Südtirol Online: Welche Maßnahmen erwarten Sie sich jetzt von Rom?Luis Durnwalder: Ich habe vollstes Verständnis dafür, dass man gewisse Zweifel hat, ob Italien kreditwürdig ist und ob es so weitergehen kann. Die Staatsverschuldung rückt in die Nähe jener Griechenlands. Deshalb befürchte ich, dass in nächster Zeit das Rating von Italien sinken könnte. Ich verstehe nicht, dass Tremonti und Co. jetzt davon reden, Steuern zu senken. Damit kann man Schulden nicht abbauen. Es wäre besser, die Ausgaben zu reduzieren. Der Staat muss mehr sparen. Beim Staatshaushalt könnte man im Bereich der öffentlichen Verwaltung einiges tun. STOL: Welche Auswirkungen hätte eine Herabstufung für Südtirol?Durnwalder: Das Land Südtirol hat von Moody’s erst vor wenigen Monaten die beste Einstufung bekommen. Das heißt, das Land Südtirol ist äußerst kreditwürdig. Der Staat Italien wird derzeit zwei Positionen niedriger eingestuft. Für Südtirol sehe ich also keine Gefahr einer Herabstufung. Wir haben keine Schulden und die Wirtschaft hierzulande wächst. Eine Abwertung wäre als nicht gerechtfertigt.STOL: Wo würden Sie den Sparstift im Staatshaushalt ansetzen?Durnwalder: In vielen Ministerien gibt es zu viel Personal. Jeder neue Minister bringt seine eigenen Leute mit und jene, die von den Vorgängern eingestellt wurden, können nicht entlassen werden. In den Ministerien gibt es Tausende, die nicht wissen, was sie tun sollen. Auch im sozialen Sektor wäre eine Flurbereinigung nötig. Zigtausende Personen bekommen Renten, auf die sie kein Recht haben, teilweise werden Renten noch an Verstorbene ausbezahlt. Und in der öffentlichen Verwaltung könnte man sicher durch eine Modernisierung viele viele Milliarden Euro einsparen. STOL: Geht es jetzt in Italien ans Eingemachte? Durnwalder: Eines ist sicher: So kann man nicht weitermachen. Die Politiker müssen ehrlich sein und den Italienern die Wahrheit sagen. Wenn man nur Schulden macht, mehr ausgibt, als man einnimmt und dabei auch noch das Tafelsilber verkauft, geht man langfristig nirgendwo hin. Italien hat nur das Glück, dass die Bürger, die Unternehmer und die Arbeiter viel besser sind, als ihr Ruf und vor allem viel besser als ihre Politiker. STOL: Kann Ihrer Ansicht nach die Regierung das von Tremonti geforderte 40-Mrd.-Sparpaket im Parlament durchsetzen?Durnwalder: Wenn jede Partei in der Koalition Forderungen stellt und Erpressungsversuche startet, dann wird man sicher nicht weiterkommen. Um ein solches Sparpaket zu verabschieden, bräuchte es eine stabile Regierung, allerdings sind die Aussichten diesbezüglich meiner Ansicht nach nicht rosig. STOL: Viele Südtiroler sagen sich angesichts der drohenden Krise: So langsam reicht es mir mit diesem Staat. Den Rechts-Parteien im Landtag gibt das Auftrieb. Durnwalder: Das ist kein Grund Grenzen zu verschieben, was wir zudem ja nicht selbst entscheiden können. So etwas wird auf internationaler Ebene bestimmt. Man kann nicht heute sagen, ich gehe zu diesem Staat, weil es dem besser geht und morgen dann zu einem anderen. So geht das nicht. Wir müssen im italienischen Staat mit unserer Autonomie – die wir Gott sei Dank haben – das Bestmögliche tun. Man kann ja sagen, dass es den Südtirolern recht gut geht, auch im Vergleich mit umliegenden Gebieten. Wir stehen sicherlich nicht schlecht da. STOL: Viele sagen sich aber: Noch geht es uns gut, aber was wird kommen, wenn Italien in die Krise rutscht?Durnwalder: Wenn man zwei Hände hat, einen Kopf und ein Herz, muss man in der Lage sein, mit dieser Autonomie über die Runden zu kommen.STOL: Fürchten Sie, dass das Mailänder Abkommen noch einmal abgeändert werden könnte, sollte Italien in die Schuldenkrise rutschen? Durnwalder: Wir haben dem Staat immer wieder angeboten, Kompetenzen zu übernehmen, um ihn so zu entlasten. Entscheiden muss der Staat. Sollte Rom Kürzungen im Landeshaushalt fordern, die über das Mailänder Abkommen hinausgehen, würden wir uns mit allen Mitteln zur Wehr setzen.Interview: Rupert Bertagnolli