Die iranische Juristin erhielt 2003 als erste Muslimin den Friedensnobelpreis. Mit 22 wurde sie in Teheran erste Richterin in der iranischen Geschichte. 1979 degradierte sie das neue Regime im Zuge der Islamischen Revolution im Land zur Sekretärin – im selben Gericht, in dem sie zuvor Richterin gewesen war.Sie ging in den Ruhestand, schrieb mehrere Bücher und erhielt 1992 die Zulassung als Anwältin. Zudem begann sie, als Dozentin an der Teheraner Universität zu lehren. Ebadi, die sich als demokratische Frau muslimischen Glaubens versteht, setzt sich für die Menschenrechte, insbesondere für die Rechte von Frauen, ein. Sie ist Präsidentin der unabhängigen Organisation „Human Rights Defence Centre in Iran“. Seit 2009 muss sie im Exil in London leben. Die 67-Jährige ist verheiratet und Mutter von zwei Töchtern.Frauen sind im Iran nur die Hälfte wertDas Gesetz im Iran erkennt Frauen nicht als gleichberechtigte Individuen an. Die Aussage einer Frau ist vor Gericht nur halb so viel wert wie die eines Mannes. Töchter erben die Hälfte von dem, was der Sohn erbt. Bei einem Unfall bekommt sie als Schadenersatz nur die Hälfte von dem, was er erhält. Um Vergewaltigung oder häusliche Gewalt zu bezeugen, müssten zwei Frauen gegen einen Mann aussagen. Er darf sich ohne Begründung scheiden lassen, wann er will, sie nicht. Wenn Frauen arbeiten oder ins Ausland reisen wollen, müssen sie die Erlaubnis ihres Mannes einholen. Artikel 115 der iranischen Verfassung verbietet, dass Frauen im Iran das Präsidentenamt bekleiden.„Eines Tages wird ihnen die Wahrheit auf den Kopf fallen.“Südtirol Online: Für Ihren Kampf um Menschenrechte und die Rechte der Frauen im Iran sind Sie und Ihre Familie verfolgt worden. Haben Sie nie Angst?Shirin Ebadi: Es stimmt. Meine Familie und ich sind angegriffen worden. Aber man darf nie vergessen, dass Demokratie und Freiheit ihren Preis haben. Dessen bin ich mir bewusst, und ich bin bereit, diesen Preis zu bezahlen. Leider haben im Iran viele meiner Kollegen einen weitaus höheren Preis bezahlt. Einige wurden sogar zu langen Haftstrafen verurteilt.STOL: Spricht man mit Menschen im Iran, hört man Stimmen, die sagen, dass nicht der Islam das Problem ist, sondern dessen fehlerhafte Umsetzung. Wie sehen Sie das?Ebadi: Ich bin absolut einverstanden. Das Problem von uns Persern ist die Diktatur im Iran. Denn dort sind andere Auslegungen des Islam außer der offiziellen strikt verboten. Das Regime sagt: Das ist die richtige Interpretation, eine andere gibt es nicht.STOL: Die Trennung von Staat und Religion ist heute in vielen islamischen Ländern undenkbar. Sie betonen jedoch, dass „eine Interpretation des Islam, die in Harmonie mit Gleichheit und Demokratie ist, eine authentische Interpretation des Glaubens ist“. Sind Islam und Demokratie vereinbar?Ebadi: Auf jeden Fall. Im Islam gibt es wie in jeder anderen Religion auch verschiedene Interpretationen. So gibt es in der westlichen Welt eine Kirche, die die gleichgeschlechtliche Ehe erlaubt, während eine andere, die an denselben Gott glaubt, strikt dagegen ist. Deshalb ist es nicht ungewöhnlich, wenn ich sage, dass es auch im Islam verschiedene Auslegungen gibt. Steinigungen und das Abhacken von Händen sind im Iran und in einigen anderen muslimischen Ländern erlaubt, in vielen anderen – z.B. in Marokko, Tunesien, Malaysia, Indonesien und Algerien – hingegen nicht. Solche Beispiele gibt es viele. Wir müssen den Islam so interpretieren, dass er mit der Demokratie und den Menschenrechten kompatibel ist. Das ist möglich. Es ist besser, Staatsgewalt und Religion zu trennen. So können Politiker die Religiosität der Menschen nicht zum eigenen Nutzen missbrauchen und sie zwingen, ihre Ideen im Namen der Religion zu akzeptieren. Einmal hat im Iran einer meiner Studenten an der Uni gesagt: Das iranische Regime will uns um jeden Preis ins Paradies schicken. Wir sind nicht frei, uns für die Hölle zu entscheiden. Die Machthaber verweigern dem Volk jegliche Entscheidungsfreiheit, sogar jene, zur Hölle zu fahren.STOL: Sie behaupten, dass die Menschen im Iran nach 35 Jahren unter religiöser Herrschaft säkular geworden sind. Das scheint ein Paradox...Ebadi: Ja, die Menschen im Iran sind säkular geworden, weil sie am eigenen Leib erfahren haben, wie