Ein Denkmal des Karl Lueger sorgt derzeit für Empörung und Erheiterung. <b>von Andreas Schwarz</b><BR /><BR />Karl Lueger ist in Zeiten der Cancel-Culture ein Idealfall also, sein Denkmal vom Sockel zu stürzen. Oder genauer: um 3,5 Grad zu kippen, wie das in Wien heuer passieren hätte sollen. Aber die für heuer geplante Kippaktion droht sich aufgrund diverser Unwägbarkeiten jetzt um zumindest ein Jahr zu verzögern. <h3> Eine schlechte Parodie </h3>Es wirkt wie eine schlechte Parodie. An Karl Lueger scheiden sich seit Jahrzehnten die Geister, der Streit spaltet die politische Nation. Für die einen vor allem im bürgerlichen Lager firmiert er als kommunalpolitische Neuere. Für die anderen, vor allem im linken Genre, ist der Christlichsoziale, der von 1897 bis 1910 Wiener Bürgermeister war, die erklärte Hassfigur. Der Dr. Karl Lueger-Ring im tiefroten Wien musste schon umbenannt werden. Die ÖVP kontert gerne, dass auch die Identifikationsfigur der SPÖ, Karl Renner, erster Bundespräsident der Zweiten Republik, seinerzeit für den Anschluss an Hitler-Deutschland gewesen sei … - und niemand stürze sein Denkmal.<BR /><BR />Gleichwie: Das Lueger-Denkmal am Rande der Wiener Innenstadt erhitzt die Gemüter seit Jahrzehnten. Weg damit, fordern die einen. Zumindest eine Zusatztafel zur Kontextuierung, die anderen. Die dann tatsächlich angebrachte Zusatztafel beschäftige sich aber zu sehr mit Luegers Verdiensten und zu wenig mit seinem Antisemitismus, lautete bald die Kritik. Das Denkmal – eine 4,5 Meter hohe Bronze-Statue auf einem mächtigen Marmorsockel – wurde beschmiert, aus Protest mit Holzkonstruktionen verbaut, und schließlich entschloss sich die Stadt, in einem Wettbewerb nach einer Lösung für das geschmähte Denkmal zu suchen. <h3> Neigung um 3,5 Grad</h3>Es gewann zweimal (2009 und 2020) der Entwurf des Musikers Klemens Wihlidal: das Denkmal sollte ab dem Podest um 3,5 Grad geneigt werden. Heuer.<BR /><BR />Doch zunächst musste untersucht werden, ob die 2 Jahre nach der Denkmalerrichtung daneben gepflanzte Platane bzw. die Wurzeln des mächtigen Baumes durch die Umbauarbeiten Schaden nehmen würden. Würden nicht, ergab ein Gutachten. Aber dann stellten sich praktische Probleme: Das Bundesdenkmalamt verlangt genaue Pläne für die neue Denkmallage, wie die „Presse“ berichtete. Es braucht auch noch eine Ausschreibung für ein Architekturbüro. Und Ausschreibungen für die Baumeisterleistungen, die Steinmetzarbeiten und die Kontrolle. Und außerdem ist noch gar nicht klar, wie überhaupt gekippt werden soll.<BR /><BR />„Schieflage (Karl Lueger 3,5°)“, so der Name des Siegerprojektes zur Zurechtrückung des Lueger-Bildes, ist übrigens mit 500.000 Euro veranschlagt. Und die Abteilung „Kunst im öffentlichen Raum“ der Stadt Wien glaubt fest daran, dass das Kippen durch die Verzögerung nicht teurer wird. Aber ob sich 2025 als Zieldatum ausgeht, ist offen. Vielleicht 2026. Das wäre das 100-Jahr-Jubiläum der Errichtung des inkriminierten Denkmals.