Südtirol Online: Herr Dorfmann, nach der Frankreich-Wahl atmet Europa auf, heißt es. Macron, ein ausgesprochener Freund der EU, liegt vorn. Ist diese Erleichterung berechtigt? Die entscheidende Stichwahl findet erst in zwei Wochen statt.Herbert Dorfmann, EU-Parlamentarier (SVP): Ich atme eher durch, als auf. Man muss die Stichwahl abwarten. Kann man den Meinungsforschern glauben – und im ersten Wahlgang lagen sie geradezu exzellent richtig –, deutet Vieles auf einen Präsidenten Emmanuel Macron hin. Wird er gewählt, braucht Macron ein Parlament, um zu regieren. Somit muss man auch die Wahl zur französischen Nationalversammlung einen Monat nach der Stichwahl genau beobachten. Nichtsdestotrotz: Marine Le Pen sollte man nicht vorschnell abschreiben. Diese Frau ist kein politisches Leichtgewicht.STOL: Zwischen Macron und Le Pen liegen läppische 2,5 Prozentpunkte. Wie sicher ist es, dass das Ergebnis in zwei Wochen nicht doch anders aussieht? Man denke an Norbert Hofer (FPÖ), der im ersten Wahlgang zum österreichischen Bundespräsidenten satte 14 Prozent vor dem Grünen-Kandidat Alexander van der Bellen lag, in der Stichwahl diesen Vorsprung allerdings nicht ins Ziel bringen konnte. Dorfmann: Aus diesem Grund rate ich zur Vorsicht. Die Wahlen in Frankreich und Österreich weisen viele Parallelen auf. In beiden Ländern haben es die Kandidaten der traditionellen Parteien (in Österreich SPÖ und ÖVP, in Frankreich Konservative und Sozialisten; Anm.d.Red.) nicht in die Stichwahl geschafft. Le Pen kann man mit Hofer durchaus gleichstellen. Macron und Van der Bellen sind beide linksliberal. Doch: Aus meiner Sicht haben populistische Parteien in einer Stichwahl einen großen Nachteil: Sie können nur auf eine klar bestimmte Wählerschaft zurückgreifen. Von dieser werden sie zwar mit Überzeugung gewählt, doch dieser überzeugten Gruppe stehen viele Bürger gegenüber, die die populistischen Parteien nie im Leben wählen würden. Die Stichwahl ist eine Abstimmung über das geringere Übel. Der Sprung von 21 auf 50 Prozent, den Le Pen schaffen müsste, um Präsidentin zu werden, wird sehr, sehr schwierig.STOL: Weder der Konservative Francois Fillon noch Sozialist Benoit Hamon haben es in die Stichwahl geschafft. Die etablierten Parteien sind gescheitert, ihre Kandidaten rufen nun zur Wahl Emanuel Macrons auf. Wie berechtigt ist die Hoffnung, dass sich Frankreichs Bürger genau von jenen Politikern sagen lassen, wie sie wählen sollen, die sie doch im ersten Wahlgang abgewählt haben?Dorfmann: Parteien haben immer ein bestimmtes Mobilisierungspotenzial. Konservative und Sozialisten stellen Parlamentsabgeordnete, Bürgermeister. Die Parteien haben Strukturen, die in den kommenden zwei Wochen für Macron arbeiten werden. Angesichts der Wahl der Nationalversammlung, bei der Macron nicht alleine eine Mehrheit wird stellen können, laufen bestimmt bereits Koalitionsgespräche.STOL: Rein programmatisch steht Francois Fillon doch eher Marine Le Pen nahe als Emmanuel Macron. Dorfmann: Man darf nicht davon ausgehen, dass alle Bürger, die im ersten Wahlgang Francois Fillon ihre Stimme gegeben haben, in der Stichwahl Emmanuel Macron wählen. Fillons Wähler sind zum Teil Konservative und aktive Katholiken. Die werden Macron nicht wählen. Man kann nicht einfach die Stimmen für Macron, Fillon und Hamon addieren – so einfach wird das nicht gehen in Frankreich.STOL: Angesichts des Ausnahmezustands, der nun schon seit 1,5 Jahren in Frankreich herrscht und der ständigen Angst vor Terror, könnte man annehmen, Frankreich sehne sich nach Stabilität. Das würde für etablierte Parteien sprechen. Stattdessen aber wählt Frankreich jene Parteien, die aufgrund ihrer jungen Geschichte oder ihrer radikalen Ansichten doch einen weit größeren Unsicherheitsfaktor darstellen könnten. Warum?Dorfmann: Sicherheit, Migration, soziales Ungleichgewicht – das sind die großen Themen in Frankreich. Frankreich hat stark unter der Wirtschafts- und Finanzkrise gelitten, Arm und Reich sind weit auseinander gedriftet, es gibt viele hoffnungslose Bürger im Land. Die Bürger wollen die, die bisher am Werk waren, nicht mehr. Vor allem nicht jene Kräfte, die total unfähig waren – hier seien die Sozialisten genannt. Und den Konservativen hat die Affäre rund um die Scheinbeschäftigung von Fillons Ehefrau das Genick gebrochen. Das Lossagen von den traditionellen Parteien liegt in einer Hoffnung begründet: in der Hoffnung, dass sich endlich etwas ändert.STOL: Herr Dorfmann, Ihre Prognose für die Stichwahl in zwei Wochen?Dorfmann: Ich wünsche mir, dass Macron Präsident wird und eine starke Regierungsmannschaft auf die Beine stellt. Das könnte die Stimmung in Europa kippen – zu Gunsten der EU. Macron will ein starkes Europa. Er sagt in Sachen Europapolitik Dinge, von denen viele Politiker in Europa glauben, dass man sie nicht mehr sagen darf – und er erhält damit Zustimmung. Für mich liegt darin das wirklich Interessante der Entwicklungen der vergangenen Monate: Angesichts der Entwicklungen in den USA, in Russland, in der Türkei durchschauen viele Bürger mittlerweile den Populismus und stellen sich die Frage, ob man das gemeinsame Projekt Europa wirklich zerstören soll.Interview: Petra Gasslitter