<b>STOL: Frau Dr. Faltner, die Hausärzte im Wipptal blicken mit großer Sorge in die Zukunft. Was ist der Grund dafür?</b><BR />Dr. Barbara Faltner: Diese Sorge betrifft nicht nur das Wipptal, sondern ganz Südtirol. Wir laufen Gefahr, die medizinische Versorgung zunehmend auf Gemeinschaftshäuser zu zentralisieren – und damit die persönliche, patientenorientierte Betreuung zu schwächen oder sogar zu verlieren. In diesen Häusern sitzt dann irgendein Arzt, der den Patienten, seine Familie und seine Krankengeschichte gar nicht kennt. So geht viel wertvolles Wissen verloren, und es besteht das Risiko, dass Ressourcen verschwendet werden. Der Hausarzt hingegen, der seine Patienten gut kennt, kann viel besser einschätzen, welche Maßnahmen wirklich notwendig sind und welche nicht.<BR /><BR /><embed id="dtext86-72243805_quote" /><BR /><BR /><b>STOL: Sie sehen also durch die geplanten Gemeinschaftshäuser das Fundament Ihrer Arbeit bedroht. Inwiefern konkret?</b><BR />Dr. Faltner: Wir sind ein kleiner Bezirk, und deshalb spüren wir die Veränderungen besonders stark. Diese Entwicklungen führen leider dazu, dass einige Kollegen frühzeitig in Pension gehen oder sich beruflich neu orientieren wollen. Es wird immer von einer wohnortnahen Versorgung gesprochen – aber meine Patienten erhalten diese bereits jetzt in meiner Praxis. Sie müssen nicht in ein Gemeinschaftshaus fahren und dort einem fremden Arzt ihre Geschichte erzählen. <BR /><BR />Ich selbst müsste dort zusätzlich Patienten betreuen, die ich nicht kenne – und das bei einer ohnehin schon unzureichenden Digitalisierung. Die EGA ist kompliziert, unübersichtlich und fehleranfällig. Das funktionierende System IKIS wurde uns ohne echte Alternative genommen. Wenn ich zusätzlich Stunden im Gemeinschaftshaus leisten muss, bleibt weniger Zeit für Hausbesuche und die individuelle Betreuung meiner Patienten.<BR /><BR />Nach 20 Uhr schalte ich mein Telefon aus. Was passiert dann mit einem Patienten, der Hilfe braucht – einem Hypertoniker, einem Palliativpatienten? Er ruft die 116117 an, wo medizinisch geschultes, aber anonymes Personal antwortet. Dieses kennt weder den Patienten noch seine Therapie. Wie soll das eine Verbesserung der Versorgung sein? Früher war es so, dass Patienten ihren Hausarzt auch nachts in Notfällen erreichen konnten. Diese Kontinuität der Betreuung wird es künftig nicht mehr geben – ebenso wenig nächtliche Visiten, etwa bei Palliativpatienten. Wer nachts Hilfe braucht, muss dann ins Gemeinschaftshaus fahren.<BR /><BR /><embed id="dtext86-72243806_quote" /><BR /><BR /><b>STOL: Ein zentraler Punkt Ihrer Kritik ist also der drohende Verlust der persönlichen Beziehung zu den Patienten.</b><BR />Dr. Faltner: Ganz genau. Ich kann meine Patienten am besten betreuen, weil ich sie kenne – ihre Geschichte, ihre familiären Hintergründe, ihre Eigenheiten. Im Gemeinschaftshaus bekommt der Patient den Arzt, der gerade Dienst hat. Wenn ihm dieser nicht zusagt, kommt er eben später noch einmal, in der Hoffnung, dass dann jemand anderer Dienst hat. Das ist keine persönliche Medizin mehr.<BR /><BR /><b>STOL: Sie sprechen auch von einer wachsenden Arbeitsbelastung. Wird politisch zu wenig dagegen getan?