Montag, 03. Mai 2021

Brexit und Corona: Trifft London ein „perfekter Sturm“?

Volle Außenbereiche vor den Pubs und geschäftiges Treiben in den wieder geöffneten Geschäften – wer derzeit nach London schaut, könnte meinen, die Stadt habe das Schlimmste bereits überstanden. Doch dieses Bild könnte trügerisch sein. Für die 9-Millionen-Metropole an der Themse, die am 6. Mai einen neuen Bürgermeister wählt, sind die Konsequenzen von Corona und Brexit womöglich noch gar nicht ganz sichtbar.

In London leben viele Menschen in Armut.
In London leben viele Menschen in Armut. - Foto: © APA/afp / TOLGA AKMEN
„Wenn wir nicht aufpassen, wird London einem perfekten Sturm aus Brexit und dieser fürchterlichen Covid-Pandemie ausgesetzt sein“, warnt der amtierende Bürgermeister Sadiq Khan von der Labour Party, der sich um eine Wiederwahl bemüht, im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Die Chancen, dass er eine weitere Amtszeit erhält, stehen gut. Der 50-Jährige führt in den Umfragen meilenweit vor seinem Herausforderer Shaun Bailey von den Konservativen.

Im vergangenen Jahr gingen Geschäfte, Hotels und Restaurants Schätzungen der Kommunalverwaltung zufolge rund 13 Milliarden Pfund (aktuell 14,97 Millionen Euro) durch die Lappen. So viel hatten Touristen und Pendler im Jahr zuvor noch ausgegeben. Besonders hart traf es die Unterhaltungsbranche im West End. Die Hoffnung ruht nun darauf, dass angesichts niedriger Infektionszahlen und des schnellen Impftempos tatsächlich wie geplant am 21. Juni alle Restriktionen fallen können.

Zu den Pandemiefolgen kommt, dass die wichtige Finanzbranche durch den Brexit zwar nicht den befürchteten großen Exodus erlebte, aber doch einen spürbaren Abfluss von Unternehmen und Teilbereichen hinnehmen musste. Einer neuen Studie der Denkfabrik New Financial zufolge verlegten 400 Unternehmen Aktivitäten und Kapital in die EU – und es dürften nicht die letzten gewesen sein.

Fast ein Drittel der Londoner lebt in relativer Armut

Khans Konzept gegen die Krise: „Jobs, Jobs, Jobs“. Doch das wird nicht einfach sein. Keine andere Region des Vereinigten Königreichs verlor so viele Jobs. Nirgendwo sonst wurden so viele Menschen mit dem Furlough-System freigestellt. Viele werden wohl nicht mehr an ihre alten Arbeitsplätze zurückkehren, wenn die staatliche Unterstützung eingestellt wird. Das in einer Stadt, in der die durchschnittliche Kaltmiete für eine Wohnung 2200 Euro im Monat kostet.

Beinahe ein Drittel der Londoner lebt Schätzungen zufolge in relativer Armut. Die Straßenzüge in Innenstadtbezirken wie Kensington, Chelsea oder Westminster, die oft als Filmkulisse herhalten, sind nur ein kleiner Teil dieses 1500 Quadratkilometer großen Häusermeers aus Backstein und Beton. Den Glasfassaden der Wolkenkratzer in der City oder dem alten Hafenbereich Canary Wharf stehen Beton-Wohntürme gegenüber, die quer über das Stadtgebiet verteilt sind. Die Menschen dort leben günstiger, weil es sich oft um Sozialwohnungen handelt, aber auch in beklemmender Enge.

Auch das gigantische Nahverkehrsnetz ist unter Druck – das Verkehrsunternehmen TfL (Transport for London) ist zu einem großen Teil von Ticketverkäufen abhängig. Diese brachen in der Pandemie jedoch um 90 Prozent ein. Positiv war, dass Langzeitprobleme wie Messerkriminalität und Luftverschmutzung zurückgingen. Ob es dabei bleibt, ist ungewiss.

Erst vor kurzem starb ein 14-Jähriger an Stichverletzungen. Unter Verdacht stehen 2 praktisch Gleichaltrige. Allein in diesem Jahr wurden bereits fast ein Dutzend Menschen durch Messerstiche getötet – allesamt Jugendliche und junge Männer. Die Hintergründe sind oft schwer zu durchschauen.

Khans Herausforderer Bailey verspricht, mehr Polizei auf die Straße zu bringen. Der Amtsinhaber setzt hingegen auf eine Mischung aus spezialisierten Einsatzkräften, Bildungs- und Sportangeboten für junge Menschen sowie einem Mentorenprogramm.

Auch die schlechte Luft ist weiterhin großes Thema. Der tragische Tod eines 9 Jahre alten Mädchens nach einem Asthma-Anfall wurde unter anderem auf Luftverschmutzung an ihrem Wohnort zurückgeführt.
Doch London wäre nicht London, wenn es nicht seinen Humor behielte.

Bei der Wahl tritt auch ein gewisser Count Binface an. „Graf Mülltonnengesicht“, hinter dem sich ein Komiker verbirgt, fordert beispielsweise, dass ein Handtrockner auf der Herrentoilette eines Pubs in Uxbridge umgesetzt wird.

apa/dpa