Weihnachtsmusik schallt über den Markt. Der Geruch von Glühwein, Bratwurst und Süßem liegt in der Luft. Plötzlich rast ein Auto über den Magdeburger Weihnachtsmarkt. Binnen Sekunden werden Hunderte zu Opfern, Betroffenen, Hinterbliebenen. Mehr als 300 Frauen, Männer, Kinder und Jugendliche werden verletzt, ein Neunjähriger stirbt, ebenso fünf Frauen. <h3> Eines der größten Verfahren der Nachkriegsgeschichte</h3>Genau eine Minute und vier Sekunden hat der Anschlag am 20. Dezember 2024 gedauert, der so viele Leben zerstörte. Fast elf Monate später soll nun heute der Prozess gegen den dann 51 Jahre alten Täter beginnen. Viele Betroffene werden dem saudi-arabischen Arzt im eigens gebauten Gerichtssaal gegenübersitzen. Rund 150 Betroffene sind als Nebenkläger im Verfahren vertreten, mit dem Recht, Fragen zu stellen und am Ende auch einen Strafantrag zu formulieren.<BR /><BR />Eine ihrer Vertreterinnen ist die Magdeburger Rechtsanwältin Petra Küllmei. Aus zahlreichen Gesprächen mit ihren Mandanten, die bislang den Kontakt mit Medien scheuen, kennt sie deren Erwartungen an den Prozess. Sie wollen dem Menschen ins Gesicht blicken, der so etwas tut. „Wir werden da als Front sitzen und durch die Präsenz zeigen: Das hast du uns angetan“, formuliert Küllmei deren Ansinnen. <BR /><BR />Damit alle Betroffenen die Möglichkeit haben, am Prozess teilzunehmen, hat das Land Sachsen-Anhalt ein Interimsgebäude mit Platz für rund 700 Menschen errichten lassen. Es ist eines der größten Verfahren der deutschen Nachkriegsgeschichte. <h3>Viele Betroffene sind noch in Behandlung</h3>Nebenklagevertreterin Küllmei geht davon aus, dass im Verlauf des Prozesses viele Plätze freibleiben werden. Denn: „Fast alle sind wieder in Arbeit.“ Was aber nicht bedeute, dass es ihnen wieder gut gehe. Fast alle Betroffenen seien wegen der psychischen Folgen in Behandlung. Andere litten nach wie vor unter körperlichen Beeinträchtigungen, etwa beim Gehen.<BR /><BR />Trauma-Experte Georg Pieper warnt davor, von dem Prozess zu viel zu erwarten: „Es gibt möglicherweise bei vielen Betroffenen die Hoffnung, dass sich mit dem Prozess die Traumatisierung erledigt. Das ist aus traumatherapeutischer Sicht eine gefährliche Hoffnung. Für eine wirkliche Bewältigung des Traumas ist eine individuelle Auseinandersetzung erforderlich.“<BR /><BR />In der Magdeburger Unimedizin war noch am Abend des Anschlags eine psychosoziale Akuthilfe aufgebaut worden. In den ersten Stunden und Tagen wurden hier vor allem Angehörige von Verletzten betreut, dann die Menschen, die das Erlebte nicht loslässt, so Florian Junne, Direktor der Universitätsklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Viele Patienten berichteten Ähnliches: Es drängt sich ihnen das Geräusch auf, wie der Mietwagen des Attentäters gegen die Menschen fährt. Schreiende Kinder. Filmähnliche Flashbacks seien die schwerste Form, so Junne. Für die Patienten sei es wie im Hier und Jetzt. „Das bekommen die Menschen nicht aus dem Kopf.“<BR /><BR />Rund 50 Menschen, die den Anschlag erlebt haben, werden nach seinen Angaben derzeit in der Klinik behandelt. Rund 600 Kontakte von der anonymen telefonischen Beratung bis zum stationären Aufenthalt habe es seit Dezember gegeben.<h3> 50 Verhandlungstage eingeplant</h3>Bislang hat das Gericht bis zum 12. März fast 50 Verhandlungstage eingeplant. Vorerst, denn wie lange der Prozess tatsächlich dauern wird, bleibt abzuwarten. Zwar scheint der Tatablauf klar zu sein – doch es geht auch um die Motivlage des Angeklagten.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1236372_image" /></div> <BR /><BR />Die Generalstaatsanwaltschaft Naumburg wirft Taleb al-Abdulmohsen in der Anklage unter anderem Mord in sechs und versuchten Mord in 338 Fällen vor. Ihm droht laut Landgericht eine lebenslange Freiheitsstrafe mit anschließender Sicherungsverwahrung. Der Mann aus Saudi-Arabien war unmittelbar nach der Tat festgenommen worden und befindet sich seitdem in Untersuchungshaft. Er war 2006 nach Deutschland gekommen und vor der Todesfahrt im Maßregelvollzug in Bernburg südlich von Magdeburg als Arzt tätig.