Donnerstag, 16. Dezember 2021

Die Gleichstellung der Geschlechter ist eine Frage der Vernunft

„Die Gleichstellung der Geschlechter in Südtirol ist eine Frage der Vernunft, nicht der Ideologie. Gleichstellung von Bezahlung am Schnittpunkt zwischen Familie und Arbeit schafft größere Gerechtigkeit, fördert soziales Vertrauen und erhöht die Produktivität.“ Ein Gastkommentar des Politikwissenschaftlers Roland Benedikter.

„In Teilen unserer Gesellschaft gibt es immer noch ein Rollenbild, wonach eine Mutter, die Vollzeit arbeitet, wohl unteren Schichten zugehören muss, weil sie es sich nicht ,leisten' kann, zu Hause zu bleiben.“

Das haben auch viele bei uns verstanden. Südtirol ist bereits seit Anfang der 2000er Jahre bestrebt, in der Frage der Geschlechtergleichstellung Fortschritte zu machen und dabei zumindest für Italien Standards zu setzen. Trotzdem weist unser Land ungeachtet vieler Fortschritte wie auch der Rest Italiens noch immer eine relativ hohe Ungleichbezahlung und wenig Frauen in Führungspositionen auf.

Frauen verdienen im Schnitt 17,2 Prozent weniger als Männer und sind 3 Mal seltener leitende Mitarbeiterinnen. Es ist schwerer für Frauen als für Männer, Beruf und Familie zu vereinen. Viele müssen in Teilzeit arbeiten, weil nicht ausreichend Kinderbetreuung (nicht nur für Kleinkinder) zur Verfügung steht und weil sie ansonsten Ausfälle im Alter haben. Auch ist es in Teilen unserer Gesellschaft immer noch ein Rollenbild, wonach eine Mutter, die Vollzeit arbeitet, wohl unteren Schichten zugehören muss, weil sie es sich nicht „leisten“ kann, zu Hause zu bleiben. Außerdem sind Frauen öfter befristet oder saisonal angestellt. Hier liegen Südtirol und Italien eher noch hinter anderen Regionen zurück.

Roland Benedikter




In einer Antwort auf eine Anfrage im Südtiroler Landtag (Landtagsanfrage Nr. 393/2019) der Abgeordneten Uli Mair zu „Geschlechtern, Gerechtigkeit und Gender Mainstreaming“ vom September 2019 fasste der zuständige Landesrat Philipp Achammer (Landesrat für Deutsche Bildung und Kultur, Bildungsförderung, Handel und Dienstleistung, Handwerk, Industrie, Arbeit und für Integration) die derzeitige Situation in Südtirol kompakt und treffend zusammen.


Der überwiegende Großteil der Pflege wird in Südtirol von Frauen geleistet, wobei dies eine Arbeit ist, die zu wenig entlohnt wird und zu wenig Wertschätzung erhält.
Roland Benedikter, Politikwissenschaftler



Dort schrieb er unter anderem: „Es gibt vermehrt Frauen in Sektoren und Berufen, in denen die Gehälter niedriger sind (z.B. Handel, Tourismus, Dienstleistungen). Auch Lebens- und Berufswahl beeinflussen den beruflichen Fortschritt und wirken sich oft negativ auf das Gehalt von Frauen aus. Einflussparameter auf den geschlechtsspezifischen Lohnunterschied sind

1. Alter: Der geschlechtsspezifische Lohnunterschied nimmt mit zunehmendem Alter allmählich zu. Das Lohngefälle nimmt vor allem in den Altersgruppen zu, in denen Frauen Kinder bekommen und daher abwesend sind.

2. Wirtschaftssektor: Die Dienstleistungssektoren sind diejenigen, in denen die Unterschiede am größten sind. Hier finden wir Sektoren mit allgemein niedrigeren Löhnen für Frauen und großen Lohnunterschieden zwischen Männern und Frauen, zum Beispiel im Handel.

3. Arbeitsverträge: Betrachtet man die Vollzeitbeschäftigten in Südtirol nach Vertragsart, lässt sich erkennen, dass der Anteil der Frauen mit einem befristeten oder Saisonvertrag, die üblicherweise schlechter entlohnt werden, besonders hoch ist: 46,4 Prozent bei den Frauen gegenüber 27,8 Prozent bei den Männern…

4. Berufliche Qualifikation: Die Frauen sind zudem im Vergleich zu den Männern in den höchsten Einkommensklassen… unterrepräsentiert: Nur 1,4 Prozent der Frauen sind Führungskräfte oder leitende Mitarbeiter gegenüber 4,0 Prozent der Männer. Diese Daten bestätigen auch für Südtirol die Existenz der sogenannten „Gläsernen Decke„, nach der es Frauen nicht leicht gelingt, in Führungspositionen aufzusteigen. Mit anderen Worten: Je höher die Einkommensstufe, desto weniger Frauen sind vertreten.“

Wir dürfen in diesem Gesamtbild, wie auch in anderen Regionen, zudem nicht die Pflege vergessen. Von Kindern bis zu Älteren: Der überwiegende Großteil der Pflege wird in Südtirol von Frauen geleistet, wobei dies eine Arbeit ist, die zu wenig entlohnt wird und zu wenig Wertschätzung erhält.

