Mittwoch, 30. August 2017

#Dolomiten Vives: Wolkensteins Bürgermeister zieht Bilanz

Touristen schauten diesen Sommer verdutzt aus der Wäsche, wollten sie mittwochs mit ihrem Wagen die Passstraße aufs Sellajoch nutzen. „Vorübergehend gesperrt“ lautete dann die Antwort der Förster. Für den Bürgermeister von Wolkenstein, Roland Demetz, ist die 7-Stunden-Schließung aber keine Lösung des Verkehrsproblems.

Der Verkehr soll weniger werden, darüber sind sich alle einig. - Foto: sch
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Der Verkehr soll weniger werden, darüber sind sich alle einig. - Foto: sch

Ungewöhnliche Bilder konnte man im Juli und August auf der Sellajoch-Passstraße bestaunen, vorausgesetzt man war an einem Mittwoch vor Ort. Auf den Straßen waren nur elektrobetriebene Fahrzeuge, Busse des öffentlichen Personennahverkehrs oder Fahrräder und Fußgänger unterwegs – aber keine Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor. So sah es die #Dolomiten-Vives-Aktion vor. 

„Damit verringern wir die CO2-Emissionen und leisten einen wichtigen Beitrag zur Erhaltung unserer sensiblen Natur- und Bergwelt und zum Schutz des UNESCO-Weltnaturerbes, für das wir eine besondere Verantwortung tragen“, unterstrich Umweltlandesrat Richard Theiner im Vorfeld.

Am heutigen Mittwoch sperren die Förster die Passstraße ein letztes Mal – vorerst zumindest. Nun gilt es Bilanz zu ziehen.

Südtirol Online: Herr Bürgermeister, zum Abschluss von #Dolomiten Vives kochen heute ab 12 Uhr sechs Köche in sechs Berghütten. Essen Sie mit?

Rolando Demetz, Bürgermeister von Wolkenstein: Das ist nicht sicher, ich habe noch ein paar andere Termine. Vorbeischauen werde ich sicher, in den Genuss der Küche werde ich aber wahrscheinlich nicht kommen.

STOL: Sie galten zunächst als Kritiker der Mittwochs-Sperre, jetzt heißt es, Sie befürworten das Projekt. Was trifft zu?

Demetz: Dass der Verkehr über das Joch reduziert werden soll, darüber sind sich alle einig. Wie man es macht ist die Frage. #Dolomiten Vives war ein Versuch. Ich war nicht der Meinung, dass eine eintägige Sperre etwas bewirkt. Dadurch verlagern wir den Verkehr nur von einer Seite auf die andere. Ich war auch der Meinung, dass, wenn man etwas macht, dies auf allen Pässen machen muss, nicht nur auf einen. 

STOL: Trifft Ihre Prognose rückblickend zu?

Demetz: Nehmen wir die vergangene Woche her. Da gab es am Mittwoch keinen Verkehr auf dem Sellajoch und am Donnerstag ein Verkehrschaos. Wir haben den Verkehr lediglich auf den nächsten Tag verlagert, das war sicher nicht Ziel dieser Initiative. Allerdings verringerte sich der Verkehr mittwochs auch am Grödner Joch, das hätte ich nicht gedacht.

STOL: Klingt nicht so, als ob Sie über das Projekt glücklich sind?

Demetz: Es war ein Minimalkompromiss und ein Test. Mit einer totalen Sperre der Pässe bin ich übrigens nicht einverstanden, was es braucht, ist eine Reduzierung des Verkehrs. 

STOL: Mit welchen Maßnahmen könnte das gelingen?

Demetz: Zunächst muss das wilde Parken unterbunden werden. Heuer haben wir das mit Hinweistafeln probiert. Die wurden allerdings von den Gästen ignoriert, deswegen müssen wir zukünftig die Seitenbereiche der Straße absperren.  Nächstes Jahr wird es dann auch möglich sein, mit dem neuen Piz-Seteur-Lift das Sellajoch zu erreichen. Das Auto kann man dann im Tal lassen. Auch in puncto Geschwindigkeit und Lärmbelästigung müssen Maßnahmen getroffen werden. Die Polizei wird nächstes Jahr an gewissen Tagen ihre Kontrollen intensivieren.
Ob aber der Pass noch einmal gesperrt wird, das kann ich jetzt noch nicht sagen.

STOL: Wie reagierte die lokale Bevölkerung auf die Sperre?

Demetz: Die Einheimischen haben darüber bestimmt eine Meinung, geäußert haben sich aber nicht viele. Für die Bevölkerung war das gar kein so großes Thema. Die Touristiker sahen es hingegen als etwas Positives an. Es hängt immer davon ab, ob einer den Pass braucht oder nicht. 

STOL: Die Touristiker gehörten zu den Befürwortern?

Demetz: Ja, weil ein hoher Prozentsatz der Touristen mit einer Sperre der Pässe einverstanden wäre. Die Urlauber reagierten prinzipiell positiv auf die Sperre, besonders die Radtouristen nutzten den Mittwoch. Das einzige Manko war, dass nicht alle Bescheid wussten, obwohl wir über die Sperre informiert haben.

STOL: Welche Wirtschaftstreibende waren skeptisch?

Demetz: Im Vorfeld waren das etwa die Bauern, die auf die Alm zur Heuernte müssen, wenn das Wetter schön ist. Deswegen durften sie auch mittwochs die Passstraße mit landwirtschaftlichen Geräten nutzen. Auch die Taxifahrer meldeten Bedenken an, die erhielten aber keine Genehmigung.

STOL: Die Grünen Landtagsabgeordneten meinten heute „die Natur verlangt keine halben Sachen“. Stimmen Sie den Grünen zu?

Demetz: Nein. Dass man gewisse Maßnahmen setzt, ist sicherlich richtig. Würde man aber verlangen die Pässe zwei, drei Monate zu sperren, dann würde das niemand akzeptieren. Dass der Verkehr weniger werden muss, dieser Meinung sind allerdings alle, auch die Betreiber auf dem Joch.

STOL: Sollen auch andere Pässe temporär gesperrt werden?

Demetz: Man muss den Touristen mehr Möglichkeiten geben die Pässe zu erreichen, ohne dass sie dafür den Wagen nutzen müssen. Der Tourismus ändert sich ja auch, Urlauber kommen immer öfter nur für drei Tage. In diesen Tagen möchten sie sich sehr viel anschauen und sind deswegen gewillt, den ganzen Tag im Auto zu sitzen. Und deswegen müssen wir eine gute, billigere und schnellere Alternative zum Auto bieten.

Interview: Andrej Werth

stol