Einer der Gastgeber ist Pawel Samecki, Kommissar für Regionalpolitik in der EU-Kommission. STOL hat mit Samecki über die Rolle der Regionen in der EU, über die Kohäsionspolitik und über das " Monster Brüssel" gesprochen. Welche Ziele verfolgt die EU mit den Open Days? Pawel Samecki: Die Veranstaltung soll Europäer aller EU-Regionen zusammenbringen. Hier in Brüssel können sie Erfahrungen und Informationen über gemeinsame Probleme und Themen austauschen. Für die EU-Institutionen ist es eine gute Möglichkeit zu hören, was die Regionen zu sagen haben. Sie sind für Regionalpolitik zuständig. Sollten Ihrer Meinung nach die Regionen mehr Einfluss auf die EU-Politik haben?Samecki: Ich teile voll und ganz das, was der Präsident der EU-Kommission, José Manuel Barroso, bei der Eröffnung der Open Days gesagt hat: Die Regionen müssen mehr in die EU-Politik mit einbezogen werden. Das gilt nicht nur für mich als EU-Kommissar für Regionalpolitik, sondern auch für mehrere meiner Kollegen in der EU-Kommission. Man darf aber auch eines nicht vergessen: Je vielschichtiger Politik strukturiert ist, desto ineffizienter, komplizierter, langsamer wird sie. Deshalb sollten wir einen Ausgleich zwischen der Einbindung der Regionen und der notwendigen Effizienz in der EU-Politik finden.Seit die EU um zehn Staaten erweitert wurde, fliesst sehr viel Geld nach Osteuropa. Unterstützt die EU nur wirtschaftlich unterentwickelte Regionen?Samecki: Nein. Die EU muss sich aber besonders um jene Regionen kümmern, die wirtschaftlich hinterherhinken. Deshalb setzt die EU auf die Kohäsionspolitik, die den Abstand zwischen den wirtschaftlich starken Regionen und den schwachen Gebieten verringern soll. Dafür werden zwischen 2007 und 2013 immerhin 347 Milliarden Euro ausgegeben. Die EU-Kommission muss aber auch im Auge behalten, wie sich Europa im weltweiten Vergleich verhält. Die gesamte Wirtschaft in Europa muss gefördert werden. Die EU muss also sehr genau darauf achten, dass auch jene Regionen, die wirtschaftlich gut dastehen, den Anschluss an internationale Entwicklungen - ich nenne Brasilien, Indien und China - nicht verlieren. Die EU-Komission hat das Ziel, die gesamte Wirtschaft im EU-Raum zu modernisieren, nicht nur die wirtschaftlich schwächeren Regionen.Die Kohäsionspolitik ist ein wichtiger Teil der EU-Politik für den Zeitraum 2007 - 2013. Wird die EU damit fortfahren und wie viel Geld wird künftig bereitgestellt?Samecki: Beide Fragen kann ich nur mit Vorbehalt beantworten, da ja noch nicht feststeht, wie groß der EU-Haushalt nach 2013 ist. Ich bin aber davon überzeugt, dass die EU diese Politik fortführen wird. Gibt es Widerstand dagegen?Samecki: Ja. Einige EU-Mitgliedsländer haben vorgeschlagen, dass Regionen mit hohem Lebensstandard aus den EU-Förderprogrammen ausgeschlossen werden. Ich halte das nicht für klug. Wenn wir alle Regionen unterstützen, dann profitiert die ganze EU-Wirtschaft. Wichtig ist auch, dass Regionen bzw. Staaten länderübergreifend zusammenarbeiten, um gemeinsam gewisse Ziele zu erreichen. Ein Beispiel ist unsere Ostsee-Strategie: Dort gibt es einen makroökonomischen Plan, der von mehreren Anrainerstaaten, die sich klare Ziele gesetzt haben, getragen und umgesetzt wird. Dass die Staaten an der Ostsee zusammenarbeiten, erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass sie ihre Ziele erreichen. Gibt es weitere transnationale Kooperationen?Samecki: Ja. Die EU-Kommission hat ein solches Programm für die Donau-Area befürwortet, um Regionen in Osteuropa wirtschaftlich zu entwickeln und zu stärken. Die EU ist dabei, eine Strategie auszuarbeiten. Essentiell für dieses Programm ist, dass die Regionen, Städte und Institutionen, die davon betroffen sind, den Plan mitentwickeln und mittragen. Ohne sie wird es nicht funktionieren.Angenommen Südtirol möchte eine neue Strategie umsetzen, um seine Wirtschaft weiterzuentwickeln. Wie hilft die EU-Kommission?Samecki: Die EU-Kommission kann schwer einschätzen, ob diese Strategie für Südtirol die richtige ist. Das muss lokal entschieden werden - Brüssel will sich da nicht einmischen. Um die Unterstützung der EU zu bekommen, braucht es zwei Voraussetzungen: Die Strategie muss in die Kohäsionspolitik der EU passen und der italienische Staat muss das Projekt unterstützen. Dann könnte Südtirol für seine Strategie Geld von der EU bekommen.Viele Europäer sehen Brüssel als etwas sehr Fremdes, etwas worauf sie keinen Einfluss haben, obwohl Brüssel Einfluss auf sie hat. Muss Brüssel nicht mehr tun, um diese Distanz zu überwinden und auf die Bürger zuzugehen? Samecki: Es stimmt: Ich höre häufig Stimmen die sagen, dass Brüssel letzthin eine Art Monster geworden ist, das diktiert, was Staaten und Regionen zu tun haben. Wenn man aber genauer hinschaut, sieht man, dass das nicht stimmt. Regionen, Provinzen und Städte haben sich zusammengeschlossen und sind in Brüssel permanent präsent. Sie machen ihren Einfluss geltend und das ist gut so. Wie die EU wahrgenommen wird, ist zudem von Region zu Region verschieden. In wirtschaftlich unterentwickelten Regionen ist die EU präsenter und beliebter, weil mehr Geld aus Brüssel zu ihnen fließt, als in reiche Regionen, die auf eigenen Beinen stehen. Ich war kürzlich in einer Region in Spanien und ich kann Ihnen versichern, dass dort die Unterstützung für die EU sehr groß ist. Die Menschen dort wissen, dass es ihnen ohne EU-Hilfe schlechter ginge. Ein paar Tage später war ich in Schweden, wo Projekte, die mit EU-Hilfe umgesetzt werden, in der Öffentlichkeit nicht so präsent sind, weil dort der Wohlstand über dem EU-Durchschnitt liegt. Die Menschen sind dort nicht so sehr auf das Brüsseler Geld angewiesen. Das wirkt sich natürlich auch auf die Meinung der Menschen über die EU aus.Es geht also nur ums Geld?Samecki: Nein. Denn sonst hätten all jene Staaten, die mehr an die EU zahlen, als sie bekommen, schon vor Jahren ihr Interesse an der EU verloren. Die Staaten und damit auch die Europäer profitieren in vielen Bereichen von der EU: Es gibt einen gemeinsamen Markt, Reisefreiheit, eine starke Währung und noch vieles mehr. Das alles ist wichtiger, als die Finanzierung von einzelnen regionalen Projekten durch die EU.Interview: Rupert Bertagnolli aus Brüssel