Das Paradox dabei ist: Wohlhabende und gebildete Frauen gehen arbeiten, damit dann andere Frauen ihre Arbeit im Bereich Pflege und Haushalt leisten – nicht Männer. Die US-Emanzipationsphilosophin Nancy Fraser hatte das bereits in den 1990er Jahren zum neoliberalen Pflegesystem vorausgesagt. Dieses mobilisiert Frauen in großer Zahl und in oft prekären Arbeitsverhältnissen, damit mehr Arbeitskraft zur Verfügung steht und die Löhne niedrig bleiben – wobei zum Beispiel in den USA seit langem diskutiert wird, dass diese Mobilisierung und die Erweiterung der Familieneinkommen von eins auf zwei dem Mittelstand in der realen Kaufkraft keine Fortschritte gebracht hat, wohl aber Eltern und Kinder voneinander fernhält. Das ist in Südtirol zwar so nur teilweise der Fall, aber das Grundproblem ist ebenfalls gegeben.

Folgen dieser Ungleichheit sind niedrige Geburtenraten, weil Frauen im Beruf verbleiben wollen, um sich eine Rente zu sichern, sowie Bedrohung durch Altersarmut. Abhängigkeiten gehen auch nicht selten einher mit geschlechterbezogener Gewalt, was die EU pro Jahr 366 Milliarden Euro kostet. Als Antwort darauf ist der europäische Trend sowohl regional wie national klar erkennbar. Er geht in Richtung Gleichstellung. Das Instrument dazu ist es (in der Fachsprache ausgedrückt), „gender mainstreaming“ durch „gender budgeting“ zu erreichen – das heisst öffentliche Ausgaben in wichtigen Bereichen geschlechtssensibler zu machen, um beide Geschlechter nach und nach sowohl qualitativ wie quantitativ auf dieselbe Ebene zu bringen. Das hat weniger mit „positiver Diskriminierung“ als vielmehr mit Investition in die Gleichheit der Bürger zu tun.

Das versucht seit Herbst 2021 auch in Südtirol ein Gesetzesverbesserungsantrag im Landtag, der das Land wohl noch länger beschäftigen wird. Die Initiative kommt von der Pusterer Abgeordneten Maria Rieder aus Gais (Landesgesetzentwurf 82/2021). Südtirol kann dabei auf eine gute Grundlage bauen. „Gender budgeting“, also Ausgaben für Gleichstellung, wurden bereits 2008 in einer wegweisenden Pilotstudie (Hermann Atz und Soziales Forschungsinstitut Apollis) zur „geschlechterbezogenen Haushaltspolitik“ im Detail für Südtirol entwickelt und daraufhin im „Gleichstellungs- und Frauenförderungsgesetz“ des Landes (Nr. 5 vom März 2010) verankert.


Zur Gleichstellung der Geschlechter gehören aber nicht nur Einkommensfragen, sondern auch die Sensibilisierung der Geschlechter für Rollenbilder und von Männern für ihre (positive) Männlichkeit.
Roland Benedikter, Politikwissenschaftler



Mit diesem Gesetz, das sich an Österreich orientierte, war Südtirol europaweit einer der regionalen Vorreiter. Auch als Folge davon hat inzwischen eine breitere Sensibilisierung stattgefunden. Südtirol entwickelt seit kurzem „Geschlechtermedizin“ (gender medicine), auch weil die Covid-19-Pandemie gezeigt hat, dass Frauen und Männer unterschiedlich erkranken. Geschlechtermedizin soll ein wichtiger Teil der Offensive in Richtung individualisierte Medizin oder „Präzisionsmedizin“ werden.

Ein vieldiskutiertes Anti-Gewalt-Gesetz der Landesrätin für Familie und Verwaltung Waltraud Deeg thematisiert seit 2021 die Gewalt gegen Frauen. Und Wissenschaftseinrichtungen wie die Europäische Akademie (Eurac) in Bozen erstellen Instrumente wie den „Gender Equality Plan“, der ab 2022 ein Förderkriterium für „Horizon Europe“ Projekte sein wird, also für die wichtigsten Forschungsförderungsgelder, die das Land Südtirol aus Brüssel und Straßburg abruft. Hier sollen Maßnahmen wie Geschlechtergleichheit schon bei der Forschungsfrage beachtet werden. Es geht um mehr als nur „gemischtes Personal“ im Projekt; auch die „Integration der Geschlechterdimension in Forschungs- und Lehrinhalt“ ist gefragt.

