<b>von Bertrand Badré und Eric Hazan</b><BR /><BR />Die Mittelschicht war lange das Rückgrat demokratischer Stabilität – sie trieb das Wirtschaftswachstum an, bestätigte die Legitimität von Institutionen und vermittelte bürgerliche Werte. Doch in den letzten Jahrzehnten ist die Mittelschicht im Westen zunehmend zerfallen. Viele Bürger glauben heute, dass sich harte Arbeit nicht mehr auszahlt, sozialer Aufstieg eine Illusion ist und die „Eliten“ keinen Bezug mehr zu den Bedürfnissen gewöhnlicher Menschen haben.<h3>Verlorene Regionen, wachsende Frustration</h3>Von Frankreich über Großbritannien bis zum amerikanischen Rust Belt sind die Symptome ähnlich: Regionen, deren einstige Industrien verschwunden sind, Existenzen, die durch den technologischen Wandel erschüttert wurden, und Familien, die immer mehr arbeiten – für immer weniger. In Frankreich gibt ein Fünftel der Haushalte mit mittlerem Einkommen inzwischen mehr aus, als es verdient. In den USA hatte der durchschnittliche Lohn im Jahr 2018 ungefähr dieselbe Kaufkraft wie vier Jahrzehnte zuvor.<BR /><BR />Doch die ökonomischen Daten erzählen nur einen Teil der Geschichte. Hinter den Zahlen über stagnierende Löhne oder den Rückgang der Mittelschicht stehen reale Haushalte – in realen Gemeinden – in der ganzen industrialisierten Welt. In Frankreich etwa konzentrieren sich Wohlstand, Bildung und Chancen auf einige wenige große Städte; der Rest des Landes – ländliche Gegenden und Kleinstädte, darunter einstige Industriestandorte – ist zunehmend von sinkendem Lebensstandard und politischer Wut geprägt.<h3> Zerfall des gesellschaftlichen Zusammenhalts</h3>Ähnlich sieht es in den USA aus. Zwar haben städtische Erneuerungsinitiativen Städte wie Pittsburgh und Detroit teilweise wiederbelebt, doch zahllose Kleinstädte verfallen weiter – ihrer guten Arbeitsplätze beraubt und im Zuge eines Zusammenbruchs von sozialem und bürgerlichem Vertrauen.<BR /><BR />Solche Verwerfungen sind keine unvermeidlichen Nebenwirkungen des Fortschritts, sondern Symptome langfristiger Vernachlässigung. Wenn sich Eliten in globalisierte Enklaven zurückziehen und sich von ihrer Verantwortung vor Ort verabschieden, brechen sie den Gesellschaftsvertrag. Eine populäre Gegenreaktion sollte da niemanden überraschen.<h3> Nicht Revolution – sondern Resignation</h3>Doch was für eine Art von Gegenreaktion? Wenn junge Menschen in vergessenen Städten aufwachsen – mit frustrierten Vätern und ungewisser Zukunft – treibt sie das oft nicht in die Revolution, sondern in Resignation und Verzweiflung. Und urbane Eliten sollten aufhorchen: Wenn dieser melancholische Drift (eindrücklich eingefangen in den Romanen von Nicolas Mathieu) das soziale Gefüge an einem Ort ausfranst, dann droht es überall zu reißen.<h3> KI als Brandbeschleuniger</h3>Künstliche Intelligenz droht diesen Prozess zu beschleunigen. Jüngste Forschung zeigt, dass KI-gestützte Automatisierung besonders Arbeitsplätze mit mittleren Qualifikationen verdrängen könnte – etwa in Verwaltung, Logistik und Kundendienst –, während sie Gewinne vor allem bei hochqualifizierten Fachkräften mit digitalen Fähigkeiten und Zugang zu globalen Netzwerken konzentriert. KI könnte also weniger wie eine Flut wirken, die alle Boote hebt, sondern wie ein Tsunami, der viele versenkt und nur wenige verschont.<BR /><BR />Ein Marshallplan für Jobs, Kompetenzen und Gerechtigkeit<BR />Doch dieses Szenario ist nicht unausweichlich. KI hat das Potenzial, Löhne zu steigern und die Produktivität in öffentlichen Diensten, Bildung, Gesundheitswesen und kleinen Unternehmen zu verbessern – allerdings nur, wenn ihre Entwicklung und Anwendung durch mutige, inklusive Politik gelenkt wird. Gefragt ist nicht bloß Anpassung, sondern Ambition – in Form einer transformativen wirtschaftlichen und sozialen Strategie: ein Marshallplan für Arbeitsplätze, Kompetenzen und Gerechtigkeit.