Sonntag, 13. November 2016

Das Ende der Eiszeit naht

Edelweiß-Wahlen im ganzen Land, nur das Wipptal macht nicht mit. Seit dem Beschluss der Landesregierung, die Geburtshilfe Sterzing zu schließen, herrscht zwischen Sterzing und Bozen Eiszeit. Jetzt zieht Tauwetter auf.

Seit Sommer präsentierte sich das Edelweiß zerrupfter als sonst. Nun nähern sich Bozen und das Wipptal wieder aneinander an.
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Seit Sommer präsentierte sich das Edelweiß zerrupfter als sonst. Nun nähern sich Bozen und das Wipptal wieder aneinander an. - Foto: © D

Südtirol Online: Die Geburtshilfe ist Geschichte und Sterzings Bürgermeister Fritz Karl Messner ist sich sicher: Die Schließung wird nie verziehen. Nie klingt sehr lange. Sehen Sie das genauso?
Karl Polig, Bezirksobmann der SVP Wipptal: Verzeihen wird sehr schwierig werden. Aber ich stelle fest: Bürger verhalten sich in der Gruppe anders als allein. Während in der Gruppe wild gegen die Schließung gepoltert wird, sind viele in Einzelgesprächen versöhnlicher.

STOL: Sie selbst haben nach der Geburtshilfe-Entscheidung der Landesregierung mit Parteiaustritten gerechnet. Nun sind einige Monate vergangen. Wie gut oder wie schlecht geht es der SVP im Wipptal?
Polig: Es gibt knapp 20 SVP-Ortsgruppen. Die Zahlen zu den Parteimitgliedern kann ich aktuell nicht genau nennen. Einige Ortsgruppen haben im Frühling normal Mitglieder gesammelt – auch mit gar keinem schlechten Ergebnis –, andere Gruppen sind aber gar nicht erst ausgerückt. Eines ist klar: Das Vertrauen der Parteibasis zurückzugewinnen, wird nun sicher sehr, sehr schwierig.

STOL: Der Bezirksausschuss beschloss Mitte Juli, die Zusammenarbeit mit Bozen auf Eis zu legen.
Polig: Ein notwendiger Schritt. Die SVP im Wipptal wäre sonst wohl zerfallen. Und dabei gab es bis zuletzt Personen, die dafür eintraten, alles hinzuwerfen, alle Ortsausschüsse aufzulösen, die Bezirksleitung. Damit hätte man allerdings nichts Positives bewirkt, die Geburtenabteilung hätte man wohl trotzdem geschlossen. Jetzt, so vermute ich, sind die meisten froh, dass wir von diesem Schritt abgesehen haben.

Karl Polig: "Das Vertrauen zurückzugewinnen, wird sehr, sehr schwierig." - Foto: DLife

 

STOL: Seit Juli herrscht nun Funkstille zwischen Sterzing und Bozen. Wie still ist diese Stille wirklich?
Polig: Ein paar Mal hatte ich mit dem Parteiobmann Kontakt, zuletzt waren auch einige Mitglieder der Bezirksleitung beim Landeshauptmann – in Hinblick auf eine Wiederaufnahme der Zusammenarbeit. Wir hatten eine Liste an Forderungen, das Krankenhaus betreffend, aufgestellt. Dieser Tage wird man uns diesbezüglich wohl Zusicherungen machen. Es geht beispielsweise um die Aufrechterhaltung der Pädiatrie und der Gynäkologie. Es bedarf einiger Anstrengungen, damit diese Abteilungen auch ohne Geburtshilfe erhaltenswert bleiben. Einiges wurde auch schon erreicht – die Aufstockung der Neuroreha, zum Beispiel.

STOL: Und jetzt?
Polig: Jetzt sind wir in den letzten Tagen der Verhandlungen. Am 14. November wird es eine SVP-Bezirksausschusssitzung geben, zusammen mit dem Obmann und, wahrscheinlich, dem Landeshauptmann. Ich werde mich dafür einsetzen, wieder normale Beziehungen zu Bozen herzustellen. Aber: Der Bezirksausschuss ist ein souveränes Organ. Er wird das Angebot bewerten und eine Entscheidung treffen.

STOL: Reichen knapp vier Monate Funkstille, Eiszeit, Pause aus?
Polig: Ich denke, es ist wichtig, wieder nach vorne zu blicken. Das mit der Geburtenstation wird man nicht vergessen. Doch man muss auch anerkennen, dass es Kompetenz der Landesregierung ist, solche Entscheidungen zu treffen.

