Montag, 28. Oktober 2019

Erfahrene Krisenmanagerin für Draghi-Nachfolge an der Spitze der EZB

Die ehemalige Chefin des Internationalen Währungsfonds IWF tritt die Nachfolge von Mario Draghi an und wird 1. Präsidentin der Europäischen Zentralbank.

Mario Draghi (r.) mit seiner Nachfolgerin Christine Lagarde (l.)
Mario Draghi (r.) mit seiner Nachfolgerin Christine Lagarde (l.) - Foto: © APA/afp / ALBERTO PIZZOLI

Christine Lagarde war in ihrem Leben schon oft die Nummer 1: 1. Frau an der Spitze des Internationalen Währungsfonds (IWF), 1. französische Wirtschaftsministerin, 1. Chefin der renommierten Anwaltskanzlei Baker McKenzie. Zur Krönung ihrer Karriere wird die 63-Jährige nun die 1. Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB). Nach der symbolischen Amtsübergabe am Montag nimmt Lagarde am Freitag offiziell ihr Amt auf. Der Französin eilt ein exzellenter, aber nicht tadelloser Ruf als Krisenmanagerin voraus.

„Zu wissen, wie man Decken durchbricht, ist wichtig“, hat Lagarde einmal mit Blick auf die unsichtbaren Glasdecken gesagt, an die Frauen oft stoßen. „Zähne zusammenbeißen und lächeln“ – dieses Motto hat ihr schon als 15-Jährige ihr Trainer bei der französischen Nationalmannschaft im Synchronschwimmen eingeimpft.

Steile Karriere

Nach ihrem Aufstieg in der US-Anwaltskanzlei Baker McKenzie ging Lagarde 2005 in die Politik, zunächst als Außenhandels-Staatssekretärin in Frankreich. Der konservative Präsident Nicolas Sarkozy beförderte sie 2007 zur Wirtschafts- und Finanzministerin, als erste Frau auf diesem mächtigen Posten. Ein Jahr später brach die globale Finanzkrise aus, die auch Frankreich schwer traf.

2011 wurde sie Generaldirektorin des IWF in Washington. Dort machte sie sich einen Ruf als Vorzeigechefin und gewiefte Taktikerin. Mit schweren Krisen war sie auch dort konfrontiert, etwa mit dem Drama um Griechenland: Die Griechen sollten endlich ihre Steuern zahlen, verlangte die stets elegant gekleidete Frau mit den silbernen Haaren 2012. Zugleich warb sie für einen Schuldenschnitt.

Skandälchen und Skandale

Eher unrühmlich ist die Rolle des IWF unter ihrer Führung in der argentinischen Schuldenkrise. Vergangenes Jahr gewährte der Fonds dem kriselnden Staat eine Rekordhilfe von 57 Mrd. Dollar (51,3 Mrd. Euro) – mit mäßigem Erfolg. Steigende Staatsschulden und Hyperinflation machen Argentinien weiter schwer zu schaffen. Am Wochenende wählten die Argentinier inmitten der Krise den wirtschaftsliberalen und IWF-nahen Präsidenten Mauricio Macri ab.

Im Juni gestand Lagarde ein, der IWF habe die Situation in dem südamerikanischen Land „unterschätzt“. Zuletzt bestand sie aber darauf, dass es „viel schlimmer“ hätte kommen können, wenn der Fonds nicht eingegriffen hätte.

Und einen weiteren Fleck gibt es im Lebenslauf der Französin: Im Dezember 2016 sprach sie ein Pariser Gericht schuldig, weil sie als Finanzministerin fahrlässig zur Veruntreuung französischer Staatsgelder in Höhe von 400 Mio. Euro beigetragen hatte. Das Gericht verzichtete in dem Fall um den Verkauf von Adidas durch den Geschäftsmann Bernard Tapie allerdings auf eine Strafe.

Wenn Lagarde am 1. November offiziell für acht Jahre die EZB-Leitung von dem Italiener Mario Draghi übernimmt, ist sie die 1. Chefin, die zuvor keine nationale Zentralbank leitete. Auch eine wirtschaftswissenschaftliche Ausbildung kann die frühere Anwältin nicht vorweisen. Dennoch wisse sie genau, „was sie zu tun hat“, sagte Draghi vergangene Woche über seine Nachfolgerin.

Kontinuität in der Geldpolitik

Eine radikale Kehrtwende zur bisherigen ultralockeren Geldpolitik der Frankfurter Zentralbank ist nicht zu erwarten. Doch wird Lagarde nach drei EZB-Chefs, die vor allem auf die Steuerung von Zinssätzen setzten, voraussichtlich mehr tun müssen, um die für Zentralbanker essenzielle Glaubwürdigkeit zu sichern.

Lagarde kündigte an, das Themenspektrum der EZB um gesellschaftliche Fragen wie Klimapolitik und Frauenförderung erweitern zu wollen. Zudem soll die Politik der EZB unter ihrer Führung besser kommuniziert werden. Besonders in Deutschland ist die lockere Zinspolitik wegen negativer Folgen für Sparer umstritten. Einem „Spiegel“-Bericht zufolge will Lagarde für ihren neuen Job nun auch Deutsch lernen.

apa/afp

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