</b><BR />Dr. Faltner: Wir Hausärzte fühlen uns in diese Entwicklungen überhaupt nicht eingebunden – und genau deshalb haben wir gestreikt. Der Streik war ein voller Erfolg: Die Mehrheit der Südtiroler Hausärzte hat teilgenommen. Das zeigt deutlich, dass wir nicht aus Eigeninteresse handeln, sondern im Sinne der Patienten.<BR /><BR />Es werden Gemeinschaftshäuser gebaut, ohne dass wir eingebunden werden, und wir werden vor vollendete Tatsachen gestellt. Ist überhaupt ausreichend Personal vorhanden? Die finanziellen Mittel wären besser in die Förderung von Gemeinschaftspraxen, in geeignete Räumlichkeiten, unterstützendes Personal, moderne Geräte und eine angemessene Entlohnung investiert worden.<BR /><BR />Jetzt sollen wir zusätzlich zu unserer Praxistätigkeit auch in den Gemeinschaftshäusern arbeiten – mit teils vorhandenem Personal und Geräten, aber ohne ausreichende Bezahlung. Wer weiß, wie ein Hausarzt arbeitet, weiß auch, dass wir keine Kapazitäten für zusätzliche Stunden haben. Ich fahre im Wipptal oft 25 bis 30 Kilometer für einen Hausbesuch, bleibe dort nicht nur fünf Minuten, dokumentiere, organisiere, telefoniere – bis ich zurück bin, sind Stunden vergangen. Und in der Zwischenzeit warten im Ambulatorium bereits die nächsten Patienten.<BR /><BR /><embed id="dtext86-72243807_quote" /><BR /><BR /><b>STOL: Sie sagen, Ihr Berufsbild werde „zerstört“. Viele Menschen im Wipptal befürchten, dass es dort bald gar keine Hausärzte mehr geben könnte, wenn die Politik an ihren Plänen festhält ...</b><BR />Dr. Faltner: Diese Sorge ist berechtigt. In Brixen etwa ist geplant, das Gemeinschaftshaus rund um die Uhr, also 24/7, offen zu halten. Die Pflegeperson geht nach zwölf Stunden nach Hause, der Arzt ist auf sich alleine gestellt – und übernimmt dann auch pflegerische Tätigkeiten. Am nächsten Tag steht er trotzdem wieder in seiner Praxis. Auch wenn man nachts vielleicht nur einmal gerufen wird, ist man am nächsten Tag müde und bräuchte eigentlich Zeit zur Erholung. Diese Ruhezeit ist laut EU-Richtlinie vorgeschrieben – wird aber nicht berücksichtigt.<BR /><BR />Wenn ich aus Erschöpfung nicht in die Praxis kann, muss ich eine Vertretung organisieren, die meine Patienten betreut. Ich bin Freiberuflerin, aber gleichzeitig an den Sanitätsbetrieb gebunden, der mir vorgibt, wie viele Stunden ich in der Praxis, im Gemeinschaftshaus und mit wie vielen Patienten ich arbeiten darf.<BR /><BR />Zusätzlich zu meinen Praxiszeiten betreue ich das Altersheim, lese Befunde, schreibe Zeugnisse, beantworte E-Mails und unzählige WhatsApp-Nachrichten, rufe Patienten zurück – vieles davon erledige ich von zu Hause aus. Auch diese Arbeit gehört zu meinem Beruf, wird aber kaum wahrgenommen. Wenn ich nun zusätzlich im Gemeinschaftshaus Dienst leisten soll, geht diese wertvolle Zeit für meine eigentlichen Patienten verloren.<BR /><BR /><b>STOL: Was müsste sich ändern, damit die Hausarztmedizin im Wipptal Zukunft hat?</b><BR />Dr. Faltner: Ich mache mir große Sorgen, dass unter diesen Bedingungen keine jungen Ärztinnen und Ärzte mehr Hausarzt werden wollen. Schon jetzt ist es schwierig, Nachfolger zu finden – und es wird noch schwieriger werden. Der Beruf, so wie er aktuell organisiert ist, ist einfach nicht mehr attraktiv.