Würde der „Treueschwur“ der Vereinigten Staaten auf die Welt des 21. Jahrhunderts angepasst, könnte der Abschnitt „und Gerechtigkeit für alle“ durchaus in „und Klimagerechtigkeit für alle“ umgeschrieben werden, weil das Thema so wichtig ist. <BR /><BR />Laut der führenden klimawissenschaftlichen Institution, dem Weltklimarat IPCC, waren vom Rückgang des Anbaus und der Qualität von Nutzpflanzen, der Zunahme von Pflanzenschädlingen und -krankheiten sowie anderen Problemen überproportional die Armen betroffen. Und die zunehmende extreme Hitze schadet besonders Kindern und alten Menschen. Da der Klimawandel immer mehr die Sicherheit der Ernährung, der Menschen, der Wasserversorgung und der Ökosysteme bedroht, müssen wir mit vielen weiteren nachteiligen Dominoeffekten rechnen.<BR /><BR />Beispielsweise soll sich in den hochwassergefährdeten Gebieten, in denen etwa 450 Millionen Menschen leben, die Anzahl der extremen Überschwemmungen verdoppeln. Dabei weist der IPCC auf Untersuchungen von 2017 hin, laut denen 122 Millionen Menschen (meist die ärmsten 20 Prozent in 92 Ländern) bis 2030 durch höhere Lebensmittelpreise und klimabedingte Einkommensverluste in extreme Armut geraten könnten. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="812981_image" /></div> <h3> Arme Länder tragen größeren Teil der Kosten</h3>Zu dieser Ungerechtigkeit trägt noch bei, dass die größten Verursacher des Klimawandels nicht unbedingt auch am stärksten davon betroffen sind: Laut einem Bericht von Oxfam und dem Stockholmer Umweltinstitut von 2020 war zwischen 1990 und 2015 das reichste Prozent der Weltbevölkerung für doppelt so viel Kohlendioxidemissionen verantwortlich wie die ärmsten 50 Prozent.<BR /><BR />Aber die armen Länder tragen einen größeren Teil der Kosten – einfach weil etwa 75 Prozent der Armen von der Landwirtschaft abhängen, die für Wetterschwankungen und allgemeine Klimaveränderungen extrem empfänglich ist. Arme Länder sind auch anfälliger für Ressourcenkonflikte, und häufig fehlt es ihnen an Technologie, Infrastruktur, Maßnahmen und Ressourcen zur Anpassung.<BR /><BR />Darüber hinaus verstärkt der Klimawandel nicht nur bereits bestehende Formen der Ungleichheit, sondern auch Migration und Vertreibung. In Lateinamerika, einer der ungleichsten Regionen der Welt, haben viele native Bevölkerungsgruppen – wie das Volk der Guna in Panama, die Einwohner des mexikanischen Bundesstaats Chiapas und einige aymarisch-sprachige Gruppen in Bolivien – ihre Städte an steigende Meeresspiegel, Dürren, Wasserknappheit, Abholzung, veränderte Regenfälle und Naturkatastrophen verloren. Und werden diese Gruppen dazu gezwungen, ihre traditionellen Wohnorte zu verlassen, landen sie häufig in städtischen Elendsgebieten, wo sie als Migranten und Indigene einer doppelten Diskriminierung ausgesetzt sind.<h3> 30,7 Millionen Menschen durch Naturkatastrophen vertrieben</h3>Diese menschliche Tragödie wird immer größer: Laut Weltmigrationsbericht 2022 wurden im Jahr 2020 30,7 Millionen Menschen aus 144 Ländern und Regionen durch Naturkatastrophen, Extremtemperaturen und Dürren vertrieben. Und entgegen der allgemeinen Ansicht heißt es im Bericht, dass die meisten Menschen in Lateinamerika und der Karibik in diesem Jahr nicht durch Gewalt oder Konflikten vertrieben wurden, sondern durch Klimakatastrophen.<BR /><BR />Außerdem hat der Klimawandel beispiellose negative Folgen für Gesundheit und Ausbildung. Laut dem UN-Bericht zur menschlichen Entwicklung 2019 wird er zwischen 2030 und 2050 etwa 250.000 zusätzliche Todesfälle im Jahr verursachen – durch Unterernährung, Malaria, Durchfall, Dengue oder Überhitzung. <BR /><BR />Steigende Temperaturen werden Unterernährung und Ernährungsunsicherheit verstärken und die geographische Verbreitung krankheitsübertragender Moskitoarten vergrößern. Außerdem beeinträchtigen sie den Schulbesuch und damit die schulischen Leistungen.