Mit dieser Kandidatur entfaltet sich das jüngste Kapitel in der bizarren und zunehmend gefährlichen Deformation der zeitgenössischen amerikanischen Politik. <b>Von Richard K. Sherwin</b><BR /><BR /><BR />Viele politische Kommentatoren haben Kennedy heftig dafür kritisiert, dass seine „Spoiler-Kampagne“ Präsident Joe Biden die Stimmen unzufriedener Demokraten kosten und Donald Trump den Einzug ins Weiße Haus bescheren könnte. Laut einer Meinungsumfrage des Siena College sieht es aus, als würden in 6 hart umkämpften Staaten (Arizona, Georgia, Michigan, Nevada, Pennsylvania und Wisconsin) mehr Demokraten als Republikaner (18 % gegenüber 16 %) Kennedy unterstützen. <BR /><BR />Kein Wunder also, dass der milliardenschwere republikanische Großspender Timothy Mellon Kennedys Super-PAC (eine vordergründig unabhängige Organisation, die legal unbegrenzte Summen für einen Kandidaten sammeln und ausgeben kann), finanziell unterstützt.<h3> Milliarden für die Kandidatur</h3>Die von Kennedy ausgewählte Vizepräsidentschaftskandidatin Nicole Shanahan, eine 38-jährige Patentanwältin und frühere Unterstützerin demokratischer Anliegen und Kandidaten, ist ein weiterer Hinweis, dass Kennedy demokratische Wähler anzusprechen sucht. Shanahan bezeichnet sich selbst als enttäuschte Demokratin und hat andere Gleichgesinnte öffentlich aufgefordert, sich Kennedys Kampagne anzuschließen. <BR /><BR />Im Rahmen ihrer Scheidungsvereinbarung des letzten Jahres mit Google-Mitgründer Sergey Brin forderte sie angeblich mehr als eine Milliarde US-Dollar (bloße 1 % seines geschätzten Nettovermögens). Diese Summe würde sie in eine ungewöhnlich günstige Lage bringen, das komplexe und teure Unterfangen unterstützen zu können, Kennedy in allen 50 US-Bundesstaaten auf den Stimmzettel zu bringen.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1017735_image" /></div> <BR /><BR />Eines ist ungeachtet aller durch Kennedys Kandidatur verursachten Unsicherheiten klar: Der Populismus von links und rechts ist in beiden Parteien auf dem Vormarsch. Trump und Kennedy sprechen beide klassische populistische Themen an, allerdings mit einigen interessanten Unterschieden. Man vergleiche etwa Trumps Antrittsrede aus dem Jahr 2017 mit Kennedys jüngster Rede zur Lage der Nation. Ihr zentraler Tropus ist derselbe: der Verlust und die Wiederherstellung amerikanischer Größe.<BR /><BR />Trumps düsteres Narrativ des amerikanischen Niedergangs umfasst „verrostete, wie Grabsteine verstreute Fabriken“ und „verwahrloste und verfallene“ Infrastruktur; das „Vermögen unserer Mittelschicht“ sei „aus ihren Häusern gerissen und über die ganze Welt verstreut“ worden, wobei „Millionen und Abermillionen amerikanischer Arbeitnehmer abgehängt worden“ seien. Während es den Eliten in Washington gut gehe, „hat die Bevölkerung die Kosten getragen“. Trump verspricht, diesen Niedergang rückgängig zu machen, indem er „Amerika an die erste Stelle setzt“.<h3> „Amerika wieder gesund machen“</h3>Auch Kennedy sieht eine verheerte Landschaft. Doch sein Narrativ legt den Schwerpunkt auf „chronische Krankheit“, „Depression“, „psychische Erkrankungen“ und „Einsamkeit“. Wie Trump beklagt er die verfallene Infrastruktur und eine „ausgehöhlte“ Mittelschicht. Und wie Trump gibt er hierfür den Eliten die Schuld: „Die gesamte Wertschöpfung der letzten Generation ist an die Milliardäre und transnationalen Konzerne geflossen.“ Doch aus Kennedys Sicht ist das größte Problem von allen, dass die USA „das kränkste Land der Erde“ geworden seien. Sein Versprechen besteht darin, „Amerika wieder gesund zu machen“.