es sich 35 Jahre lang unter einem religiösen Regime lebt.STOL: Kürzlich haben Sie die Situation im Iran mit einem Vulkan verglichen. Was meinen Sie damit?Ebadi: Die Iraner waren schon vor einigen Jahren unzufrieden, und seitdem ist die Frustration im Land noch sehr viel größer geworden. Zwei der Gründe dafür sind, dass die Leute ärmer geworden sind und dass das Regime gewalttätiger geworden ist. Ich nenne Ihnen zwei Beispiele: In den vergangenen Monaten haben Unbekannte in der Stadt Isfahan innerhalb weniger Wochen acht Frauen auf offener Straße Schwefelsäure ins Gesicht geschüttet. Niemand wurde bisher dafür zur Rechenschaft gezogen. Menschen, die wussten, dass diese Übergriffe von den Fundamentalisten, die das Regime unterstützen, organisiert worden sind, haben öffentlich und friedlich vor dem Parlament dagegen protestiert. Sie forderten die Verhaftung der Täter. Die Polizei hat mit großer Gewalt reagiert und mehrere Frauen festgenommen. Einige bekannte Frauenrechtlerinnen sitzen seitdem im Gefängnis. Eine von ihnen ist eine Mitarbeiterin von mir. Sie heißt Mahdieh Golroo. Das Regime hat also nicht die Täter verhaftet, sondern jene, die dagegen friedlich protestiert haben. Das ist nur einer von vielen Vorfällen aus dem Iran. So wurde am Dienstag an der Uni in Teheran eine Veranstaltung der Aktivistin Faezeh Haschemi, der Tochter von Ajatollah Rafsandschani, der von 1989 bis 1997 iranischer Staatspräsident war, von Fundamentalisten attackiert. Die Teilnehmer wurden verprügelt. Haschemi kämpft für die Rechte der Frauen im Iran und war dafür schon im Gefängnis. Sie war auch schon Abgeordnete im Parlament. Was ich damit sagen will, ist, dass jetzt selbst das Regime gespalten ist. Deshalb sage ich, dass der Iran ein Vulkan ist, der von einem Moment auf den anderen explodieren kann.STOL: Was kann der Funken sein, der zur Explosion führt?Ebadi: Die Unzufriedenheit und die große Armut der Menschen im Iran. Laut einer offiziellen Statistik der Regierung hungern elf Millionen Iraner. Die Zahlen sind aber weitaus höher. Dabei ist der Iran ein sehr reiches Land. Allerdings ist die Korruption enorm groß, wir sprechen von Milliardenbeträgen.STOL: Sie kritisieren Fundamentalisten, die den Islam für ihre Zwecke missbrauchen. Derzeit terrorisieren die extrem radikalen Kämpfer des Islamischen Staats (IS) den Irak und Syrien. Wie kann man die rückwärtsgewandte Ideologie dieser Extremisten bekämpfen?Ebadi: IS ist eine Ideologie, die man nicht mit Waffen wegfegen kann. Das ist die Lehre, die man aus dem jahrelangen Kampf gegen die Taliban in Afghanistan ziehen kann, die immer noch stark sind. Die fundamentalistische Ideologie des Islamischen Staates ist falsch, und man muss sie an der Wurzel bekämpfen. Zwei Dinge stehen dabei im Vordergrund: Das Erste ist die Unwissenheit. Alle Länder, die IS derzeit militärisch bekämpfen, sollten ihr Geld in den Aufbau von Schulen stecken. Statt Bomben sollten sie Bücher auf die Köpfe der Menschen werfen. Die Gegner des IS sollten die Schriften und Artikel von islamischen Intellektuellen veröffentlichen und verbreiten. Man muss den Menschen vor Ort zeigen, dass man als Muslim anders leben kann, als es der IS predigt. Der zweite Punkt ist die fehlende soziale Gerechtigkeit. Die IS-Fundamentalisten sind nicht nur ungebildet, sie sind auch Opfer fehlender sozialer Gerechtigkeit. Die meisten kommen aus nichtdemokratischen Ländern, in denen es sehr viel Korruption gibt. Auch viele der jungen Europäer, die sich IS angeschlossen haben, entstammen den untersten Gesellschaftsschichten. Wenn man also diese beiden Probleme nicht löst und nur Bomben abwirft, wird man nichts erreichen.STOL: Die 17-jährige Malala hat am Mittwoch den Friedensnobelpreis für ihren Einsatz für die Bildung von Mädchen in muslimischen Ländern erhalten. Sie waren 2003 die erste muslimische Frau, die diese hohe Auszeichnung bekommen hat. Hat sich seitdem die Situation der Frauen in der muslimischen Welt verbessert?Ebadi: Ich glaube, dass sich die Lage der Frauen gebessert hat, da sie sich heute ihrer Rechte bewusster sind. Sie setzen sich auch aktiv dafür ein.STOL: Welchen Stellenwert hat der Kampf von Malala für das Recht auf Bildung für Kinder?Ebadi: Bildung ist der erste Schritt für die Frau, um