All das sind Schritte auf dem Weg unseres Landes in eine ausgewogenere Zukunft. Wenn Regionen wie Südtirol die Gleichstellungsfrage ernst nehmen, entspricht das den globalen Nachhaltigkeitszielen (Sustainable Development Goals), vor allem den Nachhaltigkeitszielen 1, 5 und 10. Diese sind in der RIS3-Strategie – das ist die von der EU allen europäischen Regionen für den Erhalt von Geldern vorgeschriebene „Intelligente Spezialisierungs-Strategie“ – und in der Nachhaltigkeitsstrategie, also den beiden Hauptentwicklungsstrategien Südtirols, verankert.

Zur Gleichstellung der Geschlechter gehören aber nicht nur Einkommensfragen, sondern auch die Sensibilisierung der Geschlechter für Rollenbilder und von Männern für ihre (positive) Männlichkeit. Südtirol ist auch hier auf einem guten Weg. Bei einem eintägigen Landtags-Hearing am 5. September 2021 wurden unter breiter und aktiver Beteiligung der Sozialpartner und der Zivilgesellschaft wertvolle Ansätze zur Weiterentwicklung des Südtiroler Gleichstellungsgesetzes entwickelt. Sie lieferten viele Möglichkeiten zur Verbesserung. Darunter sind Maßnahmen wie: alle Statistiken getrennt nach Geschlechtern zu erstellen (Vorbild Schweden); eine Kosten-Effizienz-Analyse der Genderausgaben und Gleichstellungsmaßnahmen vorzusehen (Vorbild Island); sowie eine sogenannte „gender impact analysis“, das heißt eine geschlechterbezogene Wirkungsanalyse des gesamten Landesbudgets vorzunehmen (Vorbilder Dänemark und Stadt Wien).

Eine Reihe von „besten Praktiken“ (best practices im EU-weiten Vergleich) sind in der Forschung verfügbar und können genau an die Bedürfnisse von Regionen wie Südtirol angepasst werden. Wichtig ist nicht zuletzt, die Rolle des „gender budgeting“ für die demographische Entwicklung (Reproduktionsrate) zu verstehen. Geschlechtergleichstellung heißt in diesem Zusammenhang, eine dauerhafte Bevölkerungsabnahme zu verhindern, die ansonsten durch Migration aufgefüllt werden muss. Mehr Kinder setzen die Investition in die eigene Bevölkerung (und Bevölkerungsentwicklung) voraus.


Kleinere europäische Regionen wie Südtirol können künftig sogar eine Vorreiterrolle „in nuce“ spielen.
Roland Benedikter, Politikwissenschaftler



Zusammenfassend gilt, dass die nach Geschlechtern getrennte Datenerhebung und -analyse und das objektive, möglichst unabhängige Monitoring der Effekte von Gender-Investitionen entscheidende Aspekte für eine effiziente Umsetzung des Gleichstellungsanliegens sind. Beides wurde in Verbesserungsvorschlägen bislang noch zu wenig betont. Vielleicht können Südtiroler Parlament und autonome Landesregierung hier präzise kontextualisierte Instrumente entwickeln, gegebenenfalls in Kooperation mit lokalen Forschungsinstituten und Wissenschaftseinrichtungen im deutschen und italienischen Sprachraum.

Insgesamt kann man als SüdtirolerIn die Weiterentwicklung der europäischen Gesetzgebung im Gleichstellungsbereich nur begrüßen – gerade mit Blick auf den größeren Rahmen „glokaler“ Entwicklungen. Kleinere europäische Regionen wie Südtirol können künftig sogar eine Vorreiterrolle „in nuce“ spielen. Unter den Rahmenrichtwerken sind zum Beispiel die UNESCO-Zukunftsstrategie 2022-29, die Geschlechtergleichstellung als zentralen Zukunftsfaktor für die Dekade hervorhebt, aber auch das bewährte vergleichende „gender budgeting“ in den OECD-Ländern.

Gleichstellung steht also im Einklang mit einer allgemeinen Richtungnahme, die von allen großen Institutionen empfohlen wird. Sie ist ein richtiger Schritt in Richtung Modernisierung wie zugleich auch in Richtung Internationalisierung. Damit kann letztlich auch der europaweiten Stagnation durch die Covid-19-Pandemie entgegengewirkt werden, wie sie zuletzt im Oktober 2021 der „Gender Equality Index 2021“ aufgewiesen hat. Für nachhaltigen und dazu selbstkritischen Fortschritt gilt es jedoch auch, Beispiele von Fehlentwicklungen zu diskutieren.

Roland Benedikter ist Co-Leiter des Centers for Advanced Studies an der Eurac in Bozen.

sor

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