„Das Zeitungsverbot diente in Südtirol nicht nur der politischen Unterdrückung, sondern auch der systematischen Entnationalisierung und dem Versuch, die deutsche Sprache und Kultur im öffentlichen Leben komplett zu ersticken“, erklärt der Historiker und Landesarchivar <b>Walter Landi</b> im Interview.<BR /><BR /><b>Was ist zu Allerseelen 1926 konkret passiert?</b><BR />Walter Landi: Am 2. November 1926 trat im Rahmen der radikalen faschistischen Italianisierungspolitik unter Benito Mussolini ein totales Verbot aller deutschsprachigen Zeitungen und Zeitschriften in Kraft. Dieses Datum markierte den Beginn der sogenannten „zeitungslosen Zeit“, in der der deutschsprachigen Bevölkerung jegliche eigene gedruckte Medienberichterstattung entzogen wurde. Dieses Vorgehen war kein isolierter Akt.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1380438_image" /></div> <BR /><BR /><b>Sondern?</b><BR /> Landi: Die konsequente Umsetzung der 1923 von Ettore Tolomei proklamierten 15 Punkte zur Entdeutschung Südtirols, die dem faschistischen Regime als ideologischer Masterplan dienten. Zu diesem Masterplan gehörten unter anderem auch das Verbot der deutschen Schule, das Verbot der deutschen Sprache im öffentlichen Raum sowie die radikale Italianisierung aller Orts- und Flurnamen. Die juristischen Werkzeuge für das Zeitungsverbot lieferten insbesondere die drakonischen Gesetze zur Einschränkung der Pressefreiheit vom 20. Jänner 1926, die unter anderem die Ernennung regierungstreuer Chefredakteure erzwangen und den Präfekten weitreichende Befugnisse zur Verwarnung, Suspendierung und zum Sequestrieren von Zeitungen übertrugen. <?O_Fett><?_O_Fett>Die dazugehörige Ausführungsverordnung vom 11. März 1926 operationalisierte dieses System des restriktiven Kontroll- und Genehmigungsverfahrens. Sie gab dem Staat die rechtliche Handhabe, jede unabhängige Berichterstattung im Keim zu ersticken.<BR /><BR /><b>Was bedeutete dieses Zeitungsverbot für die Südtiroler?</b><BR />Landi: Das Verbot war ein verheerender Schlag gegen Kultur, Identität und den gesellschaftlichen Zusammenhalt der deutschsprachigen Minderheit in Südtirol. Es diente der systematischen Entnationalisierung und dem Versuch, die deutsche Sprache und Kultur im öffentlichen Leben komplett zu ersticken. Die neue faschistische Gesetzgebung bedeutete fortan eine strenge Kontrolle nicht nur des öffentlichen, sondern auch des privaten Lebens. Im Zuge dieser Säuberungswelle – verstärkt durch die gesetzliche Aufhebung der Vereinsfreiheit am 6. November 1926 sowie das im selben Monat verhängte Verbot aller unabhängigen Parteien und freien Gewerkschaften – wurde selbst der als „Hort des Deutschtums“ betrachtete Bauernbund zerschlagen beziehungsweise politisch gleichgeschaltet. Dieser administrative Druck erhöhte sich gerade ab 1926 schlagartig durch weitere gezielte Maßnahmen. Diese waren zunächst die Abschaffung der lokalen Demokratie: Ab dem 3. Oktober 1926 wurden im gesamten Gebiet die gewählten Bürgermeister durch vom Regime ernannte, regierungstreue Podestàs ersetzt. Zum anderen kam die Schaffung der Provinz Bozen hinzu: Diese war keinesfalls als Kreierung einer administrativen Lokalautonomie gedacht. Die offizielle Errichtung der neuen Provinz im Jahr 1927 diente dazu, das Land unter direkte römische Kontrolle zu stellen, indem man es der Venezia Tridentina und somit den lokalen Interessen der Trentiner entzog, um die Entnationalisierungspolitik effizienter gestalten zu können.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1380441_image" /></div> <BR /><BR /><b>Zurück zur Presse: Wie gelang es Kanonikus Gamper, einen Ausweg zu finden? </b><BR />Landi: Gamper und seinen Mitstreitern gelang dieser publizistische Befreiungsschlag durch eine geschickte Kombination aus kirchlicher Diplomatie, verlegerischem Weitblick und zähen Verhandlungen. Als entscheidender Schutzschild erwies sich die katholische Kirche, über deren Kanäle beim Regime eine Sondergenehmigung erwirkt werden konnte. Insbesondere über den Jesuitenpater Pietro Tacchi Venturi stellte Gamper Kontakte zum Vatikan und zu Regierungsstellen in Rom her. Gamper sprach bei Bischöfen vor und fuhr selbst nach Rom. Im Dezember 1926 urgierte selbst der Brixner Fürstbischof Johannes Raffl beim neuen Präfekten von Bozen, Umberto Ricci, sich um die Presselage zu kümmern. Der Bischof und der neue Präsident des Vogelweider-Verlages, Rudolf Marsoner, wandten sich schriftlich an Ricci mit der Bitte, die deutsche Presse in Südtirol wieder zuzulassen. <BR /><BR /><b>Und was passierte dann?</b><BR />Landi: Schließlich gab die Bozner Präfektur im Dezember 1926 die offizielle Zustimmung für das Wiedererscheinen des Wochenblattes „Volksbote“ sowie der zunächst an drei Werktagen pro Woche erscheinenden Tageszeitung „Dolomiten“, deren erste Ausgabe bereits am 24. Dezember 1926 gedruckt wurde – mit der einzigen Auflage, ein rein informatives, aber unpolitisches Blatt zu sein. Einzig der katholische Verlag – der im Zuge der Repressionen von der ursprünglichen „Tyrolia“ über die Zwischenstufe „Vogelweider“ schließlich ab 1936 unter dem Namen „Athesia“ firmierte – konnte so mit diesen zwei Publikationen überdauern. Dieser Fortbestand war langfristig unter dem Schutz des Vatikan-Konkordats von 1929 (Lateranverträge) abgesichert, wenngleich die Zeitungen auch in den Folgejahren einer stetigen und strengen behördlichen Aufsicht und Zensur unterlagen.