Friedrich Hebbel faszinierten die Versuche, die verschiedenen Nationalitätenprobleme durch kluge Kompromisse zu lösen und das demokratische Mehrheitsprinzip mit dem in einem Vielvölkerstaat unverzichtbaren Volksgruppen- und Minderheitenschutz in Einklang zu bringen. Derzeit scheinen sich alle Probleme des Balkans wie in einem Brennglas im kleinen Montenegro zu bündeln, und es ist eine spannende Frage, wie es den politischen Kräften dort gelingt, sie zu lösen. <BR /><BR />Montenegro ist die einzige unter den mittelalterlichen Monarchien dieser Region, die sich bis ins 20. Jahrhundert hinein eigenstaatlich erhalten hat. Ein Fürstbischof der orthodoxen Kirche vererbte den Thron jeweils auf seinen Neffen. Der größte in dieser Reihe, Peter I. Petrovic-Njegos, einigte die Bergstämme gegen die türkischen Oberherrn und führte ein modernes Gesetzbuch ein. <BR /><BR />Ihm und seinem Nachfolger, dem Nationaldichter Peter II., ist das von dem bedeutendsten jugoslawischen Bildhauer, Ivan Mestrovic, einem Kroaten, geschaffene Mausoleum auf dem Gipfel des Berges Lovcen geweiht. Über diesem brauen sich jetzt aber Stürme zusammen. <BR /><BR /><embed id="dtext86-55428118_quote" /><BR /><BR />Montenegro hatte es nach dem Zerfall Jugoslawiens schrittweise geschafft, sich von Serbien, von dem es nach dem Ersten Weltkrieg annektiert worden war, abzukoppeln und von der EU anerkannt zu werden. Es entwickelte sich zum Vorreiter bei den EU-Beitrittsverhandlungen und zeichnete sich durch vorbildliche Toleranz gegenüber den dort lebenden Albanern, muslimischen Bosniaken und anderen Volksgruppen aus. Spannungen gibt es aber zwischen jenem Großteil der serbischsprachigen Bevölkerung, der sich als montenegrinisch definiert, und dem kleineren, der auf der Zugehörigkeit zu Serbien beharrt. <BR /><BR />Dies ist jetzt eskaliert, weil der serbische Patriarch nicht die eigenständige montenegrinisch-orthodoxe Kirche anerkennt und versucht, ausgerechnet beim Mausoleum des Njegos eine serbisch-nationalistische Großdemonstration zu organisieren.