STOL: Als die Landesregierung den Beschluss, die Geburtshilfe zu schließen, fasste, stellten Sie Ihren Rücktritt in den Raum.
Polig: Ja. Der Druck war enorm. Jeder fragte: „Was macht ihr noch bei dieser Partei?“ Ich fragte dann zurück: „Was wird besser, wenn wir alles hinschmeißen?“

STOL: Der Stadtrat von Sterzing und die Gemeindeverwaltung von Freienfeld gehen gegen den Beschluss der Landesregierung nun vor dem Verwaltungsgericht vor. Chancen auf Erfolg?
Polig: Schwierig zu sagen. Ich denke, es ist Zuständigkeit der Landesregierung solche Beschlüsse zu fassen, auch wenn sie uns Wipptalern nicht passen. Ich denke, die Aussichten auf Erfolg sind gering.

"Sehe niemanden, der mich ablösen möchte." - Foto: DLife

 

STOL: Sie meinten, das Vertrauen der Parteibasis zurückzugewinnen werde schwierig. Schwierig für wen? Für die Zentrale in Bozen oder auch für Personen wie Sie, Parteifunktionäre vor Ort?
Polig: Ich sehe für mich, beziehungsweise die Bezirksleitung, keine großen Probleme. Auch, weil ich niemanden sehe, der uns als Führung im Parteibezirk ablösen möchte. Die vergangene Zeit war sehr schwierig. Und ich selbst muss offen sagen: Auch ich bin müde von diesem Sanitätsthema. Seitdem das Thema vor zwei Jahren im Wipptal explodiert ist, hat man sich als Partei fast ausschließlich damit beschäftigt. Dabei gibt es durchaus auch andere Themen. Und: Man muss jetzt nicht aus dem Wipptal auswandern, weil die Geburtshilfe geschlossen ist. Wobei es natürlich wichtig ist, dass die anderen Abteilungen erhalten bleiben.

STOL: Sie sind im Frühling 2014 als Bezirksobmann angetreten. Werden Sie sich der nächsten Wahl stellen?
Polig: Kann ich derzeit nicht sagen. Die Tätigkeit war sehr interessant, herausfordernd, aber auch sehr zeit- und nervenaufreibend. Eben wegen dieser Sanitätsdebatte. Wir, als SVP vor Ort, wurden, obwohl wir uns immer für die Anliegen des Wipptals eingesetzt hatten, von vielen Bürgern als „Mittäter“ wahrgenommen. Das war belastend.

STOL: Rentenskandal oder Sanitätsreform – was hat der SVP im Wipptal mehr geschadet?
Polig: Die Sanitätsreform. Es gab kaum jemanden, der nicht über die Partei geschimpft hat. Dazu kam der Gemeinde-Wahlkampf. Da gab es einige Kräfte, die alles dafür taten, die SVP schlecht dastehen zu lassen.

STOL: Bürgermeister Fritz Karl Messner hat eine eigene Liste gebildet, wurde daraufhin aus der Partei geworfen und am Ende vom Volk als Bürgermeister bestätigt.
Polig: Eine Taktik, eine Wahl zu gewinnen. Fritz Karl Messner hat damals stark Populismus betrieben. Dass damit etwas Positives für den Bezirk bewirkt worden wäre, ist ganz bestimmt nicht der Fall. Im Gegenteil: Man hat den Bezirk geschwächt.

STOL: Warum?
Polig: Fritz Karl Messner ist eloquent und geschickt. Er hätte sich auch innerhalb der Partei für den Bezirk einsetzen können.

STOL: Wie viel Erfolg wird Messner mit „Für Sterzing Wipptal“ noch haben, wenn das Sanitätsthema vom Tisch ist?
Polig: Das hängt auch von anderen Faktoren innerhalb der Gemeinde ab. Die Sanitätsreform war mit ein Grund dafür, dass Messner locker gewählt worden ist. Doch nicht ausschließlich. Die Gemeinderatswahl ist eine Personenwahl.

STOL: Dieser Tage werden die SVP-Ortsausschüsse neu gewählt. Überall im Land – außer im Wipptal.
Polig: Das ist die Konsequenz der Unterbrechung der Beziehungen im Sommer. Kein Ortsausschuss hat sich daran gemacht, Kandidaten zu suchen. Wir werden uns nun um einen einheitlichen Wahltermin im Frühjahr bemühen. Wenn die Bürger sehen, dass die Versprechen der Landesregierung, das Krankenhaus Sterzing als Akutkrankenhaus weiterzuführen, Bestand haben, dann rechne ich mit guten Ergebnissen. Doch Worte allein reichen nicht mehr.

STOL: Wer hat im Zuge der Sanitätsdebatte im Wipptal am meisten Schaden genommen: Obmann Achammer, Landesrätin Stocker, Landeshauptmann Kompatscher?
Polig: Die Landesrätin. Stocker wird mit Stimmen aus dem Wipptal vermutlich nicht mehr rechnen können.

STOL: Inwiefern ist das gerecht?
Polig: Federführend für das Reformkonzept war wohl Sanitätsdirektor Oswald Mayr. Doch der Bürger sucht vermutlich einen Sündenbock. 

Interview: Petra Gasslitter

stol