Dienstag, 08. März 2016

Eine Rabenmutter? "Nein, das bin ich nicht!"

Sie ist 35 Jahre jung und wurde zur Bürgermeisterin gewählt. Weil sie aber auch Mutter von drei kleinen Kindern ist, wurde sie beschimpft und bedroht und hat das Amt nicht angetreten. Der jüngste Vorfall in Vorarlberg schlägt hohe Wellen - und lässt STOL bei einer Südtirolerin nachfragen, wie sie gerade diese zwei Welten - das Dasein als Mutter und Bürgermeisterin - unter einen Hut bringt - üble Nachrede inklusive.

Beatrix Mairhofer ist Bürgermeisterin von Ulten, Ehefrau und Mutter von zwei Kindern im Kindergarten- und Volksschulalter.
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Beatrix Mairhofer ist Bürgermeisterin von Ulten, Ehefrau und Mutter von zwei Kindern im Kindergarten- und Volksschulalter. - Foto: © STOL

Südtirol Online: Weil es aktuell zum Anlass passt - was bedeutet für Sie der Tag der Frau?
Beatrix Mairhofer, seit 2010 Bürgermeisterin von Ulten: Ganz konkret ist heute für mich ein normaler Arbeitstag - wie jeder andere auch. Aber es ist wichtig, dass es den Tag gibt, um auf die Missstände hinzuweisen, die es immer noch gibt.

STOL: Missstände, die sich etwa im Fall Carmen Willi offenbaren?! Die 35-Jährige ist in der vergangenen Woche in der Vorarlberger Gemeinde Egg zur Bürgermeisterin gewählt worden. Da sie als Mutter von drei Kindern aber dermaßen angefeindet wurde, hat sie das Amt abgelehnt. Was sagen Sie dazu?
Mairhofer: Das ist hart – und dürfte es nicht mehr geben. Denn alles ist möglich, wenn man es will, wenn man sagt: Ich bin bereit. Aber ich kann die Frau verstehen.  

Die Erklärung con Carmen Willi, das Amt der Bürgermeisterin der Vorarlberger Gemeinde Egg trotz erfolgreicher Wahl nicht antreten zu wollen. 

STOL: Sie sprechen aus eigener Erfahrung, sind selbst Mutter von zwei Kindern und Bürgermeisterin: Wie geht das?
Mairhofer: Nun, meine Kinder sind gut untergebracht. Die Tochter ist im Kindergarten, der Sohn in der Schule, damit ist der halbe Tag schon mal abgedeckt. Es geht, wenn das persönliche Umfeld hilft. Mein Mann ist freiberuflich tätig und daher der Notnagel, meine Mutter in Rente und willkommene Hilfe, ebenfalls die Schwestern.

STOL: Das zweite Kind haben Sie zudem mitten in der Amtszeit bekommen …
Mairhofer: Ja. Da hat uns eine Frau im Haus geholfen und ich hatte eine Tagesmutter. Es braucht ein Netzwerk, damit es geht.

STOL: Haben Sie Anfeindungen erlebt, Beschimpfungen oder Bedrohungen wie Frau Carmen Willi, die sich daraufhin zum Schutz der Familie vom Bürgermeisteramt zurückzog?
Mairhofer: Nein, das habe ich nie erlebt. Aber was die Leute hinter dem Rücken über einen sagen, weiß ich nicht.

STOL: Was ist mit dem Vorwurf, Sie hätten als beruftstätige Frau nicht genug Zeit für Ihre Kinder?
Mairhofer: Der Vorwurf kommt zumeist von Frauen, nicht von Männern. Manche Frauen sehen sich nicht darüber hinaus und fragen auch, wie das machbar ist. Es ist zu sagen: Es ist körperlich wirklich anstrengend.

STOL: Kann es denn sein, dass andere Frauen neidisch sind, weil sie selbst ihre Karriere für das Kind zurückstellen, Sie aber Bürgermeisterin sind?
Mairhofer: Das kann schon sein. Unter Frauen ist der Neid sehr oft da.

STOL: Sie sind also keine Rabenmutter?
Mairhofer: Auf keinen Fall. Ich bin keine schlechte Mutter.

Beatrix Mairhofer ist Bürgermeisterin von Ulten, Ehefrau und Mutter von zwei Kindern im Kindergarten- und Volksschulalter. - Foto: D

STOL: Einem Bürgermeister mit Kindern würde man diese Fragen gar nicht stellen …
Mairhhofer: Nein. Man stellt ihm gar nicht einmal die Frage, ob er eigentlich Kinder hat. Und: Man stellt auch nicht die Frage, ob er überhaupt für den Beruf geeignet ist. Bei Männern wird angenommen, ja vorausgesetzt, dass sie qualifiziert sind.

STOL: Umgekehrt gilt, eine Frau mit Kindern scheint für einen solchen Job nicht geeignet – wie es Carmen Willi beanstandet hat?
Mairhofer: Ich glaube generell – und habe es in meinem Umfeld erlebt, dass es Frauen im gebärfähigen Alter am freien Arbeitsmarkt schwer haben. Dass ihnen nahegelegt wird, gar nicht erst schwanger zu werden.

STOL: Obgleich das rechtlich nicht in Ordnung ist …
Mairhofer: Aus rein betriebswirtschaftlicher Sicht, kann man es gar verstehen, denn es bedeutet Ausfall und Extrakosten. Doch Betriebe müssen das Ganze sehen – und Frauen bringen eine andere Sicht mit in die Arbeit, die wertvoll ist.

STOL: Sie sind in der Politik. Was muss sich hierzulande politisch noch ändern, um Müttern die Arbeitswelt zu ermöglichen/erleichtern?
Mairhofer: Vor allem ist in Sachen Ungleichbehandlung von öffentlichen und privaten Angestellten zu handeln. Es kann nicht sein, dass es zwei Kategorien gibt. Es wird sicher schwierig, die Privilegien, die man den Landesangestellten gewährt hat, abzubauen, aber dann muss man eben auf der anderen Seite nachziehen.

STOL: Was wünschen Sie sich anlässlich des Tages der Frau?
Mairhofer: Dass man in der Gesellschaft offener wird. Dass Frauen für gleiche Leistung weniger bezahlt bekommen, ist ein noch immer zu starkes Phänomen. Das muss sich ändern. Und dass die grundsätzliche Bereitschaft am Arbeitsmarkt zunimmt, mehr auf die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu setzen. Was dann Frauen, wie Männern - als Müttern und Vätern - zugutekommt.

Interview: Petra Kerschbaumer

stol