<h3> Lasten und Pflichten fairer verteilen</h3>Wegen dieser Probleme sind Maßnahmen und Strategien zur Klimagerechtigkeit für den Globalen Süden – und insbesondere Lateinamerika – so wichtig. Die Politiker müssen Lasten und Pflichten fairer verteilen – nicht nur unter den einzelnen Ländern, sondern auch zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen und Generationen.<BR /><BR />Darüber hinaus setzt Klimagerechtigkeit voraus, dass die entwickelten Länder und die multinationalen Konzerne für die negativen externen Effekte, die sie verursachen, die Verantwortung übernehmen. Sie müssen dem Rest der Welt ihre „Klimaschulden“ zurückzahlen und die generationsübergreifenden Folgen der klimabedingten Ungleichheit anerkennen. Nicht nur die die heutigen Armen, sondern auch die Jungen und die zukünftigen Generationen müssen den höchsten Preis für ein Problem zahlen, das sie nicht selbst verursacht haben.<BR /><BR />Die diesjährigen internationalen Treffen bei der UN-Generalversammlung und der Klimawandelkonferenz COP27 in Sharm el-Sheikh werden nur erfolgreich sein, wenn die internationale Gemeinschaft einen neuen Rahmen erstellt, innerhalb dessen die Entwicklungsländer die notwendige finanzielle und technologische Unterstützung bekommen, um sich an den Klimawandel anpassen zu können.<h3> Ermutigende Schritte</h3>Obwohl konkrete Maßnahmen für Klimagerechtigkeit bereits bekannt sind, haben sie sich als schwer umsetzbar erwiesen. Aber es gibt ermutigende Schritte in die richtige Richtung: In den USA beispielsweise hat die Biden-Regierung eine „Gesamtregierungsinitiative“ (Justice40) gestartet, um zu gewährleisten, dass die staatlichen Institutionen 40 Prozent des Gesamtnutzens grüner Energien, nachhaltigen Wohnens und sauberen Wassers unterprivilegierten Gemeinschaften zugute kommen lassen. Außerdem hat sie einen „Rat für Umweltgerechtigkeit“ ins Leben gerufen, der anderen Ländern als Beispiel dienen sollte.<BR /><BR />Obwohl die großen Volkswirtschaften am stärksten dafür verantwortlich sind, die verheerenden Folgen des Klimawandels abzumildern, müssen auch die anderen Länder sinnvolle Maßnahmen einführen, um den Schaden zu begrenzen und ihre verletzlichsten Einwohner zu schützen.<BR /><BR />In Costa Rica haben wir verstanden, wie wichtig es ist, solche Maßnahmen bereits sehr früh in die Tat umzusetzen. So konnten wir zum Vorreiter für erneuerbare Energien und zum ersten tropischen Land werden, das die Abholzung stoppt und sogar rückgängig macht. Mit nachhaltiger Politik konnten wir die Lebensbedingungen indigener und vulnerabler Gemeinschaften bei uns, in Kolumbien und in Ecuador verbessern – indem wir ihnen geholfen haben, ihr Einkommen (durch Diversifizierung des Lebensunterhalts) zu erhöhen sowie klimaschonende und widerstandsfähige landwirtschaftliche Techniken einzuführen (beispielsweise zum Schutz der Bodenfeuchte oder zur Verwendung dürreresistenterer Pflanzenarten).<BR /><BR />Jene, die sich bald wieder im Rahmen der COP27 und der UN-Generalversammlung treffen, sollten sich durch diese und viele andere Maßnahmen einiger Länder ermutigt fühlen. Wir müssen alle Bemühungen verstärken, um den Wettlauf gegen die größte existenzielle Bedrohung der Menschheit zu gewinnen und dabei niemanden zurückzulassen.<BR /><BR />Aus dem Englischen von Harald Eckhoff<h3> Zur Autorin</h3>Laura Chinchilla Miranda ist ehemalige Präsidentin (2010-14) Costa Ricas und Vizepräsidentin des Club de Madrid.<BR /><BR />Copyright: Project Syndicate, 2022.<BR /> <a href="https://www.project-syndicate.org/" target="_blank" class="external-link-new-window" title="">www.project-syndicate.org</a><BR />