<BR /><BR />Das bedeutet zuallererst: massive Investitionen in Bildung und Weiterbildung. Jeder von Automatisierung betroffene Arbeitnehmer sollte Zugang zu öffentlich finanzierten Umschulungsprogrammen erhalten. Regierungen müssen die technische Ausbildung überarbeiten, Lehrstellenangebote ausweiten und eine neue öffentlich-private Infrastruktur aufbauen – nicht für einmalige Kurse, sondern zur Unterstützung lebenslangen Lernens.<h3>Innovation in die Regionen bringen</h3>Zur Unterstützung von Mittelschichtsarbeitsplätzen braucht es außerdem regionale Innovationsökosysteme. Der frühere US-Präsident Joe Biden verfolgte diesen Ansatz mit dem CHIPS and Science Act sowie dem Inflation Reduction Act. Donald Trump hat diesen Kurs beendet. Europa sollte diesen ortsbezogenen Ansatz für technologische Innovation hingegen annehmen – und grüne Produktionscluster, KI-Zentren und strategische Fertigungsstandorte in postindustriellen Regionen aufbauen, nicht nur in Großstädten.<BR /><BR />Ein neuer Gesellschaftsvertrag<BR />Die letzte Säule dieses Marshallplans ist ein neuer Gesellschaftsvertrag. Alles – von Wohnen und Gesundheitsversorgung über Steuerpolitik bis zur Mobilität – muss so gestaltet werden, dass es allen Bürgern dient, auch jenen, die sich derzeit übersehen fühlen. Das bedeutet auch: öffentliche Dienste in Randregionen wiederherstellen und sicherstellen, dass Würde – nicht Effizienz – zum zentralen Maßstab für Erfolg wird.<h3>Ein Signal der Souveränität – und der Hoffnung</h3>In Zeiten knapper europäischer Haushalte braucht es innovative Wege zur Finanzierung dieser Strategie. Wir schlagen eine neue Generation europäischer Staatsanleihen vor – nach dem Vorbild des Pandemie-Wiederaufbauprogramms NextGenerationEU, jedoch langfristiger und strategischer eingesetzt. Mit Schuldenständen in der Eurozone von rund 90 Prozent des BIP – niedriger als in den USA – und wachsendem Infrastrukturbedarf sind solche Anleihen sowohl machbar als auch überfällig.<BR /><BR />Die Ausgabe solcher Anleihen würde ein starkes geopolitisches Signal senden: Europa kann seinen eigenen wirtschaftlichen Kurs bestimmen – und globalen Investoren eine Alternative zu volatilen US-Staatsanleihen und chinesischen Assets bieten. Vor allem aber würden sie der Mittelschicht direkt zugutekommen: Sie ermöglichen Investitionen in Schulen, Verkehr, Wohnraum und digitale Netze – und damit in sozialen Aufstieg. Das ist nicht nur für langfristiges Wachstum entscheidend, sondern auch für die Stärkung der europäischen Demokratie.<h3> Demokratie braucht Mitte</h3>Obwohl die Mittelschicht das Fundament unserer Gesellschaften und das Gerüst unserer Demokratien bildet, wird sie oft als Kollateralschaden eines unausweichlichen Fortschritts behandelt. Doch Europa kann seine Zukunft noch wählen: Eine Zukunft, die wenigen gehört – oder eine, die von allen mitgestaltet wird. Die Werkzeuge sind vorhanden. Es braucht nur den Willen, sie zu nutzen.<BR /><BR /><b>Zur Person</b><BR />Bertrand Badré ist ehemaliger Geschäftsführender Direktor der Weltbank, Vorsitzender des Beirats von Project Syndicate, CEO und Gründer von Blue like an Orange Sustainable Capital sowie Autor von Can Finance Save the World? (Berrett-Koehler, 2018).<BR /><b><BR />Eric Hazan</b> ist Gründungspartner von Ardabelle Capital und Senior Partner / Director Emeritus bei McKinsey & Company.