Samstag, 18. Dezember 2021

„Diktatur der Sprachlosigkeit“

„Schöne, wohlige Gedanken, Bilder, Wünsche und warme Träume werden uns vom aktuellen Dilemma nicht befreien. Unser Gegner ist perfide und lässt sich mit gut zureden nicht aus der Welt bugsieren.“ Ein Kommentar von Michael Fink.

„Es gibt immer mehr Meinung, bei rapide schwindendem Wissen. Corona hat diesen großen Wahnsinn noch verstärkt.“ - Foto: © sabes/123rf

Was haben wir uns in den vergangenen Jahrzehnten nur für eine schamlose, freche Welt gezimmert. Grenzen und rote Linien gibt es nicht mehr. Alles wird niedergetrampelt. Barbusig aus dem Fenster gelehnt, prusten viele ihre Gedanken in die Welt hinaus. Gesagt wird, was gefällt. Es gibt immer mehr Meinung, bei rapide schwindendem Wissen. Corona hat diesen großen Wahnsinn noch verstärkt.

Es ist eine Dimension erreicht, deren Ende noch nicht absehbar ist. Das Virus war der letzte Kick, den es für die totale Enthemmung gebraucht hat.

Es ist erschreckend, welche Parallelen gezogen werden, wenn es um Anti-Corona-Maßnahmen und die Impfung geht: Von Diktatur ist die Rede, von Schulen als Konzentrationslagern, der Holocaust wiederhole sich. Es ist unfassbar, welche absurden Kruditäten und Theorien in die Diskussion geworfen werden. Nur um zu untermauern, dass der Dampfer in die richtige Richtung fährt. Dass die Mehrheit nicht mitreisen will, macht die Minderheit noch fanatischer und resistenter gegen alles und jeden. Man rauscht aggressiv weiter. Immer Vollgas.

Für viele der „Standhaften“ ist die Sachlichkeit eine Erfindung der großen Weltverschwörung, die Wissenschaft nur tote Materie. Jeder bewiesene Krümel wird vom Tisch gewischt, alle fundierten Meinungen einfach niedergebrüllt. Es gibt nur eine ganz große und vor allem wahrhaftige Deutung. Wer dagegenhält, wird schlimmstenfalls mit dem Tode bedroht. Nichts kann mehr konstruktiv sein. Es fehlen immer häufiger die Worte.

Es ist erschreckend, welche Parallelen gezogen werden, wenn es um Anti-Corona-Maßnahmen und die Impfung geht: Von Diktatur ist die Rede, von Schulen als Konzentrationslagern, der Holocaust wiederhole sich.
Michael Fink


Daraus erwächst eine Diktatur der Sprachlosigkeit, als überaus gefährlicher Nebenschauplatz der Pandemie. Dieses boshafte und oft vulgäre Übers-Maul-fahren der Leugner und Verharmloser ist eine unerträgliche Entgleisung. Damit stellt sich nicht die Frage, wann, sondern ob wir die richtigen Worte wieder finden werden und dies auch wollen.

Derzeit deutet vieles darauf hin, als würde früher oder später der Tag kommen, an dem es ordentlich kracht. Bis dahin werden die Sorgen größer, Ängste schlimmer, die Verzweiflung bedrückender. Auf beiden Seiten. Es ist unbestritten und steht außer Zweifel, dass schöne, wohlige Gedanken, Bilder, Wünsche und warme Träume, das eine oder andere Hausmittelchen uns vom aktuellen Dilemma nicht befreien werden.

Der Gegner ist einfach zu perfide und lässt sich mit gut zureden eben nicht aus dieser Welt bugsieren. Wenn nicht endlich all jenen, die an das „leichte Grippele“ glauben, die rote Karte gezeigt wird, werden wir uns noch Jahre mit diesem Thema beschäftigen müssen. Eine Vorstellung, die keiner der beiden Seiten gefällt. Sie ist damit eine erste kleine Gemeinsamkeit.

stol

Alle Meldungen zu:

Kommentare
Kommentar verfassen
Bitte melden Sie sich an um einen Kommentar zu schreiben
senden
Elmar Perkmann
18. Dezember 2021 11:56
Ich habe noch nie eine treffendere Analyse des momentanen gesellschaftlichen Zustands gelesen. Danke, Herr Fink!
Sieglinde Steinhauser
18. Dezember 2021 12:55
Hihi...wie blöd haltet ihr die Bevölkerung liebe Redaktion von Stol....? WER Hausverstand hat weiß in welchen Fasischtischen System wir JETZT leben...WISST ihr was ich mich freue: wenn Politik und Medien sich dermassen in Lügen verstricken werden, dass sie sich noch an alle Lügen von zuvor erinnern müssen.... bis das ganze Kartenhaus zusammenfällt, weil nichts mehr all das mehr rechtfertigen kann...EIN HOCH AUF GEKAUFTE POLITIK MIT IHREN GEKAUFTEN MEDIEN!