Darum fuhr Christian Stocker am 5. Jänner auch in Jeans und Rollkragenpulli zur Vorstandssitzung seiner ÖVP. Doch dann machte sie ihn zu seiner Überraschung zum interimistischen Parteichef. Der ist inzwischen Bundeskanzler einer ÖVP/SPÖ-NEOS-Koalition. von Andreas Schwarz<BR /><BR />Und an diesem Wochenende wird der loyale Parteisoldat beim Parteitag offiziell zum ÖVP-Obmann gekürt – zum 19. seit 1945, zum bereits achten in den 2000er-Jahren.<BR /><BR />Ja, die Fluktuation an Parteiobleuten ist in der konservativen Volkspartei traditionell groß. Aber was ist Christian Stocker, der Rechtsanwalt aus Wiener Neustadt südlich von Wien, für ein Parteichef?<BR /><BR />Der bullige Niederösterreicher, der gerne blaue Dreiteiler trägt, kann vieles sein. Als Generalsekretär erfüllte er das Anforderungsprofil des Kettenhundes der Partei voll, wehrte ab, was es an Vorwürfen abzuwehren galt, und biss zu, wo es die politische Logik verlangte.<BR /><BR />Als er nach dem ersten Bruch der Koalitionsverhandlungen von ÖVP, SPÖ und NEOS im Jänner Verhandlungen mit Herbert Kickl von der FPÖ aufnahm, mit jenem Kickl, den er Wochen zuvor noch „In dieser Republik braucht sie keiner“ an den Kopf geworfen hatte, da haftete ihm schnell das Bild des Wendehalses an. Und er stand zu dem Imageschaden, den er da erlitt, weil es jetzt „Lösungen“ brauche.<BR /><BR />Und als er nach dem endgültigen Aus für ÖVP-FPÖ dann doch eine Koalition mit der SPÖ und den NEOS schmiedete, das „Miteinander“ und den „Konsens“ auf die politische Bühne hob, da war Stocker wieder ein anderer – der Mann und der Kanzler der Stunde nämlich. Der einer Regierung vorsteht, die Österreich aus seinem budgetären Loch ziehen und gleichzeitig den weiteren Aufstieg des Doch-nicht-Volkskanzlers Herbert Kickl verhindern soll.<BR /><BR />Das nötigt auch den anderen Parteien und den sonst immer kritischen Medien Respekt ab. „Stiernacken statt Slim Fit: Stocker ist kein Blender und kein Verführer, kein Möchtegern“, zitiert die bürgerliche „Presse“ staunend den linksliberalen „Standard“, der sonst an ÖVP-Granden selten ein gutes Haar lässt.<BR />Der Slim-Fit-Vergleich bezieht sich natürlich auf Sebastian Kurz, den einstigen „Messias“ der Volkspartei, der sie seit 2017 in lichte Höhen katapultiert hat und mit seinem Sturz 2021 in ein tiefes Loch fallen ließ. Kurz hatte seinen Aufstieg in der Partei penibel geplant und durchgezogen, Stocker nicht. Kurz wollte die Partei und das Land verändern, bei Stocker hat man bei beidem den Eindruck: das nicht. Kurz konnte rhetorisch überzeugen und blenden, Stocker spricht knochentrocken und solide.<BR />Der Christlich-Soziale Stocker ist ein Diener der Sache, lässt sich nicht so leicht aus der Ruhe bringen, pariert als Kanzler selbst die untergriffigste Kritik souverän und trocken. Der gelernte Elektroinstallateur verbindet Drähte zwischen den Koalitionspartnern, steht tatsächlich für Kompromiss (das ganze Regierungsprogramm ist einer), ohne die Fadesse früherer SPÖ-ÖVP-Koalitionen wie etwa unter Werner Faymann zu repräsentieren. Stocker, der gerne Golf und Saxophon spielt und begeisterter Fliegenfischer ist, fischt nicht nachkurzfristigen Stimmungshypes und polarisiert nicht, sondern will die ÖVP-Kernwählerschicht ansprechen und vielleicht den einen oder anderen zur FPÖ abgewanderten Wähler zurück gewinnen – und das Land in Krisenzeiten beruhigen und sicher führen.<BR />Unfreiwillig Parteichef und Kanzler, aber vielleicht gerade der Richtige zur richtigen Zeit.