die Ungleichheit gegenüber Männern zu bekämpfen. Genau deshalb sind die islamischen Fundamentalisten gegen Bildung für Mädchen und Frauen. Der Anschlag auf Malala und die anderen Mädchen wurde ja durchgeführt, um sie daran zu hindern, zur Schule zu gehen. Denn sie wissen, dass eine gebildete Frau den Männern nicht mehr blind folgen wird.STOL: Die Wahrnehmung des Islam im Westen ist derzeit sehr negativ. Der Islam steckt in einer Krise. Ist das auch eine Chance, neue Wege zu suchen und Stimmen wie die Ihre zu hören?Ebadi: Ich hoffe sehr, dass eine solche Wende eintritt, denn es gibt viele muslimische Intellektuelle. Klar ist aber auch, dass es in allen Religionen Fundamentalismus gibt. Leider konzentriert sich die westliche Presse nur auf die Radikalen im Islam und erklärt, dass nur dieser Glaube gewalttätig ist. In der westlichen Presse liest man wenig davon, dass in Myanmar Buddhisten die Häuser von Muslimen niederbrennen und wie die Muslime in Tschetschenien oder die Uiguren in China behandelt und ermordet werden. Gezeigt wird nur der islamistische Fundamentalismus. Extremisten gibt es aber in allen Religionen.STOL: Wird Ihre Stimme und jene anderer muslimischer Intellektueller in den Medien muslimischer Staaten – von Tunesien bis Indonesien – gehört?Ebadi: In einem Teil der Presse schon, aber in den meisten islamischen Ländern nicht, da es meist nicht demokratische Staaten sind. Meine Worte gefallen solchen Regimen nicht. Als Ausrede sagen sie: Was wir machen, beruht auf dem Islam. Sie sind nicht daran interessiert, meine Meinung zu verbreiten, die besagt, dass der Islam mit der Demokratie kompatibel ist. Es ist aber nicht wichtig, dass sie es nicht erlauben, meine Worte zu verbreiten. Eines Tages wird ihnen die Wahrheit auf den Kopf fallen.STOL: Gibt es für Sie heute in der islamischen Welt ein Land, das sich Ihrer Vision eines modernen muslimischen Landes annähert?Ebadi: Ja, Tunesien. Die neue Verfassung des Landes ist sehr gut. Nach dem Volksaufstand und nachdem der Machthaber Ben Ali aus dem Land geflüchtet ist, hat eine islamistische Partei die Wahlen gewonnen. Da die neue Regierung fundamentalistische Tendenzen hatte, hat das Volk erneut protestiert. Der Widerstand war so groß, dass die regierende Partei sich zum Rückzug entschlossen und auf die Macht verzichtet hat. Die Verfassung wurde neu geschrieben, und jetzt hat Tunesien eine säkulare Regierung. Diese Verfassung ist, verglichen mit jener anderer islamischer Länder, die beste.STOL: Welche Rolle könnten Sie sich nach Ihrer Rückkehr in den Iran vorstellen?Ebadi: Ich bin eine Menschenrechtsaktivistin und werde das auch in Zukunft bleiben. Ich werde nie in die Politik gehen. Ich werde immer außerhalb der Institutionen sein, um ihre Fehler zu beobachten. Schauen Sie also nicht auf mich als eine zukünftige Präsidentin des Iran. Sollte ich in den Iran zurückkehren, wird es meine Aufgabe sein, weiterhin als Anwältin politische Gefangene kostenlos zu verteidigen.STOL: Wie geht es der iranischen Menschenrechtsaktivistin Narges Mohammadi (42), die 2009 den Alexander-Langer-Preis bekommen hat?Ebadi: Narges Mohammadi ist die Vizepräsidentin in der NGO „Human Rights Defence Centre in Iran“. Ich wurde zur Präsidentin gewählt, sie zur Stellvertreterin. Ich muss im Ausland leben, sie arbeitet im Iran und ist sehr aktiv. 2011 wurde sie zu sechs Jahren Haft verurteilt, und weil sie sich weigerte, mit den iranischen Sicherheitsbehörden zusammenzuarbeiten, waren ihre Haftbedingungen sehr schwierig. Sie wurde zusammen mit kriminellen, nicht mit politischen Häftlingen eingesperrt, und Narges hat sehr darunter gelitten. Auch wurde sie psychisch gefoltert. Schließlich erkrankte sie und schwebte in Todesgefahr. Glücklicherweise gab es internationale Proteste, auch durch die Alexander-Langer-Stiftung, wodurch sie freigelassen wurde. Jetzt lässt sie sich von Ärzten behandeln und arbeitet hart für das „Human Rights Defence Centre“. Noch ist sie ist nicht völlig genesen. Die Preise, die an Personen wie Narges vergeben werden, sind sehr wichtig. Die Verleihung des Alexander-Langer-Preises hat geholfen, Narges aus dem Gefängnis zu holen. Dafür möchte ich mich bei der Alexander- Langer-Stiftung bedanken.Interview: Eva Bernhard/Rupert Bertagnolli