Sonntag, 16. Januar 2022

Ein Drittel der Lkw nehmen für den Brenner weite Umwege in Kauf

Die Regierung des Bundeslandes Tirol sieht sich durch eine in Auftrag gegebene Studie darin bestätigt, dass der Umwegtransit über den Brenner wegen der vergleichsweise zu billigen Route ein massives Problem darstellt.

Der Umwegtransit über den Brenner stellt wegen der vergleichsweise zu billigen Route ein massives Problem dar. - Foto: © HANS KLAUS TECHT

Die Studie, die von der Regierung des Bundeslandes Tirol in Auftrag gegeben wurde, ergab nämlich, dass im Jahr 2019 insgesamt 33 Prozent der über den Brenner transitierenden Lkw rund 60 Kilometer und mehr an Umweg in Kauf genommen hatten. Bei rund jedem fünften Lkw waren es sogar über 120 Kilometer.

Im Jahr 2019 hätten somit über 880.000 Lkw eine um mehr als 60 Kilometer kürzere Alternative über einen anderen alpenquerenden Pass gehabt, rund ein Fünftel sogar eine um mehr als 120 Kilometer kürzere Alternativroute, so die in Bezug auf den Brennerkorridor wesentlichen Ergebnisse. Nur 40 Prozent der Transit-Lkw über den Brenner waren der Studie zufolge nach dem Kriterium der Streckenlänge am Bestweg unterwegs - am Gotthardpass in der Schweiz hingegen fast 97 Prozent des transitierenden Schwerverkehrs.

„Ernüchterndes Bild für den Brenner“

Die Regierungsspitze des Bundeslandes Tirol sah sich jedenfalls ob dieser Zahlen in ihren Argumenten mehr als bestätigt. Von einem „ernüchternden Bild“ für den Brenner sprach der Landeshauptmann des Bundeslandes Tirol Günther Platter (ÖVP).

„Worauf Tirol seit Jahren immer wieder aufmerksam macht und was angeprangert wird, haben wir mit dieser Studie schwarz auf weiß vorliegen: Wir wissen, dass nur ein kleiner Teil der den Brenner passierenden Lkw auch tatsächlich auf der Bestroute unterwegs ist. Viele Lkw, die den Brenner nutzen, fahren zusätzliche Mehrwege bzw. Umwege, weil es für die Frächter wirtschaftlicher ist“, so Platter.

Auf keinem anderen der untersuchten Alpenpässe sei der Wert, der den Umwegtransit definiert, „derartig hoch“, bilanzierte die Landeshauptmannstellvertreterin und Verkehrslandesrätin des Bundeslandes Tirol Ingrid Felipe (Grüne) die Studie, die unter dem Titel „Untersuchung der Routenwahl im alpenquerenden Straßengüterverkehr in Westösterreich und der Schweiz 2019“ lief.

Insgesamt würde die Ergebnisse die Erwartung bestätigen, „dass die Route vorwiegend aus betriebswirtschaftlichen Überlegungen gewählt wird und dabei die Kostenfaktoren Maut und Treibstoffpreise eine wesentliche Rolle spielen“, hieß es seitens der Studienautoren.

Platter: „Brenner muss entlastet werden“

„Die Studie kommt zweifelsfrei zum Ergebnis, dass sich die Routenwahl der Transporteure am besten anhand der Gesamtkosten nachvollziehen lässt und nicht über die zu fahrende Streckenlänge“, interpretierte auch Felipe und wies auf „wesentlich günstigere Mauttarife und Treibstoffpreise entlang des Brennerkorridors“ hin.

Diese Annahme sei auch dahingehend naheliegend, da die österreichischen Alpenübergänge bei einer Gesamtkostenbetrachtung einen vergleichsweise geringeren Anteil an Umwegen verzeichnen würden. Auch ergebe die Studie, dass es dringend notwendig sei, das Dieselprivileg abzuschaffen und die Mautzuschläge zu erhöhen, um am Brenner Kostenwahrheit auf der Straße herzustellen.

Problem auf europäischer Ebene lösen


Diese Kostenwahrheit zwischen München und Verona mahnte auch Platter ein, denn: „Der Brennerkorridor zieht mehr Verkehr an als alle Schweizer Alpenübergänge zusammen und muss entlastet werden“. Das Problem könne nur auf europäischer Ebene gelöst werden, so der Tiroler Landeshauptmann, der auch an die Verantwortung der österreichischen Bundesregierung erinnerte. Denn im Regierungsprogramm seien wirksame Maßnahmen wie zum Beispiel die Alpentransitbörse verankert.

Die Studie enthält Analysen von 8 Alpenübergängen in der Schweiz und Österreich. Dabei wurden insbesondere die Brenner-, Tauern- und Gotthardverbindung einer Detailuntersuchung in Bezug auf Bestwege, Mehrwege und Umwege unterzogen. Zentral wurden die Streckenlängen sowie die entstehenden Gesamtkosten untersucht.

apa/stol

Kommentare
Kommentar verfassen
Bitte melden Sie sich an um einen Kommentar zu schreiben
senden
Fritz Gurgiser
16. Januar 2022 10:18
1) Das ist seit 30 Jahren (!) bekannt - besser wäre eine "Studie", warum alle die Möglichkeiten, die es HEUTE gibt, nicht realisiert werden und warum nicht einmal Südtirol und Nordtirol zusammenarbeiten. Zum Schämen, wenn jahrzehntelang mit Steuergeld "Studien" finanziert werden, die nur Wiederholungen sind. 2) Während Österreich vor allem unter holländischem, deutschen und italienischen Druck den Transitvertrag dem Beitritt geopfert hat (1994), haben ALLE diese Staaten dem Landverkehrsabkommen Schweiz-EG 1998 ZUGESTIMMT. So einfach ist das und bis heute wird so getan, als wäre der Drittstaat Schweiz besser gestellt - ja freiwillig werden sie den Transit nicht auf ihre Straßen winken. Transitforum Austria-Tirol