, die nur an den Bürgermeister gegangen sind. Beim Beispiel SVP bedeutet das, dass zu den 6409 Listenstimmen noch 385 Stimmen hinzukommen, wo die Wähler nur den Namen von Bürgermeister-Kandidat Christoph Baur angekreuzt haben - ohne Vermerk auf dem Listenzeichen und ohne Vorzugsstimmen. Im Fall der SVP kommt man so zur sog. "Wahlziffer" von 6794 Stimmen.

Bei den einzeln angetretenen Listen ist diese Prozedur einfach und schnell erledigt.

Das sagt Christoph Baur: 

2. Bei Listenverbindungen wird gemäß Stimmenmenge verteilt

Kompliziert wird es bei Listenverbindungen, denn hier müssen die Stimmen, die nur an den Bürgermeister gegangen sind, auf alle Bündnispartner verteilt werden, und zwar streng proportional gemäß der erhaltenen Listenstimmen.

Nimmt man etwa das Listenbündnis von Wahlsieger Renzo Caramaschi als Beispiel, so muss man die 1298 Stimmen für Caramaschi selbst auf den PD, die Bürgerliste Caramaschi und "Sinistra" verteilen. Da der PD (5977 Stimmen) von der Summe der Listenstimmen der 3 Partner (8209 Stimmen) mit 72,8 Prozent den klar größten Anteil erhalten hat, kommen weitere 947 Stimmen von Caramaschi dazu, was eine Summe von 6924 Stimmen ergibt. Die Bürgerliste (20,3 %) wächst von 1670 auf 1934 Stimmen und "Sinistra" (6,8 %) von 562 auf 651 Stimmen.  

Wahlsieger Renzo Caramaschi im Interview: 

3. Wer hat die einzelnen Wahlhürden geschafft

Als nächstes wird überprüft, wer die verschiedenen Wahlhürden geschafft hat: 3 Prozent für Einzelparteien, 7 Prozent für Wahlbündnisse und 2,2 Prozent für Parteien in einem Wahlbündnis.

Im Fall von Bozen bleiben diesmal daher die 7 Listen ohne Sitz: Anna Pitarelli/Neue Welle Bozen, Artioli Bürgermeisterin, Rifondazione Comunista, "I love my towm", Süd-Tiroler Freiheit, "Sinistra" und die Pensionistenpartei.

4. Alle Wahlziffern der Verbliebenen werden summiert

Als nächster Rechenschritt werden nun die Wahlziffern aller Listenbündnisse und aller Einzelparteien, die für die Sitzverteilung übrig sind, zusammengezählt. In unserem Beispiel Bozen kommt man auf 38.998 Stimmen.

Diese Summe muss nun durch die Anzahl der Sitze dividieren, die zu vergeben sind, also 45. Dadurch erhält man den Wahlquotienten, in diesem Fall die Zahl 866.

5. Dank Wahlquotient werden Vollmandate ermittelt

Nun muss man die Anzahl der Stimmen der jeweiligen Wahlbündnisse und einzeln angetretenen Parteien durch die Wahlquotienten dividieren. Die Zahl vor dem Komma gibt nun die Anzahl der jeweiligen Vollmandate an.

Im Fall Bozen entfallen auf das Wahlbündnis von Caramaschi (9509 Stimmen) 10 Vollmandate, auf das Bündnis von Mario Tagnin (7833 Stimmen) 9, auf die SVP (6794 Stimmen) 7, auf den Movimento 5 Stelle (4918 Stimmen) 5, auf das Bündnis von Norbert Lantschner (3414 Stimmen) und auf Casa Pound (2646 Stimmen) je 3 Sitze sowie auf Alleanza per Bolzano (2059 Stimmen) und auf Io sto con Bolzano (1825 Stimmen) je 2 Vollmandate.

Auf diese Weise werden 41 der 45 Sitze als Vollmandate verteilt. 

Das sagt Mario Tagnin: 

6. Die "Kosten" der Vollmandate entscheiden über die Restmandate

Für die Vergabe der 4 Restmandate heißt es wieder rechnen: Partei für Partei bzw. Bündnis für Bündnis muss berechnet werden, wie viel die Vollmandate "gekostet" haben, indem man den Wahlquotient mit der jeweiligen Anzahl an Vollmandaten multipliziert. Das Caramaschi-Listenbündnis hat also 866 mal 10, sprich 8660 Stimmen benötigt.

Da Caramaschis Bündnis ja insgesamt 9509 Stimmen bekommen hat, bleiben (nach dem Abzug der 8660 Stimmen für die Vollmandate) noch 849 Reststimmen übrig. Nachdem man diese Prozedur bei allen Listenbündnissen und Einzelparteien wiederholt hat, verteilt man die 4 Restmandate an jene 4 Bündnisse und Einzelparteien mit der höchsten Zahl an Reststimmen.

Im Fall Bozen gehen die Restmandate an das Bündnis Caramaschi, an jenes von Lantschner, an die SVP und an den Movimento 5 Stelle.

7. Die Verteilung der Mandate innerhalb von Listenbündnissen

Die letzten Rechenschritte betreffen die Verteilung der Mandate an die Parteien innerhalb eines Bündnisses.

Im Fall der Listenverbindung von Renzo Caramaschi wird zunächst festgehalten, dass die "Sinistra" nicht die geforderte 2,2-Prozent-Hürde geschafft hat und somit leer ausgeht. Die 11 Mandate werden als unter den anderen 2 Partnern (PD und Lista Caramaschi) aufgeteilt. Hierfür werden zunächst wieder die Wahlziffern der 2 Parteien zusammengezählt (9924 + 1934 = 8858). Wenn man diese Summe durch die Anzahl der Mandate (11) dividiert, erhält man jene Stimmenzahl (805), die es für ein Vollmandat braucht.

Dividiert man nun die beiden Wahlziffern jeweils durch diese Zahl (805), stellt man fest, dass der PD 8 Vollmandate und die Lista Caramaschi 2 Sitze bekommt. Das Restmandat wird, so wie weiter oben geschildert, zugeteilt, und zwar in diesem Fall an den PD.

Auf dieselbe Weise geht man auch bei den anderen Wahlbündnissen vor, wobei im Fall des Wahlbündnisses von Norbert Lantschner alle 4 Mandate an die Grünen gehen, weil Rifondazione comunista die Wahlhürde nicht geschafft hat.

8. Die Sitze sind zugeteilt

Am Ende all dieser Rechnungen erhält man die Sitzverteilung im Bozner Gemeinderat: PD 9 (8+1), SVP 8 (7+1), Movimento 5 Stelle 6 (5+1), Lega Nord 5 (4+1), Il Centrodestra 4, Grüne/Projekt Bozen 4, Casapound 3, Alleanza per Bolzano 2, Bürgerliste Caramaschi 2, Io sto con Bolzano 2. 

Zugleich wurde auch das Rätsel gelöst, warum der PD mehr Sitze erhält als die SVP.

Alle Ergebnisse der Gemeinderatswahl in Bozen finden Sie hier.   

stol/ds

stol