Vom ersten atomaren Warnschuss bis zu einem nuklearen Schlagabtausch zwischen Russland und der NATO vergehen in der Simulation der Elite-Universität Princeton nur wenige Stunden. <BR /><BR /><BR />Das Ergebnis eines Atomkrieges ist unvorstellbare Zerstörung auf beiden Seiten mit mindestens 34 Millionen Toten. Das konventionell den NATO-Streitkräften unterlegene Russland feuert in dem Planspiel der Universität Princeton als Erstes einen atomaren Warnschuss ab. Das westliche Bündnis reagiert mit einem entsprechenden Vergeltungsschlag. Dann geraten die Dinge außer Kontrolle.<BR /><BR />Experten halten ein solches Szenario in der Ukraine für nicht sehr wahrscheinlich, aber auch nicht völlig ausgeschlossen. Insbesondere dann nicht, wenn die russischen Streitkräfte ihre Ziele mit konventionellen Mitteln nicht erreichen oder von den Verteidigern der Ukraine zurückgeschlagen werden. Die Wahrscheinlichkeit dafür steige, wenn die NATO, etwa bei der Durchsetzung einer Flugverbotszone, direkt in den Konflikt eingreife. <h3> Putins Warnung an „fremde Mächte“</h3>Der russische Präsident Wladimir Putin hatte damit schon zu Beginn der Invasion offen mit seiner Atommacht gedroht. In einer Fernsehansprache warnte er „fremde Mächte“ davor, sich dem Vormarsch in der Ukraine in den Weg zu stellen. Dies werde „Konsequenzen haben, die Sie noch nie in ihrer Geschichte erlebt haben.“ Nach Verhängung der Sanktionen gegen Russland versetzte er die Nuklearstreitkräfte demonstrativ in erhöhte Gefechtsbereitschaft.<BR /><BR />Angesichts der enormen Brutalität, mit der Russland konventionell Krieg gegen die Ukraine führt, steht die Befürchtung im Raum, dass Putin versucht sein könnte, taktische Nuklearwaffen einzusetzen. Nach Schätzungen des Experten Hans M. Kristensen von der „Federation of American Scientists“ verfügt Moskau über rund 2000 solcher Sprengköpfe, die nur einen Bruchteil der Explosivkraft der Atombombe von Hiroshima verfügen. <h3> Einsatz bei „existentieller Bedrohung“</h3>In einem Interview mit CNN erklärte der Sprecher des russischen Präsidenten, Dmitry Peskov, am Dienstag, nach der geltenden Militärdoktrin behalte sich Russland den Einsatz von Atomwaffen „bei einer existenziellen Bedrohung unseres Landes“ fest. Die Doktrin erwähne keine anderen Umstände. <BR /><BR />Kristensen fragt sich, warum Putin dann wenig verhüllt mit seinem Arsenal droht. Der Präsident habe damit „unnötig eine Situation zu einer nuklearen Drohung“ eskaliert. Für Nina Tannenwald von der Brown University liegt die Antwort auf der Hand. Putins Atomwaffen „halten den Westen davon ab, zu intervenieren“, sagt die Politologin. Die nukleare Abschreckung erlaube Russland in der Ukraine fast nach Belieben vorzugehen.<BR /><BR /><BR /><BR /><BR />Die USA verfügen selber nur über 100 bis 200 „Mini“-Nukes, die in Belgien, Deutschland, Italien, den Niederlanden und der Türkei stationiert sind. Weil die NATO den russischen Streitkräften konventionell hoch überlegen ist, haben die als „B61“ bekannten Sprengköpfe aus Sicht der amerikanischen Militärplaner nur einen geringen Wert. Dasselbe gilt für die U-Boot-gestützten „W76“-Atomsprengköpfe der USA.<h3> Dritter Weltkrieg droht</h3>Joe Biden hatte die Beschaffung dieser Waffen seinerzeit als „schlechte Idee“ bezeichnet, weil sie die Schwelle für einen Einsatz herabsetzten. Dass er als Präsident bei einem russischen Erstschlag jetzt davon Gebrauch machen würde, gilt als unwahrscheinlich. Biden hat wiederholt deutlich gemacht, dass die NATO unter allen Umständen eine direkte Konfrontation mit Russland in der Ukraine vermeiden will. „Das wäre der dritte Weltkrieg“, warnte Biden am 11. März.<BR /><BR />Aus russischer Sicht ist die Schwelle für den Einsatz taktischer Atomwaffen dagegen deutlich niedriger. Das bestätigte kürzlich auch der Chef des militärischen Geheimdienstes der USA (DIA), Generalleutnant Scott D. Berrier, bei einer Anhörung vor dem US-Kongress. Russland setze zunehmend auf sein nukleares Arsenal „um gegenüber dem Westen Stärke zu projizieren“.<BR /><BR />Die Fehleinschätzung der russischen Geheimdienste, der gescheiterte „Blitzkrieg“, die Waffenlieferungen an Kiew und die massiven Wirtschaft- und Finanzsanktionen der NATO-Staaten schaffen nach Ansicht einiger Analysten Bedingungen, in denen sich Putin in die Ecke gedrängt fühlen könnte. Samuel Charap von der RAND Corporation sagt, all das speise Putins Paranoia. <h3> Gegenseitige Vernichtung</h3>Andere Experten wie der frühere nationale Geheimdienstdirektor unter Barack Obama, David Gompert, glaubt, dass Putin gezielt die Angst der Amerikaner vor einem Nuklearkrieg ausnutzt. Selbst wenn der russische Präsident außer Kontrolle geriete, bräuchte er die Rückendeckung der russischen Generäle dafür. „Russland hat mindestens so viel zu befürchten wie die NATO“, rät Gompert zu mehr Gelassenheit. <BR /><BR />Denn wie die Simulation der Princeton University beispielhaft zeigt, bleibt es bei einer nuklearen Eskalation bei der als MAD (Mutual Assured Destruction) bekannten Logik. Es drohe dann die gegenseitige Vernichtung. Ein Ergebnis, an dem niemand ein Interesse haben kann.<BR />