Freitag, 25. September 2020

Die Berufe der 42 neuen Südtiroler Bürgermeister

Bauern, Lehrer und Pensionisten sind unter den 42 neuen Bürgermeistern in Südtirol stark vertreten – Kaufleute und Handwerker hingegen schwach. hds-Präsident Philipp Moser sieht dafür einen klaren Grund: „Als Bürgermeister muss ich Entscheidungen treffen, mit denen manche Bürger nicht zufrieden sind – und solche unpopulären Entscheidungen sind dann geschäftsschädigend“, betont Moser.

Gemeinderat und Bürgermeisteramt sind nicht für jede Berufsgruppe gleich interessant – das zeigt auch diese Gemeindewahl.
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Gemeinderat und Bürgermeisteramt sind nicht für jede Berufsgruppe gleich interessant – das zeigt auch diese Gemeindewahl. - Foto: © br
Die „Dolomiten“ haben die Berufe der 42 neuen Bürgermeister erhoben (siehe Grafik oben). Die Recherche belegt einmal mehr: Bauern zieht es zum Bürgermeisteramt stärker hin als andere Berufsgruppen. Landwirte sind häufig auch zeitlich flexibler, sie bilden eine starke Lobby, aber das allein ist es nicht, warum so viele Bauern bei Gemeindewahlen erfolgreich sind, sagt SBB-Obmann Leo Tiefenthaler.

„Die Bauern sind auch in den Vereinen sehr stark vertreten. Und: In der Landwirtschaft ist man es gewohnt, zusammen zu arbeiten. Das kann ein Vorteil sein. Bei den Bauern haben wir viele Kandidaten gefunden – das ist nicht selbstverständlich. Viele Bürger – auch die nicht-bäuerliche Bevölkerung – unterstützen die Bauern. Das Vertrauen der nicht-bäuerlichen Bevölkerung in die Bauern ist relativ groß“, meint Tiefenthaler.

Unter den 42 neuen Bürgermeistern befindet sich nur ein Kaufmann – Felix Lanpacher, nun Erster Bürger in Marling. Und auch nur ein Handwerker ist darunter – Zimmermann Stefan Schwarz (Ulten). Vor allem in den Landgemeinden ist die Kaufleute-Lobby nicht die größte – verglichen mit der Vertretung der Bauern oder der Arbeitnehmer – sondern eher eine kleinere Gruppe, meint Gemeindenverbandspräsident Andreas Schatzer.

Für hds-Präsident Moser liegen die Gründe für die zahlenmäßig schwache Vertretung der Kaufleute bei den neuen Bürgermeistern hingegen ganz woanders: Als Kaufmann oder Handwerker habe man konkrete geschäftliche Nachteile zu befürchten, wenn Entscheidungen unpopulär ausfallen. Friedrich Mittermair, Bürgermeister von Prags, früher Kaufmann und damals auch Bürgermeister in Welsberg-Taisten, könne ein Lied davon singen.

„Wenn man eine gerade Linie geht und weiß, was man will, dann hat man Nachteile“, bestätigt Mittermair auf Anfrage. „Und als Kaufmann hatte ich damals absolut Nachteile. Gewisse Kunden sind dann nicht mehr gekommen.“

Haben auch die Handwerker solche Probleme? Gert Lanz (SVP), früherer lvh-Präsident, bestätigt dies nicht. Er weist darauf hin, dass die Gesamtsumme an Handwerks-Bürgermeistern nach dieser Wahl gleich geblieben sei – wenn man alle 113 Gemeinden durchzählt. Lanz betont aber: „Jeder Selbständige, der einen Betrieb hat, überlegt es sich zweimal, ob er sich diese Doppelbelastung als Bürgermeister antut. Den Betrieb kann er ja nicht in ein Kastl stellen und nach 5 Jahren wieder herausziehen.“

Gemeindenverbandspräsident Schatzer hat noch eine weitere Erklärung, warum sich nicht jeder das Bürgermeister-Amt antut: „Junge Leute, die frisch im Beruf stehen, ob Rechtsanwalt, Wirtschaftsberater, Arzt oder führender Angestellter, werden es sich sehr stark überlegen ob sie für den Gemeinderat kandidieren und das Bürgermeisteramt ausüben wollen“, meint Schatzer.

„Das Bürgermeisteramt ist jetzt sehr arbeitsintensiv und man bleibt notgedrungen im Beruf zurück. Der Landwirt wird sich seine Freizeit nehmen können, weil er sich seine Zeit selbst einteilen kann. Der Lehrer kann sich freistellen lassen“, betont der Gemeindenchef. Und: „Es gibt immer mehr junge Pensionisten, die noch eine Herausforderung suchen.“ Tatsächlich befinden sich unter den 42 neuen Bürgermeistern auch 4 Pensionisten – sowie 3 Freiberufler.

Als Bürgermeister bis zu 15 Jahre von seinem Beruf auszusteigen, ist eine schwierige Richtungsentscheidung, meint SVP-Chef Philipp Achammer. Manche sehr fähige Bürgermeister seien auch aus Berufsgründen wieder ausgestiegen, obwohl sie hätten noch einmal kandidieren können. Mit der sozialen Absicherung der Freiberufler habe man zumindest einen Makel abgeschafft. Aber gerade in mittleren oder größeren Gemeinden bleibe das Problem für die Bürgermeister, dass sie dann aus ihrem Beruf fast gänzlich ausscheiden, so Achammer.

hof