<BR /><BR />Kennedys Fokus auf die Gesundheit spiegelt seine öffentliche Arbeit als Umweltanwalt und, in den letzten Jahren, als überzeugter Impfgegner wider. Aus seiner Sicht ist eine Kabale von böswilligen Konzernen und Behördenvertretern im Gange, die sich verschworen haben, Umwelt und Staatswesen zu vergiften – einen Körper nach dem anderen.<BR /><BR /> Auf dem Höhepunkt der Pandemie behauptete er fälschlich, dass die COVID-19-Impfstoffe „nachweislich eine negative Wirkung haben und die Menschen infektionsanfälliger machen, als wenn man gar nichts tut“. Er ging angeblich sogar so weit, zu behaupten, COVID-19 sei „ethnisch ausgerichtet“, um „aschkenasische Juden und Chinesen“ zu verschonen.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1017738_image" /></div> <BR /><BR />Wenn Kennedys Schwerpunkt auf Heilung jemanden nahelegt, der eine „Genesung“ durchgemacht hat, dann liegt das daran, dass das bei ihm der Fall ist. Nach dem Trauma, Vater und Onkel durch die Kugeln von Attentätern zu verlieren, kämpfte Kennedy mit einer Heroinabhängigkeit, die er letztlich überwand.<BR /><BR /><BR />Wie Kennedy scheint auch Shanahan persönliches Leid zu kanalisieren. Sie beschreibt ihren Kampf mit der Unfruchtbarkeit sowie ihre Schwierigkeiten damit, ihre unter Autismus leidende fünfjährige Tochter Echo großzuziehen. Shanahan verbringt laut eigener Aussage 60 % ihrer Zeit mit Autismus-Recherchen. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1017741_image" /></div> <BR /><BR />„Unseren Kindern geht es nicht gut“, erzählt uns Shanahan. Sie ist trotz zahlreicher wissenschaftlicher Studien, die dies widerlegen, fest überzeugt, dass das Impfen von Kindern einen steilen Anstieg in der Zahl der Autismusfälle verursacht hat. Sie möchte die Pharmaunternehmen abhalten, die Wissenschaft zu „kontaminieren“ und die Regulierungsbehörden zu „vereinnahmen“, und fordert mit QAnon-artiger Paranoia, dass diese aufhören sollten, die „Rätsel“ zu „schützen“, die „wir lösen können“.<BR /><BR />Niemand glaubt ernstlich, dass Kennedy die Präsidentschaftswahl gewinnen kann. Doch es gibt gute Gründe für die Annahme, dass er das Gleichgewicht zugunsten von Trump verschieben kann, indem er Demokraten (einschließlich jüngerer Wähler wie Shanahan), einige parteiungebundene Wähler, Libertäre und Anhänger von New-Age-Heilmethoden sowie alternde Idealisten, die noch immer von seinem Vater und seinen Onkeln inspiriert sind, auf seine Seite zieht.<h3> Er verbreitet bedenkenlos Lügen</h3>Bewaffnet mit paranoiden Verschwörungstheorien über Amerikas Absturz in chronische Krankheit, Einsamkeit und Depression verbreitet Kennedy bedenkenlos Lügen über die angeblichen Gefahren lebensrettender Impfstoffe und gibt Plattitüden über Resilienz und Genesung von sich. Allem Anschein nach bleibt er der verqueren Vorstellung verhaftet, er könne die idealistischen Träume seines Vaters von einem besseren Amerika Wirklichkeit werden lassen.<BR /><BR />Das wahrscheinlichere Ergebnis ist ein wahrgewordener Albtraum: ein illiberales Amerika unter einem Präsidenten, den Kennedys Vorfahren als gefährlichsten inneren Feind des Landes betrachten würden.<BR /><BR />Aus dem Englischen von Jan Doolan<BR /><h3> Zum Autor</h3>Richard K. Sherwin ist Professor emeritus für Rechtswissenschaft an der New York Law School und Mitherausgeber von A Cultural History of Law in the Modern Age (Bloomsbury, 2021).<BR /><BR />© Project Syndicate 1995–2024